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<subject>Production Archives 01: Puppets for Action</subject>
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<article-title><italic>Real maravilloso</italic>, Simulakren und untote K&#246;rper. Zu Funktionen des Puppenspiels im erweiterten Kontext des hispanischen Diktatorenromans (Valle-Incl&#225;n, Asturias, Borges, Eloy Mart&#237;nez)</article-title>
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<email>michael.cuntz@uni-erfurt.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Professor, Romance Literary Studies, University of Erfurt</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2026-03-25">
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<abstract>
<p>Im Kontext der hispanischen Variante der Gattung Diktatorenroman hat sich eine antirealistische &#196;sthetik herausgebildet, die in direkter Auseinandersetzung mit dem Figurentheater entsteht und sich auch in der Folge mit Referenz auf Figurentheater und Puppen weiterentwickelt. Dies geschieht in Reaktion auf eine politisch-soziale Wirklichkeit, die ihrerseits Z&#252;ge des Grotesken und Irrealen tr&#228;gt. Diese &#196;sthetik wird zun&#228;chst innerhalb des von Carpentier entwickelten Konzepts des <italic>real maravilloso</italic> situiert. Anschlie&#223;end werden an zentralen Texten von Valle-Incl&#225;n, Asturias, Borges, Garc&#237;a M&#225;rquez und Eloy Mart&#237;nez zentrale Funktionen von Figurentheater und Puppen wie die Problematisierung der Grenzen zwischen lebendig/unbelebt/tot, die Theatralit&#228;t der Wirklichkeit (Diktatur als Farce) und eine Ordnung der Simulakren nachgezeichnet.</p>
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<title>1. Einleitung: Korpus und &#228;sthetisch-politische Hintergr&#252;nde</title>
<p>Im Kontext des hispanischen Diktatorenromans sind &#8211; ohne Anspruch auf Vollst&#228;ndigkeit &#8211; mindestens vier bis f&#252;nf Texte zu benennen, f&#252;r die und in denen Figurentheater und &#8211; teils &#228;u&#223;erst morbide &#8211; Puppen eine zentrale Rolle spielen: Ram&#243;n del Valle-Incl&#225;ns <italic>Tirano Banderas</italic> [<italic>Tyrann Banderas</italic>] (1926), Miguel &#193;ngel Asturias&#8216; <italic>El se&#241;or presidente</italic> [<italic>Der Herr Pr&#228;sident</italic>] (1946), Jorge Luis Borges&#8216; <italic>El simulacro</italic> [<italic>Das Scheinbild</italic>] (1960), Tom&#225;s Eloy Mart&#237;nez&#8216; <italic>Santa Evita</italic> (1995), und, wenn auch in geringerem Ma&#223;e, Gabriel Garc&#237;a M&#225;rquez&#8216; <italic>El oto&#241;o del patriarca</italic> [<italic>Der Herbst des Patriarchen</italic>] (1975). Vor allem bei <italic>Tirano Banderas</italic>, aber auch bei <italic>El se&#241;or presidente</italic> handelt es sich um fundierende Texte der Gattung. Somit kommt dem Figurentheater und der Trope der Puppe eine zentrale Funktion innerhalb der Gattung zu &#8211; wenn auch anders, als man zun&#228;chst denken mag.</p>
<p>Prominenten Gegenbeispielen wie Mario Vargas Llosas <italic>La fiesta del chivo</italic> [<italic>Das Fest des Ziegenbocks</italic>] (2000) zum Trotz l&#228;sst sich konstatieren, dass im Kontext der hispanischen Variante des Diktatorenromans<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> Spielarten antirealistischen Schreibens dominieren.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> Dies gilt auch f&#252;r die Texte, um die es im Folgenden gehen soll. Der Einbezug von Figurentheater und Puppen ist konstitutives Element dieses Antirealismus. Der Reflex, dies mit &#8218;magischen Realismus&#8216; zu erkl&#228;ren, mag gerade angesichts der Tatsache, dass mit Gabriel Garc&#237;a M&#225;rquez auch der Schriftsteller, dem vielleicht wie keinem anderen das Label eines magischen Realisten anhaftet, mit <italic>El oto&#241;o del patriarca</italic> einen zentralen Beitrag zum hier verhandelten antirealistischen Genre geleistet hat, durchaus plausibel wirken.<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> Dennoch soll hier davon Abstand genommen werden, dieser Kategorisierung zu folgen. Zu gro&#223; ist die Gefahr, damit, obwohl der Begriff von dem Kunsthistoriker Franz Roh zur Beschreibung europ&#228;ischer Malerei entwickelt wurde, in einer exotistischen Abstellkammer zu landen, in der mehr oder weniger wahllos alles &#8211; vor allem Lateinamerikanische &#8211; deponiert wird, was zwar nicht einem abendl&#228;ndisch-modern begrenzten Verst&#228;ndnis von Realit&#228;t und ihrer Darstellung entspricht, aber als &#8218;lustvolles Fabulieren&#8216; konsumiert werden kann, ohne dieses Verst&#228;ndnis hinterfragen zu m&#252;ssen. Vor allem, weil &#8218;magischer Realismus&#8216; nicht zuletzt zu einer Verkaufsstrategie trivialisiert wurde, mit der Leser: innen des globalen Nordens eine schmackhaft-opulente Abwechslung auf dem Lekt&#252;remen&#252; angepriesen wird. Dass bei &#8218;magischem Realismus&#8216; nach kulinarischem Lesegenuss Suchenden angesichts des Sujets von Gewalt und Terror gepr&#228;gter Herrschaft und Herrscherfiguren der Appetit bei Texten dieser Gattung rasch vergeht, ist symptomatisch. Dass neben Miguel &#193;ngel Asturias auch Alejo Carpentier &#8211; der mit <italic>El recurso del m&#233;todo</italic> [<italic>Die Methode der Macht</italic>] einen gewichtigen Beitrag zum Diktatorenroman geleistet hat &#8211; als Gew&#228;hrsmann oder gar als Erfinder des <italic>realismo m&#225;gico</italic> gilt, beruht hingegen auf einer schwer nachvollziehbaren Fehllekt&#252;re. Denn w&#228;hrend in der Forschung <italic>realismo m&#225;gico</italic> und jenes Konzept, das Carpentier tats&#228;chlich entwickelt hat, n&#228;mlich &#8218;lo real maravilloso&#8216;, also das wunderbare &#8211; oder staunenswerte &#8211; Wirkliche, als Synonym benutzt werden (<xref ref-type="bibr" rid="B44">Villanueva, 2020: LIII</xref>), hat Carpentier diese Gleichsetzung entschieden zur&#252;ckgewiesen.</p>
<p>Schreiben die Herausgeberinnen einer englischen &#220;bersetzung von &#8218;De lo real maravilloso&#8216;: &#8218;Alejo Carpentier refers to the German art critic Franz Roh, and contemporary literary critics refer to both Carpentier and Roh as they devise their own theories of magical realism&#8217; (<xref ref-type="bibr" rid="B47">Zamora and Faris, 1995: 75</xref>),<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> so wirkt dieser Satz korrekt und ist doch am entscheidenden Punkt absolut falsch. Ja, Carpentier bezieht sich in einem zweiten programmatischen Text, &#8218;Lo barroco y lo real maravilloso&#8217; tats&#228;chlich auf Roh und ja, offenbar autorisiert das Literaturwissenschaftler:innen nicht nur dazu, magischen Realismus und das staunenswerte Wirkliche gleichzusetzen, sondern auch noch zur Unterstellung, dies habe schon Carpentier getan. Wer dergleichen behauptet, hat sich offenbar nicht die M&#252;he gemacht, den zweiten Text wirklich zu lesen.</p>
<p>In diesem 1975 &#8211; also auf dem H&#246;hepunkt des Booms, mit dem lateinamerikanische Literatur mit dem Label &#8218;magischer Realismus&#8216; zum Exportschlager in den globalen Norden wurde &#8211; in Caracas gehaltenen Vortrag fingiert Carpentier die Frage eines Zuh&#246;rers: &#8218;Pero muchas personas me dicen a veces: &#8218;Pero, en fin, hay una cosa que se ha llamado el <italic>realismo m&#225;gico</italic>: &#191;qu&#233; diferencia hay entre el realismo m&#225;gico y lo real maravilloso?&#8217; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Carpentier, 1987b: 114</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref>.</p>
<p>Im Anschluss stellt Carpentier klar, dass Franz Roh in den 20er Jahren ein Buch &#252;ber den magischen Realismus ver&#246;ffentlicht habe, in dem es um expressionistische Malerei geht &#8211; und zwar um einen spezifischen Typus expressionistischer Malerei, &#252;ber den Carpentier mit sichtlicher Geringsch&#228;tzung spricht, einer Malerei, in der reale, allt&#228;gliche, banale Dinge und Formen in einer nicht der t&#228;glichen Realit&#228;t entsprechenden Weise zusammengestellt werden, onirisch, dekorativ, vollkommen unpolitisch. Als besonders repr&#228;sentativ f&#252;r diese Form des Expressionismus halte Roth daher Marc Chagall.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> Nichts k&#246;nnte Carpentier weniger interessieren. Womit sich f&#252;r ihn die Rede vom <italic>realismo m&#225;gico</italic> erledigt hat. Klar zeigt sich an diesem Beispiel auch, worin sich magischer Realismus und das erstaunliche Wirkliche noch unterscheiden: Magischer Realismus ist lediglich ein <italic>Verfahren</italic>, mit dem &#8211; gewisserma&#223;en k&#252;nstlich &#8211; etwas als zauberhaft erscheinen soll, das in Wahrheit in keiner Weise von der (modernen europ&#228;ischen) prosaischen Wirklichkeit abweicht. Das gleiche konstatiert Carpentier wiederholt f&#252;r das Wunderbare des Surrealismus (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Carpentier, 1987a. 74&#8211;75</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B8">Carpentier, 1987b: 114&#8211;115</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref> Mit dem wunderbaren oder staunenswerten Wirklichen hingegen zielt Carpentier auf eine <italic>andere</italic>, die Grenzen europ&#228;ischer Vorstellungskraft sprengende, von ihm auch als barock bezeichnete Wirklichkeit ab, wie sie sich ihm zufolge in Lateinamerika allenthalben manifestiere. Dieses Was der Wirklichkeit ziehe gleichsam zwangsl&#228;ufig das Wie seiner Darstellung nach sich. Nennt Carpentier als Beispiel f&#252;r diese staunenswerte Wirklichkeit auch einen Diktator des 19. Jh., dessen exzessiver, sich selbst gegen engste Familienmitglieder richtender, ihn in die absolute Isolation treibender Verfolgungswahn eine Geschichte abgebe, die viel au&#223;erordentlicher sei als jene von <italic>Macbeth</italic> (er meint vielleicht eher <italic>King Lear</italic>) (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Carpentier, 1987b: 117</xref>), stellt er implizit eine Verbindung zwischen <italic>real maravilloso</italic> als antirealistischem Programm und dem Diktatorenroman her, die, wie gleich gezeigt werden soll, auch tats&#228;chlich besteht.</p>
<p>Carpentiers vielschichtige Argumentation hier zu entfalten, w&#252;rde zu weit f&#252;hren. F&#252;r unseren Kontext &#8211; und f&#252;r die Autoren, um die es in der Folge gehen soll &#8211; ist vor allem relevant, dass trotz der deutlich erkennbaren Tendenz Carpentiers, eine genuin lateinamerikanische Literatur zu umrei&#223;en, dies nicht in Verabschiedung von oder Bruch mit europ&#228;ischer Literatur und Kultur stattfindet, sondern als eine Verschiebung, die weiter auf das Europ&#228;ische angewiesen bleibt, das aber seinerseits &#252;ber die Figur des Barocken dezentriert wird. Denn das Barocke ist f&#252;r Carpentier kein fr&#252;hmoderner Epochenstil, sondern eine Konstante menschlicher Kunst, die sich durch F&#252;lle, Exuberanz und (auch politische) Zentrifugalit&#228;t auszeichnet &#8211; was er in indischer und pr&#228;kolumbianischer Architektur und Dichtung wiederfindet (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Carpentier, 1987b: 107&#8211;113</xref>). Dennoch konstatiert Carpentier bezogen auf den eurasischen Kontinent seine Zugeh&#246;rigkeit zu einem &#8211; modernen wie vor-modernen oder anders gesagt: a-modernen &#8211; europ&#228;ischen Kulturraum, denn nur dessen Zeichen und Bedeutungen seien f&#252;r ihn lesbar (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Carpentier, 1987a: 69&#8211;70</xref>). Und so entsteht auch das <italic>real maravilloso</italic> letztlich aus dem staunenden Blick der Europ&#228;er auf eine neue Welt, f&#252;r die ihnen Worte wie Begriffe fehlen: &#8218;Luego para entender, interpretar este nuevo mundo hac&#237;a falta un vocabulario nuevo al hombre, pero adem&#225;s [&#8230;.] una &#243;ptica nueva&#8217; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Carpentier, 1987b: 116</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref> Carpentiers vehemente Abgrenzung vom Surrealismus tr&#228;gt Z&#252;ge einer Verneinung, denn es d&#252;rfte kaum Zufall sein, dass er literarische Theorie und Praxis des <italic>real maravilloso</italic> entwirft, als er nach jahrelangem Aufenthalt in Paris nach Lateinamerika zur&#252;ckgekehrt war und so den staunenden Blick der ersten Europ&#228;er auf Lateinamerika, auf den er mehrfach verweist, selbst nachvollzieht. Die Verzerrung einer dezidiert europ&#228;ischen Optik (als Reaktion auf eine Wirklichkeit, auf die diese Optik nicht vorbereitet war) ist dann das Verfahren, das er in seinem eigenen Beitrag zum Diktatorenroman <italic>El recurso del m&#233;todo</italic> w&#228;hlt, in dem kartesianisches Denken anhand komplett antikartesianischer lateinamerikanischer Figuren ad absurdum gef&#252;hrt wird.</p>
<p><italic>Real maravilloso</italic> wie hispanischer Diktatorenroman waren also nie eine &#8218;rein&#8216; lateinamerikanische Angelegenheiten, sondern bezogen entscheidende Impulse aus einem transatlantischen Austauschprozess, einer <italic>mestizaje</italic> zwischen lateinamerikanischen und eben auch europ&#228;ischen Elementen.<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref> Das <italic>real maravilloso</italic> ist nicht das Andere der europ&#228;ischen Kunst, sondern die Dekonstruktion der Oppositionen Europa/Lateinamerika und modern/vormodern: A-modernes Kontinuum. Pr&#228;gende Texte des hispanischen Diktatorenromans sind unter Einfluss der &#228;sthetischen Innovationen europ&#228;ischer Avantgarden entstanden. So tr&#228;gt Miguel &#193;ngel Asturias&#8216; nach langem Parisaufenthalt geschriebener Roman <italic>El se&#241;or presidente</italic> Z&#252;ge des Surrealismus, mit dessen Vertretern, vor allem Andr&#233; Breton, er ebenso in Kontakt stand wie mit James Joyce und Miguel de Unamuno (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Lano&#235;l-d&#8217;Aussenac, 1997: 27</xref>). Entscheidend ist, dass die Ber&#252;hrung dort stattfindet, wo die Avantgarden selbst auf au&#223;ereurop&#228;ische Kunst, Mythen wie auf vormoderne europ&#228;ische Best&#228;nde und damit auf A-Modernes zur&#252;ckgreifen.</p>
<p>Doch der Ausgangspunkt f&#252;r diesen Austausch liegt fr&#252;her als der Surrealismus und ist eng verwandt mit jener anderen Spielart des Expressionismus, die Carpentier &#8211; er nennt Brecht, Georg Kaiser oder Karel &#268;apek &#8211; sichtbar h&#246;her einsch&#228;tzt, weil sie auf eine Situation des allgemeinen Zusammenbruchs mit Kampfgeist, Sarkasmus und gesellschaftspolitischen Einsatz reagiert.<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref> Interessanterweise ist es kein Lateinamerikaner, sondern der Spanier Ram&#243;n del Valle-Incl&#225;n, der mit <italic>Tirano Banderas</italic>, einem Roman &#252;ber einen fiktiven, synkretistisch aus Figuren diverser Epochen und L&#228;nder Lateinamerikas konstruierten Diktator und den gegen ihn gef&#252;hrten Aufstand, einen der zentralen Begr&#252;ndungstexte des hispanischen Diktatorenromans geschrieben hat. In Reaktion auf die desolate gesellschaftliche Situation Spaniens, die von Armut, &#246;konomischer wie kultureller R&#252;ckst&#228;ndigkeit und Stagnation, Zensur, Korruption, Diktatur und brutaler Unterdr&#252;ckung gepr&#228;gt ist, bricht Ram&#243;n del Valle-Incl&#225;n im Verlauf der 1920er Jahre mit seiner &#228;sthetizistisch-modernistischen &#196;sthetik und seiner apolitischen Haltung, um als dezidiert politische Intervention (<xref ref-type="bibr" rid="B29">Caudet, 2017: 50&#8211;</xref>51<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref>) zun&#228;chst vor allem im Rahmen von Theaterst&#252;cken seine &#196;sthetik des Esperpento &#8211; was im Deutschen mit Schauerposse &#252;bersetzt wird &#8211; zu entwickeln. Eine &#196;sthetik, die, wie bereits eingangs bemerkt, ohne die intensive Auseinandersetzung mit und Transformation von traditionellen Formen des Figurentheaters nicht h&#228;tte entstehen k&#246;nnen.</p>
<p>In der Forschung ist der Esperpento &#228;u&#223;erst plausibel als enger Verwandter des Kubismus und des Expressionismus definiert worden (<xref ref-type="bibr" rid="B40">Rodr&#237;guez, 1994: XIX</xref>). Und so wie es f&#252;r Carpentier die Wirklichkeit Lateinamerikas ist, die nach einer neuen Optik verlangt, bedient sich Valle-Incl&#225;n nicht nur einer optischen Metapher, jener des konkaven Spiegels, um das Esperpento zu definieren, sondern es ist die Realit&#228;t Spaniens selbst, die (auch) ihm als absurd und unwirklich und, wie Manuel Dur&#225;n feststellt (zit. n. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Caudet, 2016: 49&#8211;50</xref>), geradezu als ein <italic>real grotesco</italic> erscheint. Besonders deutlich wird dies in seinem bekanntesten Esperpento, <italic>Luces de bohemia</italic> [<italic>Glanz der Boh&#232;me</italic>] (1920/1924), in dem der Protagonist Max Estrella sagt: &#8218;Espa&#241;a es una deformaci&#243;n grotesca de la civilizaci&#243;n europea&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Valle-Incl&#225;n, 2016: 419</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref></p>
<p>In seinem Diktatorenroman <italic>Tirano Banderas</italic> &#252;bertr&#228;gt Valle-Incl&#225;n diese &#196;sthetik des Esperpento schlie&#223;lich auf lateinamerikanische Verh&#228;ltnisse &#8211; die sich in der Tat als staunenswerte Steigerung der grotesken spanischen Verh&#228;ltnisse lesen lassen -, reichert sie dabei aber durch eine doppelte <italic>mestizaje</italic> an: zum einen durch die Verwendung zahlreicher lateinamerikanischer Quellen (<xref ref-type="bibr" rid="B29">Caudet, 2017: 167&#8211;179</xref>), zum anderen durch die starke Verwendung von aus ganz Lateinamerika versammeltem Vokabular, das er synkretistisch zu einer Kunstsprache zusammensetzt (<xref ref-type="bibr" rid="B40">Rodr&#237;quez, 1994: XXXVI&#8211;XXXVIII</xref>).</p>
<p>Eine direkt mit der Thematisierung von charismatischer F&#252;hrerschaft<xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref> verbundene Besonderheit des hispanischen Diktatorenromans ist die Bezugnahme auf Ph&#228;nomene des Mesmerismus und Magnetismus, die seit Valle-Incl&#225;n und Asturias das Genre durchziehen. Dies ist f&#252;r die Betrachtung der Bedeutung des Figurentheaters in dieser Textkonstellation direkt von Belang. Denn so erkl&#228;rt sich, dass das Figurentheater gerade nicht ins Spiel kommt, um, wie man vielleicht erwarten k&#246;nnte, Diktatoren und autorit&#228;re Herrscherfiguren als die buchst&#228;blichen Strippenzieher darzustellen, die alle F&#228;den in der Hand halten.<xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref> Eben diese Funktion &#252;bernimmt der Diskurs des Magnetismus: Der Diktator wird als Magnetiseur modelliert, der seinen Einfluss, sein Prestige, &#252;ber das ganze Land aus&#252;bt. Besonders deutlich ist dies etwa bei Asturias (<italic>El se&#241;or presidente</italic>) oder auch in Vargas Llosas <italic>La fiesta del chivo</italic>, wobei sich dort Magnetismus &#8211; es geht um die Dominikanische Republik &#8211; und Vaudun oder Voodoo &#252;berlagern.</p>
<p>Bei genauerer Reflexion ist die Entscheidung f&#252;r die Figur des Magnetiseurs und gegen den Puppenspieler zur Charakterisierung des Diktators noch aus einem anderen Grund plausibel: Mit der Metapher des Puppenspielers verbindet sich die Vorstellung einer verborgenen Macht, des Strippenziehers einer Verschw&#246;rung, der aus dem Dunklen und dem Verborgenen heraus agiert. Der Diktator hingegen ist h&#228;ufig eine charismatische Figur, die mittels inszenierter Auftritte vor der Menge und durch deren Akklamation regiert, deren Sichtbarkeit auf der politischen B&#252;hne f&#252;r alle also wesentlicher Bestandteil der Herrschaftsaus&#252;bung ist. Umso auff&#228;lliger ist es, dass es im Gegenteil die Herrscherfiguren, ihre Leichname oder ihre untoten Zwischenk&#246;rper selbst sind, die als Puppen erscheinen, die von <italic>anderen</italic> M&#228;chten, etwa aus dem globalen Norden (<xref ref-type="bibr" rid="B45">Villarmea &#193;lvarez, 2006: 163</xref>) oder Nachfolgern, die seiner Figur bed&#252;rfen, bewegt werden.</p>
<p>Figurentheater und Puppe erf&#252;llen daher andere wichtige Funktionen im Diktatorenroman: Sie spielen eine zentrale Rolle in der Entwicklung der umrissenen antirealistischen &#196;sthetik, die auch darin begr&#252;ndet liegt, dass die Welt der Diktatur oder der autorit&#228;ren Herrschaft selbst als surreal, irreal, hyperreal, simulakrenhaft erscheint. Valle-Incl&#225;n entwirft dabei auch den Autor bzw. die Vermittlungsinstanz als Puppenspieler, der seine Figuren manipuliert. Dar&#252;ber hinaus geht es um die Schaffung einer Zone des Untoten &#8211; Prothesen, pr&#228;parierte Kadaver, aber auch Kleidungsst&#252;cke (womit auch der Fetisch ins Spiel kommt) &#8211; sowie um die Handlungsmacht des Nicht-Lebendigen. Im Extremfall erscheint das Leben in der Diktatur als ein Zustand des Untotseins (Asturias).</p>
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<sec>
<title>2. Ram&#243;n del Valle-Incl&#225;n: Von <italic>Luces de bohemia</italic> (1920/1924) und <italic>Los cuernos de Don Friolera</italic> (1921/1925) zu <italic>Tirano Banderas</italic> (1926)</title>
<p>Ram&#243;n del Valle-Incl&#225;ns <italic>Tirano Banderas</italic> (1926) als zentraler Ausgangspunkt des Genres des hispanischen Diktatorenromans ist &#252;ber eine doppelte Vermittlung mit dem Puppentheater verbunden. &#220;bertr&#228;gt Valle-Incl&#225;n darin die in seinen Theaterst&#252;cken entwickelte und am Marionettentheater orientierte &#196;sthetik des Esperpento auf den Roman, so liegt die Betonung auf &#8218;orientiert an&#8216;. Seine Esperpentos und Farsas sind de facto <italic>kein</italic> Figurentheater. Wurden die als schwer auff&#252;hrbar oder gar unauff&#252;hrbar geltenden und deswegen h&#228;ufig sogar als Lesedramen klassifizierten St&#252;cke in den 1910er und 20er Jahren gespielt, so geschah dies stets mit menschlichen Schauspielern, auch wenn die St&#252;cke Untertitel wie <italic>Auto para siluetas</italic>, also ungef&#228;hr &#8222;Mysterienspiel f&#252;r Scherenschnitte&#8220; oder <italic>Melodrama para marionetas</italic>, &#8222;Melodram f&#252;r Marionetten&#8220; trugen.<xref ref-type="fn" rid="n15">15</xref> Doch bedeutet dies keine Abschw&#228;chung, sondern eher eine Verst&#228;rkung des Prinzips. Nicht Puppen sollen Menschen imitieren und wie Menschen auf das Publikum wirken, sondern menschliche Schauspieler wie Gliederpuppen agieren, inszeniert und wahrgenommen werden.<xref ref-type="fn" rid="n16">16</xref> Betont wird dies etwa in den B&#252;hnenanweisungen zum <italic>Esperpento de los cuernos de Don Friolera</italic> [<italic>Die H&#246;rner von Leutnant Firlefanz</italic>], einer bei&#223;enden Satire auf das Ehrendrama des spanischen Siglo de oro, die dessen Verkl&#228;rung von Femizid in der Groteske zur Kenntlichkeit entstellt. Nicht zuletzt um den Kodex, der vom geh&#246;rnten Ehemann verlangt, seine Ehre mit dem Blut seiner Frau &#8218;reinzuwaschen&#8216;, als sinnentleerte Mechanik (zum Mechanischen der Puppe bei Valle-Incl&#225;n <xref ref-type="bibr" rid="B28">Caudet, 2016: 97</xref>) vorzuf&#252;hren, werden die Figuren dort wiederholt mit Vogelscheuchen und Marionetten verglichen. In direktem Verweis oder Anspielung auf Ortega y Gassets ber&#252;hmten Essay <italic>La deshumanizaci&#243;n del arte</italic> [<italic>Die Entmenschlichung der Kunst</italic>] von 1925 ist in diesem Zusammenhang immer wieder von der <italic>deshumanizaci&#243;n</italic> der Esperpento-&#196;sthetik die Rede (<xref ref-type="bibr" rid="B40">Rodr&#237;guez, 1994: XVIII</xref>; Echeverr&#237;a, 2016: 17&#8211;18). Exemplarisch geschieht dies etwa in der Anweisung zur vierten Szene: &#8218;Don Friolero, en el reflejo amarillo del quinqu&#233;, es un fantoche tr&#225;gico&#8230;&#8216;, dann: &#8218;El movimiento de las figuras, aquel entrar y salir con los brazos abiertos, tienen la sugesti&#243;n de una tragedia de fantoches&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Valle-Incl&#225;n, 2016: 564&#8211;565</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n17">17</xref></p>
<p>Auf der Suche nach einer neuen &#196;sthetik bricht der aus Dekadenzliteratur und dem von dem Nicaraguaner Rub&#233;n Dar&#237;o initiierten Modernismo hervorgegangene Valle-Incl&#225;n mit jeder Form des Realismus. Dies bedeutet, und alles nun Gesagte gilt ebenso f&#252;r <italic>Tirano Banderas</italic>, eine &#196;sthetik der Verfremdung und der Montage, aber auch der radikalen Entpsychologisierung. In der Forschungsliteratur ist von Verdinglichung und der Konstruktion des Kunstwerks als Apparat und Spielzeug die Rede (<xref ref-type="bibr" rid="B40">Rodr&#237;guez, 1994: XX</xref>). Verfremdung wird dabei als groteske Verzerrung eine Frage der Optik. Valle-Incl&#225;n verwendet zum einen in der zw&#246;lften Szene von <italic>Luces de bohemia</italic>, seinem ber&#252;hmtesten Esperpento, die Metapher von konkaven Spiegeln, die die auftretenden Figuren so deformieren, dass sie kleiner erscheinen.</p>
<disp-quote>
<p>Max: La tragedia nuestra no es tragedia.</p>
<p>Don Latino: &#161;Pues algo ser&#225;!</p>
<p>Max: El Esperpento.</p>
<p>[&#8230;]</p>
<p>Don Latino: Deja esa farsa. Vamos a caminar.</p>
<p>[&#8230;]</p>
<p>Max: Los h&#233;roes cl&#225;sicos reflejados en los espejos c&#243;ncavos dan el Esperpento. El sentido tr&#225;gico de la vida espa&#241;ola s&#243;lo puede darse con una est&#233;tica deformada (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Valle-Incl&#225;n, 2016: 417&#8211;419</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n18">18</xref></p>
</disp-quote>
<p>Es ist aber auch die Position des Autors, sein Blick von oben auf seine Figuren, die er in einem Interview ins Zentrum r&#252;ckt. Demzufolge gebe es drei Weisen, die Welt k&#252;nstlerisch zu sehen: auf den Knien, stehend oder in die Luft erhoben. Die erste w&#228;re so etwas wie die mythische Perspektive (Trag&#246;die), die zweite die der realistischen Literatur &#8218;que es mirar los protagonistas novelescos como de nuestra propia naturaleza, como si fueran nuestros hermanos&#8216; (&#8218;die darin besteht, die Romanhelden so zu betrachten wie von unserer eigenen Natur, so als w&#228;ren sie unsere Br&#252;der&#8216;), die dritte verwandelt selbst G&#246;tter in Schwankfiguren: &#8218;manera de demiurgo, que no se cree en modo alguno hecho del mismo barro que sus mu&#241;ecos&#8216; (&#8218;Manier des Demiurgen, der sich in keiner Weise f&#252;r aus dem gleichen Ton gemacht h&#228;lt wie seine Puppen&#8216;, Sierra und Valle-Incl&#225;n 1928, zit. n. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Rodr&#237;guez, 1994: XV</xref>).</p>
<p>Im Prolog des <italic>Esperpento de los cuernos de Don Friolera</italic> tritt zudem tats&#228;chlich, Spiel im Vorspiel, das in grotesker Kondensation die Handlung der Farce vorwegnimmt, ein Puppenspieler auf, ein <italic>bulul&#250; con sus cristobillas</italic> (mit Kasperlefiguren), dessen Darbietung zwei Personen Anlass zu einem poetologischen Dialog gibt, in der die Esperpento-&#196;sthetik des Bulul&#250; in ganz &#228;hnlichen Worten wie im Interview zun&#228;chst vom spanischen Theater, dann von Shakespeare abgegrenzt wird:</p>
<disp-quote>
<p>D<sc>on</sc> E<sc>strafalario</sc>&#160;<sc>[</sc>der Name bedeutet eigentlich: exzentrisch, grotesk, verwahrlost]: [&#8230;] Shakespeare rima con el latido del coraz&#243;n, el coraz&#243;n de Otelo: Se desdobla en los celos del moro: Creador y criatura son del mismo barro humano. En tanto ese bulul&#250; ni un solo momento deja de considerarse superior por naturaleza a los mu&#241;ecos de su tabanque. Tiene una dignidad demi&#250;rgica (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Valle-Incl&#225;n, 2017: 550</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n19">19</xref></p>
</disp-quote>
<p>Der Verweis auf die Eifersucht ist zentral, denn worum es Valle-Incl&#225;n auch geht, ist eine &#196;sthetik, in der dem Publikum die M&#246;glichkeit des Mitf&#252;hlens, des Lachens und Weinens mit den Personen/Figuren verweigert wird. D<sc>on</sc> E<sc>strafalario</sc>: &#8218;Mi est&#233;tica es una superaci&#243;n del dolor y de la risa, como deben ser las conversaciones de los muertos al contarse historias de vivos&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Valle-Incl&#225;n, 2017: 545</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n20">20</xref> Hier lassen sich zwei Beobachtungen machen: Da erstens ausdr&#252;cklich vom <italic>Humor</italic> die Rede ist und es sich beim aufgef&#252;hrten St&#252;ck um ein drastisches Kasperletheater handelt, das sich um aufgesetzte H&#246;rner dreht und in dem reichlich Pr&#252;gel ausgeteilt werden, wird damit sicher nicht das Lachen <italic>&#252;ber</italic> die grotesken Figuren (und den parodierten Architext des Ehrendramas) ausgeschlossen. Ist zweitens von <italic>conversaciones de muertos</italic> die Rede, so zeigt dies, dass Valle-Incl&#225;ns Antirealismus auch eine Anti-Verlebendigungs-&#196;sthetik ist. Puppen und puppenartige Theater- und Romanfiguren treten in der <italic>cosificaci&#243;n</italic>, der Verdinglichung, stets in der Ambivalenz zwischen Totsein und Animiertwerden, also in einem untoten Zustand in Erscheinung. Es f&#228;llt auf, dass in den beiden poetologischen Passagen der Esperpentos wie im <italic>Tirano Banderas</italic> jeweils eine Person den unm&#246;glichen Satz von Poes magnetisiertem Waldemar ausspricht: &#8218;&#161;Muerta estoy!&#8216; ruft La mo&#241;a, die weibliche Stoffpuppe des <italic>bulul&#250;</italic> im Puppenspiel im Spiel (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Valle-Incl&#225;n, 2017: 547</xref>, &#8218;Tot bin ich!&#8216;; <xref ref-type="bibr" rid="B19">Valle-Incl&#225;n, 1989: 94</xref>), &#8218;Estoy muerto&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Valle-Incl&#225;n, 2016: 423</xref>, &#8218;Ich bin tot&#8216;; <xref ref-type="bibr" rid="B19">Valle-Incl&#225;n, 1989: 71</xref>) sagt der Protagonist Max Estrella in <italic>Luces de bohemia</italic>, nachdem er sich als Leiter seiner eigenen Beerdigung imaginiert hat.<xref ref-type="fn" rid="n21">21</xref> &#8218;Estoy muerta&#8216; sagt in <italic>Tirano Banderas</italic> im magnetischen Traum Lupita la Rom&#225;ntica, das Medium des Doctor Polaco (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 67</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B17">Valle-Incl&#225;n, 1975: 82</xref>). Den gleichen Satz wird Asturias in <italic>El se&#241;or presidente</italic> die Geliebte des Protagonisten, Cara de &#193;ngel, in einem ihrer somnambulen Tr&#228;ume sagen lassen (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 294</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n22">22</xref></p>
<p>Im Kontext der Parallelisierung von Autor und Puppenspieler ist es signifikant, dass Valle-Incl&#225;n nicht den gebr&#228;uchlichsten spanischen Begriff f&#252;r Puppenspieler, <italic>t&#237;tere</italic>, verwendet, sondern stattdessen das seltenere <italic>bulul&#250;</italic>. Dies mag zum einen der Tatsache geschuldet sein, dass der Galizier Valle-Incl&#225;n seine Texte mit zahlreichen galizischen Termini durchsetzt hat. Denn der <italic>bulul&#250;</italic> tritt in Spanien erstmals im Galizien des sp&#228;ten 16. Jahrhunderts in Erscheinung: Es handelt sich um einen Schauspieler, der Theaterst&#252;cke alleine auff&#252;hrt, indem er alle Rollen selbst spielt und somit Polyphonie mit eigener Vielstimmigkeit und Gestenwechsel verk&#246;rpert<xref ref-type="fn" rid="n23">23</xref>, ein Typus, der seine Vorl&#228;ufer in den mittelalterlichen Gauklern und dem Renaissancetheater Italiens hat.<xref ref-type="fn" rid="n24">24</xref> Im <italic>Esperpento de los cuernos de Don Friolera</italic> ist der <italic>bulul&#250;</italic> ein polyvalenter Theaterakteur, der nicht nur seine Handpuppen spielen l&#228;sst und ihnen seine Stimme verleiht, sondern, im Einklang mit der urspr&#252;nglichen Tradition, auch selbst als Person des St&#252;cks agiert und Dialoge mit seinen Puppen f&#252;hrt. Dies widerspricht in gewissem Sinne der im Interview betonten Hierarchie zwischen Autor und Figuren, obwohl es sich offensichtlich nicht um die realistische Behandlung der Puppen als aus der gleichen Erde geschaffen handelt. Sehr wohl aber kommt dabei die Verwischung der Grenze zwischen Belebtem und Unbelebten ins Spiel, die schon durch die Animation der Handpuppen am eigenen K&#246;rper eine Rolle spielt. Die beiden Figuren, El Fantoche und La Mo&#241;a, erscheinen auf den Schultern des Spielers, wachsen also gleichsam aus seinem K&#246;rper hervor und nutzen diesen als B&#252;hne.</p>
<p>Hier wird ein weiterer wichtiger Aspekt der Demiurgen-Dimension anschaulich. Einen Vorschlag von Kai Merten in der Diskussion dieses Beitrags aufgreifend, l&#228;sst sich hier von <italic>aufgef&#252;hrter Diegese</italic> sprechen. Anders als in vielen Formen der auf Illusionsb&#252;hne und vierter Wand beruhenden Formen von Schauspielertheater<xref ref-type="fn" rid="n25">25</xref> ist die Vermittlungsinstanz in ihrer hervorbringenden Funktion sichtbar. Gerade durch diese Sichtbarmachung kann das Figurentheater zu Vorbild und Reflexionsfigur einer modernen, ihre Mittel und Verfahren offenlegenden &#196;sthetik narrativer Texte und insbesondere des Romans werden.<xref ref-type="fn" rid="n26">26</xref> In der Beobachtung dieser Auff&#252;hrung kann im &#220;brigen auch die Vorstellung einer alleinigen <italic>agency</italic> des Spielers/Autors/Erz&#228;hlers zugunsten einer Interaktion mit verteilter Handlungsmacht revidiert werden &#8211; die Puppen haben ebenso ihr Eigenleben wie die Figuren narrativer Texte.</p>
<p>Der &#228;sthetische Weg von den Esperpento-St&#252;cken zum Roman <italic>Tirano Banderas</italic> ist kurz, der &#220;bergang zwischen den Gattungen ist flie&#223;end. Tats&#228;chlich sind die formalen Unterschiede gerade zwischen <italic>Luces de bohemia</italic> und <italic>Tirano Banderas</italic> minimal. Der Roman weist stark dramatische Z&#252;ge auf, besteht in erster Linie aus Dialogen, die kurzen Kapitel lesen sich wie Szenen eines Theaterst&#252;cks. Die beschreibenden Passagen unterscheiden sich in ihrem Duktus wenig von den ausf&#252;hrlichen &#8211; kaum realiter auf einer B&#252;hne umzusetzenden &#8211; B&#252;hnenanweisungen von Valle-Incl&#225;ns Esperpentos. Die stark stilisierten Schaupl&#228;tze wirken wie B&#252;hnenbilder f&#252;r ein expressionistisches Drama (oder einen expressionistischen Film).</p>
<p>Jener Teil der Handlung, der sich in der fiktiven Hauptstadt Santa Fe de Tierra Firme zutr&#228;gt, ist im Kontext von Volksfest, Zirkus und Gauklerei situiert &#8211; so wie der Bulul&#250; eine Person war, die auf den Pl&#228;tzen von St&#228;dten und D&#246;rfern der Renaissance seine Darbietungen gab. Daraus ergibt sich f&#252;r Valle-Incl&#225;ns Texte ein Gesamtbild: Entgegen der Rhetorik und Programmatik des radikalen Bruchs mit Tradition und Vergangenheit, mit der die Avantgarden sich pr&#228;sentieren, ist es im Gegenteil gerade der produktive R&#252;ckgriff auf vormoderne und popul&#228;re Traditionen, mit dem ihm die Abkehr von einer sklerotisierten, akademisch gewordenen elit&#228;ren oder b&#252;rgerlichen Literatur gelingt &#8211; vergleichbares lie&#223;e sich etwa &#252;ber den fr&#252;hen Bertolt Brecht, aber auch &#252;ber Guillaume Apollinaire sagen. Und dies gilt in besonderem Ma&#223;e f&#252;r die Hinwendung Valle-Incl&#225;ns zum Figurentheater.</p>
<p>Der Romantext ist durchzogen von Bemerkungen, die auf das k&#252;nstlich-theatrale Gebaren und Gestikulieren der Figuren hinweisen &#8211; eine Frau agiert mit ihrem Mantel &#8218;como una dama de teatro&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 3</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n27">27</xref>; eine andere Figur l&#228;chelt mit &#8218;afectaci&#243;n teatral&#8216;, w&#228;hrend sie mit einem L&#246;ffel in einem Glas Wasser r&#252;hrt (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 48</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n28">28</xref> Wieder aber ist dies eine Referenz auf das Figurentheater. Eines der Kapitel tr&#228;gt direkt den Titel &#8218;Gui&#241;ol dram&#225;tico&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 82</xref>), &#8218;dramatisches Kasperletheater&#8216;; bereits zuvor sind Personen verwickelt in &#8218;la acci&#243;n de una gui&#241;olada dram&#225;tica&#8217; (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 52</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n29">29</xref> Rodr&#237;guez (<xref ref-type="bibr" rid="B40">1994: XLV</xref>) konstatiert, dass an vielen Stellen das Gestikulieren der Personen an &#8218;t&#237;teres movidos por un bulul&#250;&#8217; erinnere. Speratti-Pi&#241;ero (<xref ref-type="bibr" rid="B43">1968: 151&#8211;158</xref>) und Zamora Vicente (<xref ref-type="bibr" rid="B48">1993: 27</xref>) sehen den Roman wie die Esperpentos von Puppen, Marionetten und Hampelm&#228;nnern bev&#246;lkert. In der Forschung ist auch von der <italic>mu&#241;equizaci&#243;n &#8211;</italic> der Puppifizierung der Figuren &#8211; die Rede (<xref ref-type="bibr" rid="B40">Rodr&#237;guez, 1994: XLIII</xref>; Echeverr&#237;a 2016: 17), die &#8211; neben dem Verzicht auf jede psychologisierende Innensicht &#8211; vor allem &#252;ber Grimassen, <italic>muecas</italic> (in denen die <italic>mu&#241;ecas/&#8218;</italic>Puppen&#8216; ja auch anklingen) und Masken funktionieren. Es sind nicht Masken, hinter denen sich Gesichter verbergen, sondern Gesichter <italic>als</italic> Masken. Zeigt eine Nebenfigur &#8218;su m&#225;scara de personaje&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 52</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n30">30</xref>, tritt die Tochter des Tyrannen mit &#8218;expr&#233;sion inm&#243;vil&#8217; auf, w&#228;hrend &#8218;un enigma cruel su m&#225;scara de &#237;dolo&#8216; versiegelt (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 64</xref>, &#8218;h&#252;tete sie hinter der g&#246;tzengleichen Maske, erstarrter Ausdruck, ein grausames Geheimnis&#8216;, Valle-Incl&#225;n, 1971: 77), so gilt all dies in besonderer Form f&#252;r den Tirano Banderas selbst, der sich nicht nur &#8218;con aquel adem&#225;n mesurado y r&#237;gido de figura de palo&#8217;(<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 58</xref>) &#8211; also mit der Haltung eines Strichm&#228;nnchens verneigt. Die &#220;bersetzung macht daraus eine &#8218;Holzplastik&#8216; (Valle-Incl&#225;n, 1971: 72); dabei geht es nicht um das Statuen-, sondern um das Puppenhafte, ein Synonym von <italic>figura de palo</italic> ist <italic>mu&#241;eca de palo</italic>. Von Anfang an wird der Tyrann als eine Ikone, als eine rein visuelle Gestalt eingef&#252;hrt; stellt eine Mischung oder Montage dar aus &#8218;verde m&#225;scara indiana/gr&#252;nliche indianische Maske&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 19</xref>; Valle-Incl&#225;n, 1971: 28) &#8211; die sp&#228;ter zur <italic>mueca verde</italic> wird, &#8218;das Gesicht zur gr&#252;nen Grimasse verzogen&#8216;(<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 34</xref>; Valle-Incl&#225;n, 1971: 45), den ewigen gr&#252;nen Koka-Speichel in den Mundwinkeln &#8211; , sowie aus &#8218;p&#225;jaro sagrado&#8216;, heiliger Vogelgestalt (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Valle-Incl&#225;n, 1994: 21</xref>), und zuletzt Totenkopf und Mumie, deren schwarze Brille und Klerikerbinde wie Attribute einer Puppe wirken.</p>
<p>Tirano Banderas ist bereits zu Lebzeiten zu einem (un)toten Objekt geworden, ist Tier geworden, Fetischobjekt mit Prothesen (als solche fungiert vor allem seine Brille). Erreicht Banderas, gleichzeitig Theaterpuppe und <italic>Mumie</italic>, ein biblisch-irreales Alter &#8211; ein Zug, den Garc&#237;a M&#225;rquez f&#252;r seinen Diktatoren in <italic>El oto&#241;o del patrariarca</italic> aufnehmen wird &#8211; so ist er auch in dieser Hinsicht immer schon ein Untoter. Und die Mumie ist nichts anderes als ein pr&#228;parierter toter K&#246;rper, der somit seinerseits zu einer Art Puppe wird &#8211; ein solcher K&#246;rper wird uns bei Borges und vor allem bei Garc&#237;a M&#225;rquez und Eloy Mart&#237;nez wiederbegegnen.</p>
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<title>3. Miguel &#193;ngel Asturias: <italic>El se&#241;or presidente</italic> (1946)</title>
<p>W&#228;hrend in Valle-Incl&#225;ns <italic>Tirano Banderas</italic> also kein Puppenspieler auftritt, sondern sich sein ganzer Roman als grotesk-antirealistisches Figurentheater pr&#228;sentiert, integriert der Guatemalteke Miguel &#193;ngel Asturias in seinen Diktatorenroman <italic>El se&#241;or presidente</italic> explizit einen Figurenspieler. Anders als Valle-Incl&#225;n verwendet er die Bezeichnungen <italic>titiritero</italic> und <italic>t&#237;teres</italic> f&#252;r seine Puppen bzw. Marionetten. Dieser onomatopoetische Begriff leitet sich, so jedenfalls Covarrubias im <italic>Tesoro de la lengua espa&#241;ola</italic> von 1611, von den Pfeifen (<italic>pitos</italic>) ab<xref ref-type="fn" rid="n31">31</xref>, mit denen die hinter einem Vorhang verborgenen Puppenspieler ihre Stimme verstellten und so den Eindruck erzeugten, dass die Puppen selbst spr&#228;chen.<xref ref-type="fn" rid="n32">32</xref> Die eigent&#252;mliche Lautlichkeit der spanischen Begriffe f&#228;llt ins Ohr: <italic>Bulul&#250;, titiritero</italic>&#8230; &#8211; und der dadaistisch-surrealistisch gepr&#228;gte Sprachspieler Asturias arbeitet tats&#228;chlich mit dieser (im Falle von <italic>t&#237;tere/titiritero</italic> onomatopoetischen) Lautlichkeit zwischen Stammeln, Stottern und Wiederholung.</p>
<p>Vieles ist sonderbar an der Figur des Titiritero del Portal. Denn dieser f&#252;hrt zun&#228;chst kein Spiel auf, sondern wird selbst Zeuge eines Geschehens, dem Asturias in mehrfacher Hinsicht theatrale Z&#252;ge verleiht: Ausgangspunkt der Handlung des Romans ist der Tod eines Favoriten des Diktators, der einen grausamen Scherz auf Kosten eines schwachsinnigen Obdachlosen mit dem Leben bezahlt. Weil er den <italic>Pelele</italic>, so der Spitzname der (ansonsten namenlosen) Person, der Strohpuppe oder Hampelmann bedeutet, am Portal del se&#241;or mit dem Wort <italic>madre</italic> aus dem Schlaf rei&#223;t, was diesen unfehlbar in rasende Verzweiflung versetzt, f&#228;llt der Pelele &#252;ber ihn her, verst&#252;mmelt und t&#246;tet ihn in grotesker Weise durch Abbei&#223;en der Nase, Ausstechen der Augen und Zertr&#252;mmern der Geschlechtsteile. W&#228;hrend der Diktator dieses Geschehen, das der Erz&#228;hler einer &#8218;fuerza ciega&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 119</xref>; ,einer blinden Gewalt oder &#8218;blinde[n] Macht&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B1">Asturias, 1961: 10</xref>) zuschreibt, zum Anlass nimmt, einem politischen Widersacher einen Mord unterzuschieben, um ihn so mit einem Simulakrenspiel von Legalit&#228;t aus dem Weg r&#228;umen zu k&#246;nnen, exekutiert kurze Zeit sp&#228;ter nachts ein betrunkener Geheimdienstmitarbeiter an eben jenem Portal del se&#241;or den Pelele (der also sehr wohl als der eigentliche &#8218;M&#246;rder&#8216; bekannt ist). Die Sch&#252;sse und der Aufruhr wecken den Titiritero del Portal und seine Frau, die diesen zun&#228;chst vorschickt, um zu sehen, was passiert ist. Dabei bilden die beiden selbst ein Paar, das einem Gui&#241;ol, einem grotesken Puppenst&#252;ck, entsprungen ist: Der Titiritero ist ein Zwerg, der wenig mehr als einen Meter misst, seine Frau eine Matrone, die in der Stra&#223;enbahn zwei Sitzpl&#228;tze ben&#246;tigt. Dass die Frau den aus dem Schlaf gerissenen Puppenspieler nicht versteht, weil er sich ohne sein Gebiss nicht artikulieren kann und sein zahnloser Mund mit einem Saugnapf verglichen wird, vervollst&#228;ndigt einerseits die Komik grotesker K&#246;rperlichkeit, bringt aber andererseits die Logik der Prothese, der unbelebten Verl&#228;ngerung des belebten K&#246;rpers, ins Spiel. Dies wird im Spanischen besonders deutlich, weil die von Asturias verwendete Bezeichnung f&#252;r das Gebiss &#8218;dientes postizos&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 162</xref>) ist, k&#252;nstliche, unechte Z&#228;hne, wobei die Semantik von <italic>postizo</italic> das Unechte, Unnat&#252;rliche betont und das Wort entsprechend h&#228;ufig pejorativ gebraucht wird. Asturias produziert hier also eine groteske Komik, indem er ein &#8218;trucage m&#233;canique de la vie [, u]ne nature truqu&#233;e m&#233;canique&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Bergson, 2006: 33</xref>) entwirft. Dies geht einher mit einer surrealen Belebung des Unbelebten, wenn Stra&#223;en aufgeschreckt durch die Stra&#223;en laufen, um herauszufinden, was wo passiert ist (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 161</xref>; Asturias, 1971: 53), mit dem Tierwerden des Puppenspielers, der mit einer Fledermaus verglichen wird (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 163</xref>; Asturias, 1971: 55) &#8211; und mit der Mechanisierung des Menschen, wenn der <italic>aparato respiratorio</italic>, der &#8218;Atmungsapparat&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 163</xref>; Asturias, 1971: 56) der schnarchenden Ehefrau als wirklich mechanischer Apparat erscheint.</p>
<p>Gesehen aber hat der Titiritero gar nichts, weil er erst zu sp&#228;t vor die Haust&#252;r getreten ist und ihm dann seine ungeduldige Ehefrau den Blick versperrt, als sie ihn hochhebt und hinter sich abstellt. Dabei kommt es zu einem Bulul&#250;-Effekt: &#8218;Su voz parec&#237;a salir del fondo de la tierra cuando hablaba detr&#225;s de su mujer.&#8216; &#8211; &#8218;Seine Stimme schien aus der Tiefe der Erde zu kommen [als] er hinter seiner Frau sprach&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 162</xref>; Asturias, 1971: 55). Dennoch wirkt sich der &#8218;lance singular&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 164</xref>, d.h. &#8218;dieser au&#223;ergew&#246;hnliche dramatische H&#246;hepunkt&#8216;; die deutsche &#220;bersetzung spricht unspezifisch von einem &#8218;seltsamen Ereignis&#8216; Asturias, 1971: 56) &#8211; Indiz, dass das Geschehen selbst als ein theatrales aufzufassen ist &#8211; in gewinnbringender Weise auf sein Puppentheater aus. Denn die Puppen wagen sich, wie es hei&#223;t, in Verarbeitung dieser n&#228;chtlichen Szene auf das Gebiet der Trag&#246;die vor, was in erster Linie auf einer mechanischen Innovation beruht, die ihrerseits auf eine groteske K&#246;rperlichkeit verweist. Denn ein System von R&#246;hren erm&#246;glicht es, dass aus den Pappmach&#233;-Augen der Puppen fortan Tr&#228;nen tropfen. Gespeist wird die Apparatur von einem Klistier, das in einer Waschsch&#252;ssel steht. Nun m&#252;ssen die Puppen nicht mehr l&#228;nger mit ihren im Lachen erstarrten Gesichtern blo&#223; vorgeben zu weinen. Doch gewinnbringend scheint das Ganze wirklich nur im pekuni&#228;ren Sinn zu sein, denn das wirkungs&#228;sthetische Kalk&#252;l des Titiritero geht nicht auf: das Gef&#252;hl des Schmerzes &#252;bertr&#228;gt sich nicht auf seine kindlichen Zuschauer. Anstatt nun ihrerseits zu weinen, lachen sie nur um so herzhafter: &#8218;Los ni&#241;os re&#237;an de ver llorar &#8230; Los ni&#241;os re&#237;an de ver pegar...&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 164</xref>; ,Die Kinder lachten, wenn sie weinen sahen&#8230; Die Kinder lachten, wenn einer geschlagen wurde&#8230;&#8216;, Asturias, 1971: 57).</p>
<p>Das Scheitern der Mitleids&#228;sthetik des Titiritero l&#228;sst sich nun einerseits vor dem Hintergrund der &#196;sthetik des Esperpento begreifen, die, wie gezeigt, eine radikale Absage an jede Form der Einf&#252;hlung, das empathischen Lachens ebenso wie des Weinens, darstellt. Der Titiritero kehrt die Bewegung um, die im <italic>Esperpento de los Cuernos de Don Friolera</italic> ausdr&#252;cklich vollzogen wurde: W&#228;hrend dort das grotesk-distanzierte Puppentheater zum neuen Ideal wird, das die Empathie&#228;sthetik verdr&#228;ngt, will Asturias&#8217; Puppenspieler diese &#196;sthetik offenbar gerade &#252;berwinden und seine Puppen durch die Erweiterung der M&#246;glichkeiten des Gef&#252;hlsausdrucks echten Schauspielern und dem &#8218;echten Theater&#8216; ann&#228;hern: Wo Valle-Incl&#225;n Menschen deshumanisiert (im Sinne Ortega y Gassets), will er Puppen humanisieren.</p>
<p>Dabei betreibt er aber eine falsche Mimesis, denn die Welt, die Asturias&#8217; Roman entwirft, ist keine tragische, sondern eine zutiefst groteske zwischen Lachen und traumatischem Schrecken, zwischen Aus&#252;ben und Erleiden von Grausamkeiten. Somit kommt es bei Asturias gewisserma&#223;en zu einer Inversion oder einem Merkmalsaustausch zwischen dem Spiel in der Fiktion und der Welt der Diegese selbst, auch deshalb, weil die ontologische Differenz zwischen Realit&#228;t und Spiel getilgt ist: Auf <italic>histoire-</italic> wie <italic>discours</italic>-Ebene erscheint die Welt des diktatorischen Terrorregimes als eine B&#252;hne, auf der sich eine grausame Farce, eine absurde Schmierenkom&#246;die &#8211; etwa in Form der absurd falschen Anschuldigungen gegen den Rivalen, dem der Diktator den Mord an seinem Favoriten anh&#228;ngt &#8211; abspielt.<xref ref-type="fn" rid="n33">33</xref> So ist vom Tatort der angeblichen Ermordung des G&#252;nstlings als &#8218;teatro del odioso asesinato&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 154</xref>) die Rede &#8211; Theater/B&#252;hne des abscheulichen Mordes &#8211; und nicht &#8218;Schauplatz des gr&#228;&#223;lichen Attentats&#8216; (Asturias, 1971: 46); der Hinrichtung des Pelele durch den Geheimdienstler wohnt sein Saufkumpan als einer &#8218;escena&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 160</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n34">34</xref> bei, deren Anblick in ihm nicht Mitleid, sondern Visionen blanken Horrors ausl&#246;sen wird. Tats&#228;chlich ist der M&#246;rder nicht nur sturzbetrunken nach einer Kneipentour, sondern auch bester Laune, als er mordet, eine Laune, mit der er seinen Gef&#228;hrten anstecken will: &#8218;Y haceme el favor de ponerte alegre, porque &#233;sta es mi noche alegre, &#233;sta es mi noche alegre; soy yo quien te lo digo, &#161;&#233;sta es mi noche alegre!&#8217; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 159</xref>; &#8218;Sei fr&#246;hlich, denn heute ist meine fr&#246;hliche Nacht, meine fr&#246;hliche Nacht, ich sage dir, meine fr&#246;hliche Nacht!&#8216;, Asturias, 1971: 52). Und tats&#228;chlich scheint es dem Erz&#228;hler so, als wolle der Betrunkene den titirero del Portal, der hier zum ersten Mal erw&#228;hnt wird, noch bevor er auftritt, mit seinen &#8218;personajes de pantomimas&#8216; herbeirufen, um ihm die Kehle zum Lachen zu kitzeln (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 160</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n35">35</xref></p>
<p>Auff&#228;llig ist nicht nur, dass damit die Reaktion auf das Puppenspiel als ein k&#246;rperlicher Reflex, ein Automatismus beschrieben wird, sondern dass V&#225;squez selbst die Z&#252;ge einer Puppe annimmt. Dies beginnt mit der mechanischen Wiederholung der S&#228;tze und seiner immer schriller werdenden, unnat&#252;rlichen Stimme und f&#252;hrt zu einem unkontrollierbaren, mechanischen, Bergsonschen Lachen -&#8218;[d]u m&#233;canique plaqu&#233; sur du vivant&#8217; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Bergson, 2006: 38</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n36">36</xref> &#8211; das schlie&#223;lich, als er den Pelele erblickt, zu einem Einfrieren seiner Gesichtsz&#252;ge f&#252;hrt: &#8218;La carcajada se le endureci&#243; en la boca, como el yeso que emplean los dentistas para tomar el molde de la dentadura&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 160</xref>; &#8218;Das Lachen wurde hart in seinem Mund wie der Gips, dessen sich der Zahnarzt bedient, wenn er einen Abdruck nimmt&#8216; Asturias, 1971: 52). Das weist nicht nur auf die Zahnprothese des Puppenspielers voraus, sondern dies l&#228;sst V&#225;squez den <italic>t&#237;teres</italic>, den Marionetten des Titiritero del Portal, gleichen, denen ja ebenfalls die Maske des Lachens ins Gesicht geschnitten ist &#8211; eine Engf&#252;hrung, die bereits im <italic>Tirano Banderas</italic> begegnete. Dazu passt der Spitzname, den man seinem Opfer, dem schwachsinnigen Obdachlosen gegeben hat: Denn Pelele hei&#223;t, wie bereits erw&#228;hnt, Strohmann, Vogelscheuche oder Hampelmann. Die Welt der Diktatur ist ein groteskes Puppenspiel.</p>
<p>Am Schluss des Romans sieht das offenbar auch der Puppenspieler ein, wenn man das so nennen kann, denn er hat offensichtlich den Verstand verloren, wenn er die Menschen, denen er begegnet mit dem Gesang adressiert:</p>
<disp-quote>
<p>&#161;Figur&#237;n, figurero,</p>
<p>qui&#233;n te figur&#243;,</p>
<p>que te fizo figura</p>
<p>de figur&#243;n! (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 402</xref>)</p>
</disp-quote>
<disp-quote>
<p>Fig&#252;rlein, Figur,</p>
<p>wer fand dich</p>
<p>und formte dich</p>
<p>zur Figur! (Asturias, 1971: 304)</p>
</disp-quote>
<p>Dass die <italic>elocuencia del llanto</italic>, die Eloquenz des Weinens, nicht einmal zu Kindern spricht, sondern dass der &#8218;chisme de lavativa&#8216;, der Einlaufkram des Tr&#228;nenapparats (verkehrte K&#246;rperwelt), die Puppen weinen l&#228;sst, um Kinder zu vergn&#252;gen, verweist auf einen tiefen Pessimismus in Asturias&#8217; Text: Dieser zeichnet eine Welt ohne Solidarit&#228;t und Mitleid, in der selbst der Idiot Pelele &#252;ber sein erbarmungsw&#252;rdiges Elend in Gel&#228;chter ausbricht. Asturias&#8217; Darstellung der Obdachlosen als Nicht-Gemeinschaft und Lumpenproletariat, dessen Beziehungen von Hohn, Missgunst und Gewalt gepr&#228;gt sind, antizipiert die Darstellung der grotesken Bettler in Luis Bu&#241;uels Film V<sc>iridiana</sc> von 1961 (MEX/E).<xref ref-type="fn" rid="n37">37</xref></p>
</sec>
<sec>
<title>4. Jorge Luis Borges: <italic>El simulacro</italic> (1960)</title>
<p>Als Jorge Luis Borges, der das Schreiben von Romanen zeitlebens lieber anderen &#252;berlassen hat, die Miniaturerz&#228;hlung <italic>El simulacro</italic> ver&#246;ffentlicht, sind acht Jahre seit Eva Per&#243;ns Tod vergangen und f&#252;nf Jahre seit dem Milit&#228;rputsch gegen Juan Per&#243;n, der als &#8218;Revoluci&#243;n Libertadora&#8216; verkl&#228;rt wurde.<xref ref-type="fn" rid="n38">38</xref> Doch der demokratisch gew&#228;hlte Pr&#228;sident Arturo Frondizi, der von 1958 bis 1962 regiert, sucht gegen zahlreiche Widerst&#228;nde den Austausch mit den weiterhin m&#228;chtigen Peronisten, &#252;bernimmt Teile von Per&#243;ns Gesetzgebung und mildert die von den antiperonistischen Milit&#228;rs verf&#252;gte totale Ausl&#246;schung jeder Erinnerung an Per&#243;n und Evita ab. Per&#243;n selbst interveniert kontinuierlich aus dem Exil in die Politik Argentiniens, und seine R&#252;ckkehr an die Macht (die tats&#228;chlich 1973 erfolgte) ist zu dieser Zeit eine realistische M&#246;glichkeit (<xref ref-type="bibr" rid="B38">Paniagua, 2025: 247&#8211;256</xref>). In <italic>El simulacro</italic> schildert Borges eine eigent&#252;mliche Form des Puppenspiels. &#8218;En uno de los d&#237;as de julio de 1952&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986: 31</xref>), an einem der Tage des Juli 1952 &#8211; Eva Per&#243;n starb am 26. Juli an ihrem Krebsleiden &#8211; taucht in einem kleinen Dorf in der n&#246;rdlichen Provinz Argentiniens ein Mann auf. Auf einem kleinen Bauernhof am Fluss errichtet er mithilfe einiger Anwohnerinnen eine primitive B&#252;hne, auf der er in einem Pappkarton eine Puppe mit blondem Haar aufbahrt. Damit setzt er einen Prozess der mimetischen Partizipation in Gang. Der Wechsel des Numerus in den Plural: &#8218;Adem&#225;s, encendieron cuatro velas en candeleros altos&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986: 31</xref>; &#8218;Sie z&#252;ndeten au&#223;erdem vier Kerzen in hohen Leuchtern an&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 23</xref>) impliziert, dass es (in erster Linie) die &#8218;vecinas&#8216;, die Anwohnerinnen sind, die das rudiment&#228;re B&#252;hnenbild um Kerzen und Blumen erg&#228;nzen. Und auch die Leute, die bald zahlreich herbeikommen, tun dies weniger, um einem Schauspiel als Zuschauer beizuwohnen, als vielmehr, um darin mitzuwirken, wenn sie spontan die Rolle von Trauernden einnehmen, die an der Puppe im Pappkarton wie an einer Leiche im offenen Sarg vorbeidefilieren und den immer gleichen Satz wiederholen: &#8218;<italic>Mi sentido p&#233;same, General&#8217;</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986, 31</xref>)<italic>&#8212;</italic>&#8218;Mein herzliches Beileid, General.&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 23</xref>). Wie Zuschauer aber werfen sie danach bereitwillig zwei Pesos in eine Blechdose&#8212;und viele kommen mehr als einmal.</p>
<p>Auf die lakonische <italic>narratio</italic> l&#228;sst Borges einen Kommentar folgen, in dem er seine Deutung des Geschehens liefert, das er zun&#228;chst als &#8218;f&#250;nebre farsa&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986: 32</xref>; &#8218;Leichenfarce&#8216; <xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 23</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n39">39</xref> bezeichnet. Der Begriff der Farce weckt zwei Assoziationen. Ich beginne mit derjenigen, die erst durch unseren spezifischen Kontext hervorgerufen wird und die sich tats&#228;chlich auf den dramatischen Gattungsbegriff bezieht. Denn Ram&#243;n del Valle-Incl&#225;n hat in seiner Hinleitung zur antirealistischen und antipsychologischen &#196;sthetik des <italic>Esperpento</italic>, der wie gesehen auch sein <italic>Tirano Banderas</italic> folgt, zun&#228;chst mehrere Farsas geschrieben, neben der <italic>Marquesa Rosalinda, Farsa sentimental y grotesca</italic> drei weitere St&#252;cke, die alle den Gattungstitel Farce im Namen tragen und die er unter dem Obertitel <italic>Tablado de Marionetas</italic>, also Marionettenb&#252;hne, zusammengefasst hat. Dass nicht ich Valle-Incl&#225;n herbeizitiere, sondern dass Borges selbst dies im intertextuellen Verweis tut, l&#228;sst sich plausibilisieren, wenn man der Beschreibung des Puppenspielers Aufmerksamkeit schenkt. Dieser sei &#8218;alto, flaco, aindiado, con una cara inexpresiva de opa o de m&#225;scara&#8230;&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986: 31</xref>; &#8218;gro&#223;, schm&#228;chtig, mit indianischen Z&#252;gen und dem ausdruckslosen Gesicht eines Idioten oder einer Maske&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 23</xref>). Borges verleiht diesem Mann, den er nie gesehen hat, demnach &#228;u&#223;ere Z&#252;ge, die dieser mit der Figur des Tirano Banderas teilt.</p>
<p>Auch bei Borges (wie bei Marx)<xref ref-type="fn" rid="n40">40</xref> verbindet sich die Farce aber nat&#252;rlich auch mit einer aus seiner Sicht grotesken Regierungsform, denn er liest diese Anekdote als eine <italic>mise en abyme</italic> des Peronismus. In seinen Augen gilt auch f&#252;r die Epoche von Juan und Eva Per&#243;n, was f&#252;r diese Geschichte gilt: &#8218;es incre&#237;ble pero ocurri&#243;&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986: 32</xref>): &#8218;Die Geschichte ist unglaubhaft [eher: unglaublich], aber sie hat sich ereignet&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 23</xref>). Wenn er gleichzeitig fragt, ob der Mann, der sie auff&#252;hrte, ein Fanatiker und &#8218;alucinado&#8216; war oder ein Zyniker und &#8218;impostor&#8216; (Hochstapler), und ob er bei der Darstellung seiner Rolle wirklich glaubte, Per&#243;n zu sein, so wird schon in der eigentlichen Erz&#228;hlung deutlich, dass Borges den Zweifel &#252;ber Geisteszustand und Epistemologie dieses Mannes nicht aufl&#246;sen wird, denn Ehrerbietung erweist man ihm &#8218;por el que representaba o ya era&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986: 32</xref>; &#8218;sondern dessentwegen, was er vorstellte oder vielleicht schon war&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 23</xref>). Und somit verbirgt sich in der Ambivalenz des Zweifels eine zweite Ambivalenz. Denn <italic>alucinado</italic> kann im Spanischen nicht nur &#8218;Geisteskranker&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 23</xref>), sondern auch &#8218;Vision&#228;r&#8216; hei&#223;en und das &#8218;schon war&#8216; l&#246;st den vermeintlichen Widerspruch zwischen Hochstapler und Hirngespinstler, zwischen einem, der schauspielert und einem, der sich f&#252;r den h&#228;lt, mit dem er sich identifiziert, in die Abfolge von zwei Stadien einer mimetisch-autopersuasiven (An-)Verwandlung auf. Genau darin besteht das Simulakrenhafte, das dieses Puppenspiel zu, wie Borges impliziert, einer perfekten Chiffre einer irrealen &#8211; oder hyperrealen im Baudrillardschen Sinne (<xref ref-type="bibr" rid="B26">Baudrillard, 1981</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n41">41</xref> &#8211; Epoche macht und somit zu einem Spiel im Spiel, &#8218;drama en el drama, que se ve en Hamlet&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986: 24</xref>; &#8218;jenes Drama im Drama, dem wir im <italic>Hamlet</italic> zuschauen&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 23</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n42">42</xref>, zu dem die Wirklichkeit selbst geworden ist: Auch recht f&#252;r das Zeitalter des Peronismus gilt, was Borges in seiner Nachbemerkung zu seiner wohl ber&#252;hmtesten Geschichte auf die falsche Symmetrie der Totalitarismen bezogen hatte, &#8218;El mundo ser&#225; Tl&#246;n.&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Borges, 1988: 36</xref>) -&#8218; Die Welt wird Tl&#246;n sein. &#8216;Bei Asturias erscheint die Welt der Diktatur als surrealer Albtraum, hier ist sie &#8218;reflejo de un sue&#241;o&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986: 34</xref>;&#8218;Widerschein eines Traums&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 23</xref>) der Simulakren.</p>
<p>Wie bei Marx ist das Element der Wiederholung f&#252;r das Farcenhafte konstitutiv, Wiederholung der Beileidsbekundung durch diejenigen, die mehr als einmal an der Leichenpuppe vorbeidefilieren, vermutete Wiederholung des Simulakrenspiels: &#8218;La historia ocurri&#243; [&#8230;] y acaso no una vez, sino muchas, con distintos actores y con diferencias locales&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986: 32</xref>; &#8218;Die Geschichte [&#8230;] hat sich ereignet, und vielleicht nicht nur einmal, sondern oft mit unterschiedlichen Darstellern und &#246;rtlichen Abweichungen&#8216;, Borges. 1993: 23), vor allem aber Wiederholung eines Impersonationsgeschehens, das im Schauspiel rund um eine blonde Puppe zur Kenntlichkeit gebracht wird. Denn ebenso wenig wie der Mann in Trauerkleidung Per&#243;n und die Puppe Eva Per&#243;n war, seien Per&#243;n Per&#243;n und Eva Eva Duarte gewesen, so Borges&#8217; Pointe, sondern Unbekannte oder Anonyme &#8218;que figuraron, para el cr&#233;dulo amor de los arrabales, una crasa mitolog&#237;a&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Borges, 1986: 34</xref>; &#8218;die f&#252;r die gl&#228;ubige Liebe der Vorst&#228;dte eine plumpe Mythologie auff&#252;hrten.&#8216; <xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 24</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n43">43</xref> Die Erkundung der Intentionen und der Psychologie des Schaustellers l&#228;uft also schon deswegen ins Leere, weil bereits seine Vorbilder Per&#243;n und Evita, die, aus den einfachsten Verh&#228;ltnissen kommend, ja tats&#228;chlich vor ihrer Hochzeit als Film- und vor allem als Radioschauspielerin zu einem gewissen Ruhm gelangt war, nur Figuren eines Theaters der politischen Mythologie waren, in dem sie als emotionale Projektionsfl&#228;chen f&#252;r die &#8211; ungebildeten &#8211; Massen fungierten.</p>
<p>Man muss Borges zugutehalten, dass er seinem elit&#228;ren Abscheu gegen&#252;ber Per&#243;ns populistisch-faschistoidem Regime, das mit dem Ressentiment der Unterschichten &#8211; Bauern und Vorstadtbewohner &#8211; operierte und seiner, von Tom&#225;s Eloy Mart&#237;nez bemerkten, habituellen Verachtung f&#252;r Eva Per&#243;n zum Trotz durchaus eine unbehagliche Parallele zwischen diesen Figuren und sich &#8218;selbst&#8216; hergestellt hat, denn in der gleichen Sammlung <italic>El hacedor</italic> ist auch jener ber&#252;hmte Text <italic>Borges y yo</italic> [<italic>Borges und Ich</italic>] enthalten, der von der un&#252;berbr&#252;ckbaren Differenz zwischen Borges, der Autorfigur, und dem Namenlosen, dem anonymen Ich handelt, das in Buenos Aires lebt: &#8218;Borges die Autorpersona, &#8216; ist also wie (die) &#8218;Peron(s)&#8216;.</p>
<p><italic>El simulacro</italic> enth&#228;lt weitere R&#228;tsel, Irritationen und Anspielungen. Dies beginnt schon mit dem ersten Satz: &#8218;En uno de los d&#237;as de julio de 1952&#8216;. Eva Per&#243;n stirbt am 26. Juli, es ist also zumindest merkw&#252;rdig, dass Borges nicht schreibt &#8218;uno de los &#250;ltimos d&#237;as&#8216;&#8212;das Puppentheater scheint (eine typisch Borges&#8217;sche Wendung) als voraussehend-vision&#228;re Mimesis also dem Tod und der wirklichen Aufbahrung vorauszugehen.<xref ref-type="fn" rid="n44">44</xref> Und es ist ein eigent&#252;mliches Puppentheater, in dem die Puppe nur auf der B&#252;hne ausgestellt wird, in der der Per&#243;n-Darsteller aber diese Puppe in der Inszenierung weder bewegen noch sprechen l&#228;sst, ja sie nicht sich bewegen und sprechen lassen kann (der einzig denkbare und hier doch undenkbare Satz w&#228;re Valle-Incl&#225;ns &#8218;estoy muerta&#8216;). Der Per&#243;n-Darsteller interagiert und spricht zu den Laiendarstellern, die als Trauernde auftreten, er f&#252;hrt ein Spiel mit der Puppe auf, indem er nicht mit ihr spielt, sondern die Relation zu einer Puppe spielt, die als tote Frau figuriert. Nicht zuf&#228;llig ist die Puppe auf der B&#252;hne erh&#246;ht und der Schauspieler-Puppenspieler steht vor der B&#252;hne, blickt also nicht auf sie herab. Anders als bei Valle-Incl&#225;n haben wir hier also gerade kein ontologisch-perspektivisches Gef&#228;lle zwischen Puppenspieler und Figur oder wenn &#252;berhaupt, dann in umgekehrter Richtung. Anders auch als bei Asturias kommt es zu keinem Scheitern in der &#220;bertragung der Emotion. Die <italic>mu&#241;eca</italic> und ihr menschlicher Begleiter l&#246;sen echte Anteilnahme aus. Hier zeigt sich eine Progressionslinie des zunehmenden Distanzverlusts, die das ganze Spektrum vom Extrem totaler Distanzierung bei Valle-Incl&#225;n bis zum entgegengesetzten Extrem fetischistisch-erotischen Begehren f&#252;r den untoten K&#246;rper bei Eloy Mart&#237;nez durchmisst (zu diesem gleich mehr).<xref ref-type="fn" rid="n45">45</xref> Die Puppe scheint nicht zu agieren und dennoch ist es keine Frage, dass alle in erster Linie wegen der Puppe kommen. In diesem Nicht-Agieren liegt ihre Macht, ihre <italic>agency</italic>. Sie bildet das Zentrum dieses Simulakrenspiels, sie ist der unbewegliche Beweger, um den sich alles dreht, jener Aktant, der alle zum Handeln bringt (zu <italic>making do</italic> <xref ref-type="bibr" rid="B36">Latour, 2007: 217</xref>).</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus aber d&#252;rfte Borges dieses Puppentheater, sollte er es tats&#228;chlich nicht erfunden haben &#8211; anche se &#232; vero &#232; ben trovato &#8211; deshalb so fasziniert haben, weil in ihm zwei oder gar drei Aspekte des posthumen Personenkults um Eva Per&#243;n ineinander montiert werden: Zum einen verweist das wiederholte Geschehen auf die &#252;berall im Land nach ihrem Tod spontan entstehenden Alt&#228;re, deren Zentrum zun&#228;chst ihre ohnehin in Argentinien omnipr&#228;senten Fotografien als Medium und Fetischobjekt von Andacht und Trauer bildeten &#8211; schlichte Notwendigkeit in einem riesigen Land, in dem es noch keine visuellen &#220;bertragungsmedien gab, um die landesweite Kommunion in der Staatstrauer zu erm&#246;glichen. Die Substitution der Fotografie durch eine <italic>mu&#241;eca</italic>, eine Puppe, wirkt aber gleichzeitig wie ein Verfremdungseffekt, der verdeutlicht, wie stark die Verwendung von Fotografien zu diesem Zweck f&#252;r uns &#8218;normal&#8216; wirkt, obwohl diese Fotos historisch ihrerseits doch nur andere Medien substituiert haben, die den Aufgekl&#228;rt-S&#228;kularisierten heute befremden: gemalte Andachtsbilder und nat&#252;rlich kleine Figuren. Die Puppe spielt also ganz sicher auf die Heiligenfiguren der Santa Evita (haupts&#228;chlich B&#252;sten) an, die nach ihrem Tod massenhaft im Umlauf gebracht und verehrt wurden. Vor allem aber spielt sie auf Eva Per&#243;ns Leichnam an, der nach ihrem Tod einbalsamiert und somit in eine untote und unheimliche, eine hantologische Figur (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Derrida, 1993</xref>) transformiert wurde, die vor allem nach Per&#243;ns Sturz zum Politikum wurde und als Wiederg&#228;ngerin das kollektive Imagin&#228;re bewohnte und durchgeisterte.</p>
</sec>
<sec>
<title>5. Tom&#225;s Eloy Mart&#237;nez: <italic>Santa Evita</italic> (1995)/Garci&#225; M&#225;rquez: <italic>El oto&#241;o del patriarca</italic> (1975)</title>
<p>Tom&#225;s Eloy Mart&#237;nez hat sich in gleich zwei Romanen mit dem Peronismus auseinandergesetzt: Auf <italic>La novela de Per&#243;n</italic> [<italic>Der General findet keine Ruhe</italic>] von 1985 folgte zehn Jahre sp&#228;ter <italic>Santa Evita</italic>. Nach der Lekt&#252;re von Tom&#225;s Eloy Mart&#237;nez&#8217; Roman <italic>Santa Evita</italic> liest sich Borges wie dessen Vorl&#228;ufer (um auf einen anderen ber&#252;hmten Text von Borges anzuspielen, <italic>Kafka y sus precursores</italic> [<italic>Kafka und seine Vorl&#228;ufer</italic>]). Tats&#228;chlich dr&#228;ngt sich aber die Hypothese auf, dass <italic>El simulacro</italic> als ein <italic>source code</italic> oder Quelltext f&#252;r den &#252;ber 30 Jahre sp&#228;ter erschienenen Roman gedient hat. <italic>Santa Evita</italic> ist ein Roman, der ebenso die Geschichte seiner eigenen Entstehung wie die intertextuelle Vorgeschichte der Besch&#228;ftigung mit Eva Per&#243;n in der argentinischen Literatur enth&#228;lt. Neben den Kurzgeschichten <italic>Esa mujer</italic> [<italic>Diese Frau</italic>] von Rodolfo Walsh (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Eloy Mart&#237;nez, 1997: 56</xref>) und <italic>Ella</italic> [<italic>SIE</italic>] von Juan Onetti sowie Julio Cort&#225;zars Roman <italic>El examen</italic> erw&#228;hnt Eloy Mart&#237;nez nat&#252;rlich auch Borges&#8217; Text, ohne ihn allerdings besonders hervorzuheben (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Eloy Mart&#237;nez, 1997: 197&#8211;199</xref>).</p>
<p>Im Zentrum seines Romans steht neben der lebenden Eva Duarte/Per&#243;n ebenso das v&#246;llig surreale, aber zun&#228;chst ganz reale Schicksal ihres Leichnams, der von dem katalanischen Arzt Pedro Ara Sarri&#225; in G&#228;nze (das hei&#223;t mit seinen inneren Organen) einbalsamiert &#8211; also in eine Mumie transformiert, aufgebahrt, dann entf&#252;hrt, gejagt, in Italien begraben und schlie&#223;lich nach Jahrzehnten zur&#252;ck nach Argentinien gebracht wird &#8211; so weit die reale Geschichte, die Eloy Mart&#237;nez dann weiter ausgestaltet. Eloy Mart&#237;nez folgt Borges darin, die Realit&#228;t selbst als von Simulakrenstrukturen durchsetzt zu betrachten. Eva Per&#243;n erscheint dabei als ein Generator des Simulakrums und der Irrealit&#228;t. Dies betrifft zuerst die Selbsterschaffung ihrer Persona, die sich durch keine Ergr&#252;ndung der &#8218;Wahrheit&#8216; der biographischen Vorgeschichte erkl&#228;ren l&#228;sst. Nat&#252;rlich insistiert auch <italic>Santa Evita</italic> darauf, dass Eva Duarte eine Radio- und Filmschauspielerin war, bevor sie Juan Per&#243;n traf. Dies kulminiert etwa in einer Szene, die aus der Perspektive eines Filmvorf&#252;hrers erz&#228;hlt wird, der einer zun&#228;chst unbekannten Person im Kino des Pr&#228;sidentenpalasts Ausschnitte aus Wochenschauen zeigen muss. Im Laufe der Projektion identifiziert er Eva Per&#243;n, die sich Aufnahmen ihrer selbst ansieht, sich &#8211; oder ihre Persona &#8211; kommentiert, mit sich mitleidet, sich selbst nachspielt, wie sie spielt, und sich so in einem Auto-Feedback reproduziert und optimiert: <italic>Eva y yo</italic> k&#246;nnte diese Szene hei&#223;en (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Eloy Mart&#237;nez, 1997: 214&#8211;221</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B11">Eloy Mart&#237;nez, 1998: 233&#8211;241</xref>).</p>
<p>In den hochaffektiven Relationen, die die Bev&#246;lkerung zu ihr unterh&#228;lt, steckt sie das gesamte Land an. Eloy Mart&#237;nez charakterisiert Argentinien als irreales Land, und Evita ist, in Simondons Terminologie, der strukturierende Keim, der ein selbst aktives, an Potentialen reiches Feld, die Masse der &#8211; weit &#252;berwiegend christlich gepr&#228;gten &#8211; Unterrepr&#228;sentierten, Eingewanderten, Armen in einem transduktiven Prozess strukturiert (<xref ref-type="bibr" rid="B41">Simondon, 2011</xref>). Die Armen sind selbst bereit, eine Heilsbringerin, eine Heilige zu empfangen, in deren Anbetung sie Gestalt gewinnen und sich artikulieren k&#246;nnen.</p>
<p>Explizit weicht Eloy Mart&#237;nez hingegen in seiner Haltung von Borges ab: Denn anders als dieser bringt er der Figur, die in ihrer Ausdruckslosigkeit immer schon Z&#252;ge einer Puppe hat, unverkennbar Empathie entgegen. Er beobachtet also nicht nur fassungslos die Erzeugung von Empathie durch das Simulakrum, sondern partizipiert an ihr.<xref ref-type="fn" rid="n46">46</xref> Sein Roman l&#228;sst sich auch als (vergebliche) Suche und (unerf&#252;lltes) Begehren nach dem geheimen Namen und dem wahren Gesicht hinter der Persona lesen.</p>
<p>Implizit korrigiert er Borges Einsch&#228;tzung hinsichtlich des Ausma&#223;es der &#8218;&#233;poca irreal&#8216;. Denn diese endet keineswegs mit der Herrschaft Per&#243;ns, sondern setzt sich in den folgenden Jahrzehnten und nach Evitas Tod ungebrochen weiter fort: Die einbalsamierte, sch&#246;ne Leiche hat bei Eloy Mart&#237;nez mindestens ebenso viel Handlungsmacht wie die lebendige Eva Per&#243;n. Und die Ansteckung betrifft keineswegs nur die Massen der Anh&#228;ngerschaft, sondern auch die politischen Gegner. Diese teilen nicht nur einfach &#8211; unter negativen Vorzeichen &#8211; die Obsession mit Evita und ihrem als Heiligenreliquie verehrten Leichnam; vielmehr geraten diejenigen Milit&#228;rs und Antiperonisten, die mit ihrem untoten K&#246;rper in Ber&#252;hrung kommen, in ihren Bann. In der Fiktionalisierung der Fakten, in der er seine Figuren die Phantasmen, die sich an Evita entz&#252;nden, ausleben l&#228;sst, macht Eloy Mart&#237;nez den Leichnam zum erotischen Fetischobjekt, zur Gef&#228;hrtin und zweiten Ehefrau, um das/die seine W&#228;chter einen solit&#228;ren, teils abjekten, teils devoten Gegenkult zum kollektiven Kult der Peronisten entwickeln.</p>
<p>Das Eindringen des Simulakrums in die Wirklichkeit, die Ununterscheidbarkeit von Realit&#228;t, Fiktion, Phantasma, das Wuchern der mythischen Erz&#228;hlungen, die nicht widerspruchsfrei sein m&#252;ssen, finden ihre Entsprechung in der Struktur des Textes, der von autofiktionalen Elementen und der Transkription von Dokumenten und Interviews bis zum fiktionalen Ausphantasieren reicht. Dieses Ausphantasieren als Wiederholung und unheimliche Verdopplung der Realit&#228;t (ein Leitthema gerade auch von Borges) betrifft aber den Leichnam selbst, und hierin gibt Borges meines Erachtens das Stichwort. Wo Borges die einbalsamierte Leiche durch die Puppe <italic>ersetzt</italic>, die Puppe den Leichnam repr&#228;sentiert, erfindet Eloy Mart&#237;nez die Reproduktion des Leichnams in drei (oder mehr) Repliken &#8211; Wachspuppen, die, mit dem echten Haar Evitas ausgestattet (das Haar als Fetisch, weder lebendig noch tot) dem Original so zum Verwechseln &#228;hnlich sehen.</p>
<p>Man f&#252;hlt sich an die Alma-Mahler-Puppe erinnert, die Oskar Kokoschka von der Puppenmacherin Hermine Moos anfertigen lie&#223;. Helga Lutz hat herausgearbeitet, dass nicht der Gebrauch der fertigen Puppe, sondern vielmehr ihr Produktionsprozess und die Kommunikation des Begehrens, die Kokoschka Moos aufn&#246;tigt, im Zentrum der fetischistischen Handlungen stehen, und somit eher das Geflecht der Relationen als das Objekt, um die herum diese konstruiert werden (<xref ref-type="bibr" rid="B37">Lutz, 2017</xref>). In <italic>Santa Evita</italic> nimmt die erotische bis sexuelle Interaktion mit der mumifizierten Leiche und den Puppenrepliken zwar durchaus Raum ein. Dennoch gilt auch hier, dass die Pr&#228;paration der Leiche und vor allem die st&#228;ndige Notwendigkeit immer neuer Konservierungsma&#223;nahmen von zentraler Bedeutung sind: Die (Re)-Konstruktion dieses untoten K&#246;rpers ist unabschlie&#223;bar, der Abbruch des invasiven Behandelns leitet den Verfall ein, und sie bindet den Pr&#228;parator Ara Sarri&#225; als eine Mischung aus Totenarzt, Bewacher, Liebhaber etc. an den Leichnam.</p>
<p>Eine weitere Assoziation, die die mehrfache mimetische Nachbildung des K&#246;rpers ausl&#246;st, ist die weitverbreitete Praxis von Diktatoren, sich durch den Einsatz von Doppelg&#228;ngern gegen Attentate und &#228;hnliches zu sch&#252;tzen &#8211; oder Ubiquit&#228;t zu inszenieren. Doppelg&#228;ngerschaft und die Pr&#228;paration der Diktatorenleiche hatte 1975 bereits Gabriel Garc&#237;a M&#225;rquez in <italic>El oto&#241;o del patriarca</italic> enggef&#252;hrt. Der Roman besteht aus sechs Sequenzen, die alle ihren Ausgangspunkt in mehreren &#8211; mindestens zwei, eher drei &#8211; Auffindungen des Leichnams des namenlosen Diktators nehmen, von denen sich einer nachtr&#228;glich als derjenige seines Doppelg&#228;ngers Patricio Aragon&#233;s erweist &#8211; oder zu erweisen scheint. Auch weil den in seinem Palast verschanzten uralten Patriarchen seit Menschengedenken niemand mehr zu Gesicht bekommen hat und sich lediglich das simulakrenhafte Bild eines Manns in einer Limousine in die kollektive Erinnerung eingeschrieben hat, das sich reduziert auf ein hinter einer Sonnenbrille verborgenes Gesicht und einen Arm, der im Vorbeifahren der Menge zuwinkt, kennt n&#228;mlich niemand mehr sein Gesicht. Er ist verschwunden hinter den Simulakren seiner Doppelg&#228;nger und seiner fotografischen und filmischen Bilder als j&#252;ngerer Mann. In der vierten Sequenz beschreibt Garc&#237;a M&#225;rquez den Kult, der sich um die Leiche der Mutter des Diktators, Bendici&#243;n &#193;lvarez, bildet, die von ihrem Sohn zur Nationalheiligen erkl&#228;rt wird. Dies beinhaltet eine Szene, in der der mit &#8218;los peores artes de la taxidermia igual que los animales p&#243;stumos de los museos de ciencias&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Garc&#237;a M&#225;rquez, 1999: 174</xref>; &#8218;mit den sch&#228;bigsten K&#252;nsten [der Taxidermie] wie die posthumen Tiere der naturwissenschaftlichen Museen&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B14">Garc&#237;a M&#225;rquez, 2013: 134</xref>) mehr schlecht als recht pr&#228;parierte, schimmlige und von Motten zerfressene Leichnam beim Umst&#252;rzen des Sarges in seine Einzelteile zerf&#228;llt, die wie Reliquien verehrt werden. Ein &#228;hnliches Schicksal widerf&#228;hrt auch der Leiche des Patriarchen selbst, in seinem Fall aber scheitern alle Versuche, die groteske, schuppige und veralgte Leiche, dazu zu bringen &#8218;que se pareciera a la imagen de su leyenda [&#8230;N]i siquiera los ojos de vidrio incrustados en la cuencas vac&#237;as lograron imponerle el semblante de autoridad que le hac&#237;a falta para exponerlo a la contemplaci&#243;n de las masas&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Garc&#237;a M&#225;rquez, 1999: 187</xref>; &#8218;[&#8230;] die &#196;hnlichkeit mit dem Abbild seiner Legende zur&#252;ckzugeben. [&#8230;N]icht einmal die in den leeren H&#246;hlen eingesetzten Glasaugen vermochten ihm den Anschein von Machtbefugnis wiederzugeben, der ihm fehlte, um ihn der Betrachtung der Menschenmengen aussetzen zu k&#246;nnen&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B14">Garc&#237;a M&#225;rquez, 2013: 144</xref>).</p>
<p>Ziel der Leichenpr&#228;paration ist es also, sie als eine Gliederpuppe der Macht einzusetzen, die auf einer B&#252;hne den Massen vorgef&#252;hrt werden kann. Doch die Mimesis scheitert, auch weil ein Urbild, sofern es dieses jemals gegeben hat, wie bei Borges l&#228;ngst verloren gegangen ist. Der f&#252;r ein Bankett ausstaffierte Leichnam f&#252;hrt zwar paradoxerweise dazu, dass &#8218;por primera vez se pod&#237;a creer sin duda alguna en su existencia real&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Garc&#237;a M&#225;rquez, 1999: 241</xref>; &#8218;da&#223; man zum erstenmal ohne jeden Zweifel an seine wahre Existenz glauben konnte&#8217;), doch dies obwohl &#8218;nadie se parec&#237;a menos a &#233;l, nadie era tanto el contrario de &#233;l como aquel cad&#225;ver de vitrina que a la medianoche se segu&#237;a cocinando en el fuego lento del espacio minucioso de la c&#225;mara ardiente&#8216;, &#8218;auch wenn ihm in Wirklichkeit niemand weniger glich, niemand war so sehr das Gegenteil von ihm wie jener Glaskastenleichnam, der noch um Mitternacht auf dem langsamen Feuer des winzigen Krematoriumsraums kochte&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Garc&#237;a M&#225;rquez, 2013: 187</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n47">47</xref> In <italic>Santa Evita</italic> f&#252;hrt die Ununterscheidbarkeit von Leichnam und Puppen zu einer grotesken Verwechslungskom&#246;die, in der diese selbst von Colonel Moori Koenig, dem f&#252;r die Verschleppung der Leiche zust&#228;ndigen Milit&#228;r, durcheinandergebracht werden. Weiter kann man die Engf&#252;hrung zwischen <italic>momia</italic> und <italic>mu&#241;eca</italic>, zwischen Mumie und Puppe, die Valle-Incl&#225;n im <italic>Tirano Banderas</italic> eingef&#252;hrt hatte, nicht treiben.</p>
<p>Dies f&#252;hrt zu zwei grotesken Szenen, die wiederum das Puppenspiel direkt oder indirekt ins Spiel bringen. Moori Koenig bringt den echten Leichnam f&#252;r eine Weile im Kino unter, in dem der bereits erw&#228;hnte Filmvorf&#252;hrer mit seiner Tochter lebt. Der Sarg mit der Leiche wird hinter der Leinwand deponiert, wo die Tochter die Vorf&#252;hrung der Filme hinter der diaphanen Leinwand als Silhouettenspiel verfolgt und sich aus Pappkarton ein Theater baut, von dem aus sie mit den Figuren auf der Leinwand dialogiert &#8211; bis die Tochter sich &#252;ber das Verbot des Vaters hinwegsetzt, den Sarg &#246;ffnet und fortan &#252;ber Wochen mit der Leiche spielt, die sie f&#252;r eine Puppe h&#228;lt, sie in ihr Spiel integriert und &#8218;mi Pup&#233;&#8216; nennt (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Eloy Mart&#237;nez, 1997: 232&#8211;242</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B11">Eloy Mart&#237;nez, 1998: 253&#8211;264</xref>).</p>
<p>Die zweite Szene f&#252;hrt uns schlie&#223;lich nach Deutschland: Nachdem Moori Koenig selbst &#252;ber das Begehren nach Evita-<italic>momia</italic> den Verstand verloren hat und an die argentinische Botschaft nach Bonn abgeschoben wurde, wird eine der Wachsfiguren, als die vermeintliche echte Leiche nach Hamburg verschifft, in einem Valle-Incl&#225;ns Esperpento-Farcen w&#252;rdigen Possenspiel, das um die Puppe aufgef&#252;hrt wird, entf&#252;hrt. Die Verfolgungsjagd endet in einer der Stra&#223;en von St. Pauli, in denen sich Prostituierte in Schaufenstern wie in Aquarien in einem Schauspiel k&#228;uflicher &#8218;Erotik&#8216; exponieren. In einem dieser Schaufenster verstecken die Entf&#252;hrer die Wachspuppe, die der Colonel aber, auch nachdem er sie wieder in seinen Besitz gebracht hat, weiter f&#252;r das Original h&#228;lt, <italic>in plain sight</italic>, was umso leichter gelingt, als sie dort nun wie eine Sexpuppe, ein Modell unter vielen wirkt (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Eloy Mart&#237;nez, 1997: 343</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B11">Eloy Mart&#237;nez, 1998: 357 374&#8211;390</xref>):</p>
<list list-type="simple">
<list-item><p>&#160;&#160;&#160;&#160;El Coronel se detuvo en seco.</p></list-item>
<list-item><p>- &#161;Es Ella! &#8211; dijo, con voz ahogada.</p></list-item>
<list-item><p>&#160;&#160;&#160;&#160;No era f&#225;cil reconocerla en aquel acuario corrompido, ajeno. La hab&#237;an tendido en un div&#225;n de barca egipcia [der Verweis auf die Mumie], con patas de cocodrilo: estaba de canto, en una posici&#243;n impropia de los muertos, con la cara vuelta a los escarnios de la calle y los dedos entrelazados sobre la cintura. El Coronel golpe&#243; con fuerza la vidriera. Adentro, la valquiria se desplaz&#243; con exagerada lentitud&#8230;</p></list-item>
<list-item><p>- &#191;D&#243;nde est&#225;n los que trajeron a esa mujer? &#8211; pregunt&#243; en alem&#225;n,</p></list-item>
<list-item><p>- Es una mu&#241;eca &#8211; contest&#243; la valquiria-. Yo no s&#233; nada. Los que las venden no han llegado todav&#237;a.</p></list-item>
<list-item><p>- Quiero &#233;sa &#8211; dijo el Coronel</p></list-item>
<list-item><p>- A &#233;sa no la venden. La tienen de muestra. Atr&#225;s hay muchas parecidas (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Eloy Mart&#237;nez, 1997: 352&#8211;353</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n48">48</xref></p></list-item>
</list>
<p>Beide Szenen wirken durchaus wie unfreiwillig oder freiwillig perverse Variationen der B&#252;hnenanordnung von <italic>El simulacro</italic> und der dort angesprochenen unzumutbaren, unverzeihlichen und auch obsz&#246;nen Mythologie &#8211; Elemente jener grotesken Farce autorit&#228;rer Herrschaft, auf die die hier untersuchten Texte mit einer antirealistischen Schreibweise reagieren &#8211; unter fortgesetzter Bezugnahme auf Figurentheater und Puppen.</p>
</sec>
<sec>
<title>6. Fazit: Generelle Implikationen</title>
<p>Abschlie&#223;end lassen sich drei Implikationen umrei&#223;en, die die hier skizzierte Konjunktion von Figurentheater und <italic>real maravilloso</italic> im Kontext des Diktatorengenres f&#252;r die &#196;sthetik des Romans hat, vor allem dann, wenn man das wunderbare Wirkliche mit Carpentier gegen die Vorstellung eines leicht konsumierbaren &#252;ppigen Fabulierens in Stellung bringt, wie sie das (Verkaufs-)Label magischer Realismus geradezu im Sinne einer Lateinamerikanit&#228;t<xref ref-type="fn" rid="n49">49</xref> konnotiert.</p>
<p>1. Diktatorische Demiurgie: Wir haben gesehen, welche Rolle dieser Aspekt in Valle-Incl&#225;ns poetologischer Reflexion spielt. Aber auch Garc&#237;a M&#225;rquez, der ja seinerseits seinen Patriarchen sukzessive in eine untote Gliederpuppe verwandelt, hat ausdr&#252;cklich &#252;ber die unangenehmen Affinit&#228;ten zwischen dem autokratisch-autorit&#228;rem Regime des Diktators und seinem eigenen Autoren-Regimen gegen&#252;ber seinen Figuren nachgedacht.<xref ref-type="fn" rid="n50">50</xref> Wiederholt hat er Parallelen zwischen sich und &#8218;seinem&#8216; Patriarchen gezogen und den Roman als sein autobiographischstes Werk bezeichnet (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Armillas-Tiseyra, 2019: 91</xref>). Verweist Armillas Tiseyra auf die strukturelle Entsprechung des Verh&#228;ltnisses zwischen dem Patriarchen und seinem Doppelg&#228;nger Patricio Aragon&#233;s und jenem zwischen dem Garci&#225; M&#225;rquez und dem Patriarchen (Ebd.: 92), so sei an die entsprechende Engf&#252;hrung bei Borges zwischen <italic>El simulacro</italic> und <italic>Borges y yo</italic> erinnert.</p>
<p>2. Die ontologische Dimension: Ist das <italic>real maravilloso</italic> nicht nur ein anderer Blick auf das Vertraute und Wohlbekannte, sondern reagiert es auf eine Welt mit einer anderen Ontologie, vermag Figurentheater, in dem vermeintlich klar Unbelebtes dergestalt <italic>animiert</italic> wird, dass es die Zuschauenden stark <italic>affiziert</italic>, scheinbar fraglos gegebene ontologische Kategorien in Bewegung zu bringen. Angesichts der Bewegtheit und des Bewegtwerdens lie&#223;e sich mit Andrew Pickering von einem <italic>dance of agency</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B39">Pickering, 1995: 21</xref>) sprechen&#8212;auch wenn dieser Tanz im Kontext des Diktatorenromans Formen des Grotesken oder gar des Totentanzes annimmt.</p>
<p>3. Die politische Dimension: Dieser Infragestellung des ontologischen Fundaments entspricht eine wachsame Skepsis, die im Gegensatz steht zu schlafwandlerischem Vertrauen in die Stabilit&#228;t der Verh&#228;ltnisse und der selbstverst&#228;ndlichen G&#252;ltigkeit rationaler Grundannahmen und Verst&#228;ndigungsm&#246;glichkeiten. Nicht zuf&#228;llig stehen systematische Entmenschlichung (Valle-Incl&#225;n/Asturias) und Rituale, die sich um Simulakren und Idole gruppieren (Borges/Eloy Mart&#237;nez), dabei im Zentrum und nicht zuf&#228;llig wird beides unter Bezugnahme auf Figurentheater und Puppen reflektiert. Mit den Analysen David Roussets (aber auch Primo Levis) zum KZ-Universum l&#228;sst sich das <italic>devenir-fantoche</italic> oder <italic>devenir-mannequin</italic> der H&#228;ftlinge und genauer das <italic>Verwandeln</italic> von Menschen in Hampelm&#228;nner und Gliederpuppen als der Inbegriff der totalit&#228;ren Entmenschlichung begreifen (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Rousset, 1947: 43, 51</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n51">51</xref> Die psychotischen Massen, die einmal mehr den Weg dorthin bereiten, haben leider schon lange nichts Exotisches mehr.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Der sein Pendant insbesondere in Afrika hat, weswegen Magal&#237; <xref ref-type="bibr" rid="B24">Armillas-Tiseyra 2019</xref> den Diktatorenroman als Genre des globalen S&#252;dens definiert, in dem es (fast) immer auch um die Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnisse von politischen und &#246;konomischen M&#228;chten /Akteuren des globalen Nordens geht. Prominente afrikanische Beispiele der Gattung sind etwa Henri Lopes&#8216; <italic>Le pleurer-rire</italic> [<italic>Blutiger Ball</italic>] (1982) oder Ahmadou Kouroumas <italic>En attendant le vote des b&#234;tes sauvages</italic> [<italic>Die N&#228;chte des gro&#223;en J&#228;gers</italic>] (1998).</p></fn>
<fn id="n2"><p>Vargas Llosas Roman, der sich auf den ersten Blick mit vergleichsweise konventionellen &#8211; eben realistischen &#8211; narrativen Mitteln fast ausnahmslos historischen Figuren und Ereignissen rund um den dominikanischen Diktator Trujillo n&#228;hert, ist aber zum einen ein vergleichsweise sp&#228;ter Beitrag zu diesem Genre &#8211; die R&#252;ckwendung zur Konvention l&#228;sst sich in diesem Kontext also geradezu als eine Form der Innovation, in jedem Fall aber als die Suche nach einem anderen Ansatz lesen. Zu einer weiteren Differenzierung s.u. Zum anderen nimmt insbesondere die &#252;berausf&#252;hrliche Schilderung von Folter in diesem Roman hyperrealistische Z&#252;ge an, die nun nicht durch Abweichung, sondern durch &#220;bertreibung und Exzess die Prinzipien des Realismus in den Abgrund st&#252;rzen. Eine &#228;hnliche Strategie l&#228;sst sich in Roberto Bola&#241;os 2004 postum ver&#246;ffentlichten Roman <italic>2666</italic> beobachten. Dort ist es die endlose Liste der Opfer der Femizide mit der vielfach wiederholten Beschreibung der Spuren von Vergewaltigung, Folter und Mord der Opfer, die einen hyperrealen Schwindel erzeugt.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Auch Miguel &#193;ngel Asturias und selbst Borges, zwei Schriftsteller, um die es im Folgenden ausf&#252;hrlich gehen soll, werden gerne so klassifiziert. Dass es sich hierbei um zwei Autoren handelt, deren Schreibweise unterschiedlicher kaum sein k&#246;nnte, ist ein Indikator f&#252;r die relative Willk&#252;rlichkeit dieser Einordnung.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Dies ist umso kurioser, als sich die &#220;bersetzung des Textes zu Barock und <italic>real maravilloso</italic> direkt anschlie&#223;t. Angesichts des Titels der Publikation ist die Nivellierung der Differenz aber offenbar Programm.</p></fn>
<fn id="n5"><p>&#8218;Nun gibt es doch etwas, das man den <italic>magischen Realismus</italic> genannt hat, was f&#252;r einen Unterschied gibt es den zwischen dem magischen Realismus und dem wunderbaren Wirklichen?&#8216; Sofern keine andere Quelle angegeben werden, stammen &#220;bersetzungen ins Deutsche von mir.</p></fn>
<fn id="n6"><p>Es w&#228;re eine eigene soziologische Untersuchung wert, in wie vielen westdeutschen Haushalten der 80er Jahre Chagall-Reproduktionen mit Ausgaben von <italic>Das Geisterhaus</italic> oder <italic>Hundert Jahre Einsamkeit</italic> koexistiert haben.</p></fn>
<fn id="n7"><p>Dar&#252;ber hinaus stellt sich die Frage, worin eigentlich der Unterschied zwischen magischem Realismus und &#352;klovskijs <italic>ostranenie</italic> besteht. Zumindest Carpentiers Definition des magischen Realismus &#8211; ungewohnte Darstellung des Gewohnten &#8211; stimmt eins zu eins mit der &#8218;Verfremdung&#8216; &#252;berein, wie &#352;klovskij sie etwa an Tolstois Beschreibung der Pr&#252;gelstrafe darlegt, vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B42">&#352;klovskij, 1969, S. 17</xref>.</p></fn>
<fn id="n8"><p>&#8218;Dann bedurfte es, um diese neue Welt zu verstehen, zu interpretieren, eines f&#252;r den Menschen neuen Vokabulars, aber dar&#252;ber hinaus [&#8230;] auch einer neuen Optik.&#8216; <xref ref-type="bibr" rid="B8">Carpentier, 1987b: 113</xref> zitiert eine W&#246;rterbuchdefinition des maravilloso als &#8218;lo que causa admiraci&#243;n&#8216;, die er ablehnt, weil er <italic>admiraci&#243;n</italic> als Bewunderung missversteht, denn ihm geht es um auch um das schreckliche, entsetzliche <italic>maravilloso</italic>. Dabei &#252;bersieht er aber, dass <italic>admiratio</italic> genau das bezeichnet, worum es ihm geht: Das Staunen, eine Verwunderung (und eben keine Bewunderung), die jedem wertenden Affekt voraufliegt, wie etwa Descartes ausf&#252;hrt. Zu einer exemplarischen fr&#252;hneuzeitlichen Schreibweise der <italic>admiratio</italic> angesichts der &#8218;Neuen&#8216; Welt vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Cuntz, 2006</xref>.</p></fn>
<fn id="n9"><p>Dar&#237;o Villanueva bemerkt &#252;ber Carpentier und Asturias, dass ihre ersten Werke in gleicher Weise dem surrealistischen Ansatz wie der Kunst und Kosmologie der zentralamerikanischen Kunst nahe standen (<xref ref-type="bibr" rid="B44">Villanueva, 2020: LIII</xref>).</p></fn>
<fn id="n10"><p>Von einem Riss in der Ideologie des Realismus spricht Frederic Jameson. Dieser wirke realistisch, weil die Beschreibung mit unseren Konventionen koinzidiert und uns &#8218;reality itself&#8216; als &#8218;both the irresistible force and the unmovable obstacle&#8216; erscheinen l&#228;sst (<xref ref-type="bibr" rid="B32">Jameson, 2010: 371</xref>). Die formelhafte Darstellung rufe einen Effekt des Wiedererkennens hervor. Wenn &#8218;such recognition confirms a feeling that society is static and stable&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B32">Jameson, 2010: 360</xref>), dann gilt diese Wahrnehmung von Stasis, allerdings in der beunruhigenden Form von Stagnation, einem Verfall oder Desaster ohne Ende in besonderem Ma&#223;e f&#252;r das Leben unter diktatorischem Regime, die in Valle-Incl&#225;ns Esperpento und im hispanischen Diktatorenroman beschrieben werden. Was Jameson hier nicht mitbedenkt, ist die M&#246;glichkeit, dass die Wirklichkeit selbst zur grotesken Farce geworden ist. Das Trump-Regime gerade der zweiten Amtszeit h&#228;tte ihn eines Schlechteren belehren k&#246;nnen.</p></fn>
<fn id="n11"><p>Die politische Dimension von Valle-Incl&#225;ns defigurierender Esperpento-&#196;sthetik betont auch <xref ref-type="bibr" rid="B31">Echeverr&#237;a 2017: 19</xref>, sieht allerdings das &#220;berwiegen des Pessimismus gegen&#252;ber dem Protest.</p></fn>
<fn id="n12"><p>&#8218;Spanien ist eine groteske Verzerrung der europ&#228;ischen Zivilisation&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Valle-Incl&#225;n, 1989: 69</xref>).</p></fn>
<fn id="n13"><p>Zum messianischen Charisma als Konstante des hispanischen Diktatorenromans vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B46">Wehr, 2016</xref>.</p></fn>
<fn id="n14"><p>Villarmea Alv&#225;rez, 2006: 163 behauptet dies zwar f&#252;r <italic>El se&#241;or presidente</italic>, bleibt den Beleg aber schuldig. Die einzige konkrete Textstelle, die sie &#252;berhaupt f&#252;r diese These anf&#252;hrt, deutet sie durch eine kaum nachvollziehbare Fehllekt&#252;re um. Wenn bei Asturias von einer &#8218;red de hilos invisibles, m&#225;s invisibles que los hilos del tel&#233;grafo&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Asturias, 1997: 147</xref>), die Rede ist, so sind mit den <italic>hilos</italic> ja ganz explizit die <italic>d&#252;nnen Dr&#228;hte</italic> von Telegraphenleitungen gemeint (&#8218;alambre muy delgado que se saca de los metales&#8216;, Definition der Real Academia Espa&#241;ola) und nicht die <italic>F&#228;den</italic> von Marionetten, zumal auch Asturias, 1971: 39 &#252;bersetzt: &#8218;Ein unsichtbares Netz von F&#228;den, noch d&#252;nner als Telegrafendr&#228;hte [&#8230;]&#8216;. Es geht an dieser Stelle auch nicht um das Manipulieren und Einwirken mittels dieser Dr&#228;hte, sondern um ein allumfassendes &#220;berwachsungs- und Spitzelwesen, das dem Diktator alles zutr&#228;gt, also um das Empfangen von Information &#252;ber die ausgehorchten B&#252;rger.</p></fn>
<fn id="n15"><p>Siehe dazu, auch direkt zu Don Friolera/Firlefanz den Abschnitt &#8218;Menschliche Marionetten&#8216; in <xref ref-type="bibr" rid="B33">Klotz et al., 2013: 691&#8211;</xref>696.</p></fn>
<fn id="n16"><p>Nat&#252;rlich gibt es einen &#228;u&#223;erst prominenten Vorl&#228;ufer, der einen Tyrannen in einem ganzen St&#252;ckezyklus mit Schauspielern auf die B&#252;hne bringt, die wie Puppen agieren: Alfred Jarrys <italic>Ubu</italic>, der 1896 als eine Art Sch&#252;lerstreich das Licht der Welt und das Theater erblickt und in <italic>Ubu roi</italic> nach einem Tyrannenmord selbst zum Tyrannen wird. Eine Textsammlung Jarrys, die auch Ubu-Texte enth&#228;lt, tr&#228;gt den Titel <italic>Guignol</italic>, also Kasperle(theater). In einer vor der ersten Auff&#252;hrung gehalten Rede wird Ubu als &#8218;un simple fantoche&#8216; bezeichnet und das explizite Ziel der Schauspieler ist es, sich ganz in Marionetten zu verwandeln. Dies bedeutet, ganz pers&#246;nlichkeitslos zu werden (Aspekt der Entmenschlichung). &#8218;[P]our &#234;tre tout &#224; fait marionettes&#8216; sollten sich die Schauspieler zu Jahrmarktsmusik bewegen (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Jarry, 1985: 19&#8211;21</xref>) &#8211; auch hier gibt es also Parallelen zum <italic>Tirano Banderas</italic>.</p></fn>
<fn id="n17"><p>&#8218;Im gelben Schein der &#214;lfunzel ist Leutnant Firlefanz ein tragischer Hampelmann. [&#8230;] Die Bewegung der Figuren, jenes Hinaus- und Hereineilen mit gespreizten Armen, hat die faszinierende Wirkung einer Marionettentrag&#246;die.&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Valle-Incl&#225;n, 1982: 121, 124</xref>). Der Begriff der <italic>sugesti&#243;n</italic>/Faszination zeigt, dass es nicht allein um eine l&#228;cherliche Wirkung geht, sondern dass die grotesk verfremdende Mimesis die Zuschauenden/Lesenden in ihren Bann ziehen soll.</p></fn>
<fn id="n18"><p>&#8218;Max: Unsere Trag&#246;die ist keine Trag&#246;die / Don Latino: Na was dann? / Max: Eine Schauerposse [&#8230;] Don Latino: La&#223; das Affentheater. Wir bewegen uns ein bi&#223;chen. [&#8230;] Max: Wenn die klassischen Helden vor den Hohlspiegeln paradieren, bieten sie die Schauerposse dar. Das tragische Lebensgef&#252;hl Spaniens kann nur mit Hilfe einer systematischen Verzerrung dargeboten werden&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B19">Valle-Incl&#225;n, 1989: 68 f</xref>.</p></fn>
<fn id="n19"><p>&#8218;Shakespeare dichtete mit dem Herzen, mit dem pochenden Herzen Othellos: in der Eifersucht des Mohren erschafft er sein Double. Sch&#246;pfer und Gesch&#246;pf sind aus demselben Menschheitslehm. Dieser Gaukler jedoch gibt nie und nimmer das Bewu&#223;tsein der eigenen, naturgegebenen &#220;berlegenheit auf, in seinem Verhalten gegen&#252;ber den Holzk&#246;pfen seiner Schmiere. Er hat die W&#252;rde eines Demiurgen&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B18">Valle-Incl&#225;n, 1982: 97 f</xref>. Der <italic>tabanque</italic> ist eigentlich der runde Schleifstein des Scherenschleifers.</p></fn>
<fn id="n20"><p>&#8218;Meine &#196;sthetik ist eine &#220;berwindung des Leidens und des Lachens, wie die Gespr&#228;che der Toten sein m&#252;ssen, wenn sie einander Geschichten von den Lebenden erz&#228;hlen&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B18">Valle-Incl&#225;n, 1982: 89</xref>.</p></fn>
<fn id="n21"><p>Um allerdings kurz darauf tats&#228;chlich in einer grotesken Version <italic>der passio Christi</italic> das Zeitliche zu segnen, zur Passionsgeschichte als Modell vgl. etwa Caudets Anm. 575 in <xref ref-type="bibr" rid="B22">Valle-Incl&#225;n, 2017: 424</xref>. Im spanischen Kontext und genauer im Kontext des barocken Ehrendramas, den Valle-Incl&#225;n ja in seinem Esperpento direkt aufruft, um ihn zu kritisieren, verweist dies nat&#252;rlich auch auf die Tatsache, dass der sterbende Protagonist noch sein Sterben konstatieren darf, bevor er ablebt.</p></fn>
<fn id="n22"><p>Der Satz ist in der DDR-&#220;bersetzung schlicht ausgelassen, eines von zahllosen Beispielen der Textverf&#228;lschung angesichts der offensichtlichen &#228;sthetischen und politischen &#220;berforderung des real existierenden sozialistischen Realismus mit Asturias Antirealismus. Diese perfide &#8211; nat&#252;rlich unausgewiesene &#8211; Zensur, die sich als &#220;bersetzung ausgibt, ist gewisserma&#223;en Probe aufs Exempel der politischen Dimension des real maravilloso.</p></fn>
<fn id="n23"><p>&#8218;Comediante que representaba obras &#233;l solo, mudando la voz seg&#250;n la condici&#243;n de los personajes que interpretaba&#8216;, lautet die Definition der Real Academia Espa&#241;ola, vgl. Eintrag <italic>bulul&#250;</italic>, <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://dle.rae.es/?w=bulul%C3%BA">https://dle.rae.es/?w=bulul%C3%BA</ext-link> [Zuletzt aufgerufen 26.04.2025].</p></fn>
<fn id="n24"><p><ext-link xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" ext-link-type="uri" xlink:href="https://gl.wikipedia.org/wiki/Bulul%C3%BA">https://gl.wikipedia.org/wiki/Bulul%C3%BA</ext-link>.</p></fn>
<fn id="n25"><p>Die im &#220;brigen in Teilen der Theaterforschung zu der irrigen Behauptung gef&#252;hrt haben, es gebe im Theater keine Vermittlungsinstanz &#8211; eine Aussage, die neben der Fixierung auf realistisches Illusionstheater einer inszenierungsvergessenen Sprachfixierung geschuldet sein d&#252;rfte.</p></fn>
<fn id="n26"><p>Ein weiteres prominentes Beispiel w&#228;re Georges Perecs <italic>La disparition</italic>, dt. <italic>Anton Voyls Fortgang</italic> von 1969.</p></fn>
<fn id="n27"><p>Also: &#8218;wie eine Theaterdame&#8216;, was in Valle-Incl&#225;n, 1971: 41 ohne ersichtlichen Grund mit &#8218;Salondame&#8216; &#252;bersetzt ist.</p></fn>
<fn id="n28"><p>Bei &#8218;l&#228;chelte theatralisch&#8216; (Valle-Incl&#225;n 1971: 60) geht die Betonung des Gek&#252;nstelten und der T&#228;uschung verloren, den <xref ref-type="bibr" rid="B43">Speratti-Pi&#241;ero, 1968: 158&#8211;</xref>161 als zentral f&#252;r den Roman hervorhebt.</p></fn>
<fn id="n29"><p>Valle-Incl&#225;n, 1971: 99, 65 &#252;bersetzt abgeschw&#228;cht mit &#8218;dramatisches Puppenspiel&#8216; und &#8218;f&#252;hlen sich in ein dramatisches Puppenspiel versetzt.&#8216;</p></fn>
<fn id="n30"><p>Valle-Incl&#225;n, 1971: 66 erg&#228;nzt: &#8218;in der sturen Maske eines Biedermanns&#8216; und missinterpretiert realistisch die Maske als jene einer sozialen Rolle, wo es um die antirealistische Verfremdung der Figuren geht.</p></fn>
<fn id="n31"><p>Alternativ ist auch von Zungenpl&#228;ttchen, <italic>leng&#252;etas</italic>, die Rede, vgl. den informativen Hinweis auf <italic>t&#237;tere</italic> in der <italic>World Encyclopedia of Puppetry Arts</italic> (ein entsprechender Eintrag f&#252;r bulul&#250; fehlt dort allerdings) unter <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://wepa.unima.org/en/spain">https://wepa.unima.org/en/spain</ext-link> [Zuletzt aufgerufen 26. April 2025]. Offensichtlich handelt es sich bei dieser ebenfalls im 16. Jh. in Spanien aufkommenden Auff&#252;hrungsform um ein Gegenmodell zum <italic>bulul&#250;</italic>, der gerade nicht verschwindet, sondern gemeinsam mit den Puppen agiert.</p></fn>
<fn id="n32"><p>&#8218;[&#8230;] y los maestros que estan dentro detras de vn repostero, y del castillo que tienen de madera estan siluando con vnos pitos, que parece hablar las mesmas figuras, y el interprete que est&#224; aca fuera declara lo que quieren dezir, y porque el pito suena ti ti, se llamaron t&#237;teres [&#8230;]&#8216; (&#8218;[&#8230;] und die Puppenspieler, die sich drinnen hinter einem rechteckigen Tuch [i.e. der Vorhang] und einem h&#246;lzernen Geh&#228;use befinden, pfeifen mit gewissen Pfeifen, so dass es scheint, als ob die Figuren selbst spr&#228;chen, und weil der Pfiff wie &#8218;ti, ti&#8216; klingt, nannte man sie <italic>titeres</italic>.&#8216;) Covarrubias weist auch darauf hin, dass es Ausl&#228;nder sind, die diese Kunst praktizieren: &#8218;ciertas figurillas que suelen traer estrangeros en unos retablos&#8216; (&#8218;gewisse Fig&#252;rchen, die Ausl&#228;nder in Puppenb&#252;hnen mitzubringen pflegen&#8216;), vgl. Lemma <italic>TITERES</italic> in <xref ref-type="bibr" rid="B8">de Cobarruuias Orozco, 1611</xref>.</p></fn>
<fn id="n33"><p>Diese Schmierenkom&#246;die von Diktatur und Totalitarismus thematisieren etwa auch David Rousset f&#252;r das KZ-Universum oder Leonardo Padura f&#252;r die Sowjetunion unter Putins gro&#223;em Vorbild Stalin, vgl. David Roussets <italic>Les jours de notre mort</italic> [<italic>Die Tage unseres Todes</italic>] und Lenoardo Paduras <italic>El hombre que amaba a los perros</italic> [<italic>Der Mann, der Hunde liebte</italic>].</p></fn>
<fn id="n34"><p>Die DDR-&#220;bersetzung zensiert die <italic>Szene</italic> staatlich gedungener Gewalt zu &#8218;dem Ganzen&#8216; (Asturias, 1971: 53).</p></fn>
<fn id="n35"><p>&#8218;und dem Marionettenbudenbesitzer an der Pforte sowie seinen Spielern den Hals zu kitzeln, damit sie laut herauslachten&#8216; (Asturias, 1971: 52). -Dies ist einmal mehr eine falsche &#220;bersetzung, denn im Original steht &#8218;se carcajeara&#8216; &#8211; zum Lachen soll also nur der Titiritero gebracht werden, nicht auch seine Figuren.</p></fn>
<fn id="n36"><p>Bei Asturias wird also das Lachen selbst mechanisch und nicht nur, wie bei Bergson, der Ausl&#246;ser des Lachens. In der Entwicklung seines Arguments vergleicht Bergson mehrfach solche durch Wiederholung und Nachahmung mechanisch wirkenden Bewegungen mit jenen von Marionetten und Autoren komischer Texte mit Marionettenspielern (vgl. Valle-Incl&#225;ns &#196;u&#223;erungen), <xref ref-type="bibr" rid="B29">Bergson, 2006: 12, 27</xref>.</p></fn>
<fn id="n37"><p>Weswegen auch die simple Eins-zu-Eins-&#220;bertragung von Valle-Incl&#225;ns &#196;sthetik auf Asturias fehlgeht (<xref ref-type="bibr" rid="B45">Villarmea &#193;lvarez, 2006: 164&#8211;165</xref>). Zum einen zeugt die von ihr angef&#252;hrte These, mit Marionetten lie&#223;en sich per se keine tieferen Gef&#252;hle darstellen bzw. im Publikum hervorrufen von einem falschen Abbildungsverst&#228;ndnis von Mimesis und trifft auf das Figurentheater schlicht nicht zu; zum anderen lachen die Kinder nicht &#252;ber das Ungl&#252;ck der Puppen, weil sie &#8211; als seien sie b&#252;rgerliche Kunstkritiker &#8211; den Missklang zwischen Handlung und Puppen wahrnehmen w&#252;rden, sondern weil Asturias ihnen in einer von negativer Anthropologie gepr&#228;gten, d&#252;steren und ausweglosen Romanwelt eine profunde Grausamkeit zuschreibt.</p></fn>
<fn id="n38"><p>Die Frage, ob es sich bei Juan und Eva Per&#243;n, mit denen sich Borges und Eloy Mart&#237;nez in ihren Texten befassen, tats&#228;chlich um einen Diktator und seine Gattin handelt, ist komplex. Anders als die F&#252;hrer der argentinischen Milit&#228;rdiktaturen der 1950er und vor allem der 1970er Jahre ist Per&#243;n drei Mal zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt worden und sein Regime l&#228;sst sich in keiner Weise mit dem Terror der Milit&#228;rdiktatur der 1970er Jahre vergleichen. Paniagua ordnet Per&#243;ns Regierung aber als autorit&#228;r, populistisch, militaristisch und ultranationalistisch ein (<xref ref-type="bibr" rid="B38">Paniagua, 2025: 42&#8211;43</xref>). Vor allem aber ist der fr&#252;he Peronismus ein exemplarisches Beispiel f&#252;r eine autorit&#228;re Herrschaftsform, die auf Populismus und quasi-religi&#246;sem Kult um das Ehepaar Per&#243;n beruht &#8211; was sich schon in der Benennung der politischen Bewegung als Peronismus niederschl&#228;gt. Insbesondere Evita lie&#223; sich medial als charismatisch-volksnahes Idol inszenieren (<xref ref-type="bibr" rid="B38">Paniagua, 2025: 32, 38, 43, 151&#8211;153</xref>). Was Borges&#8217; Text entsprechend herausstellt in seiner Betonung des Simulakrenhaften, also der Ersetzung der Realit&#228;t durch eine in sich geschlossene Fiktion, l&#228;sst sich mit Hannah Arendt als Grundzug von <italic>totalit&#228;rer</italic> Herrschaft beschreiben, vgl. Arendt, 1986, etwa S. 745&#8211;813. Die Darstellung von Eloy Mart&#237;nez in <italic>Santa Evita</italic> legt dabei nahe, dass es Eva Per&#243;n ist, die Tendenzen totalit&#228;rer Herrschaft weitaus eher verk&#246;rpert und als Idol der Massen kanalisiert als ihr Ehemann. Nicht nur, weil sie von Beruf Schauspielerin war, sondern weil sie einer <italic>Bewegung</italic> vorsteht, die immer wieder die Stabilisierungsversuche innerhalb des Regimes unterminiert, zum Totalitarismus als Bewegung vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">Arendt, 1986</xref>, etwa S. 726&#8211;813.</p></fn>
<fn id="n39"><p>Auch dies nimmt geradezu eine Formulierung aus dem <italic>Tirano</italic> auf, in dem von einem <italic>gesto de burla f&#250;nebre</italic> die Rede ist.</p></fn>
<fn id="n40"><p>&#8218;Hegel bemerkte irgendwo, da&#223; alle gro&#223;en weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzuf&#252;gen: das eine Mal als Trag&#246;die, das andere Mal als Farce.&#8216;, so das ber&#252;hmte Zitat von Karl Marx aus <italic>Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte</italic> (MEW, Bd. 8., S. 115).</p></fn>
<fn id="n41"><p>Zum Simulakrum als opakes Zeichen ohne Referenten auch <xref ref-type="bibr" rid="B34">Lachmann, 1990: 13&#8211;</xref>51.</p></fn>
<fn id="n42"><p>Zu Valle-Incl&#225;ns Auseinandersetzung mit Shakespeare angesichts eines Spiels im Spiel s.o.</p></fn>
<fn id="n43"><p>Hier ist eine Korrektur der &#220;bersetzung angezeigt: <italic>cr&#233;dula</italic> hei&#223;t nicht gl&#228;ubig, sondern leichtgl&#228;ubig und <italic>crasa</italic> bedeutet hier nicht (nur) plump, sondern auch: unverzeihlich, unentschuldbar, unzumutbar.</p></fn>
<fn id="n44"><p>Offensichtlich besteht in Deutschland so etwas wie ein normalistischer Zwang, den hier verhandelten Texten ihren Anti-Realismus durch &#252;bersetzerische Eingriffe und &#8218;Korrekturen&#8216; auszutreiben. In der deutschen &#220;bersetzung wird daraus &#8222;ein[..] Julitag des Jahres 19<bold>53</bold> [meine Hervorhebung]&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Borges, 1993: 23</xref>) &#8211; weil f&#252;r den gegen das <italic>real maravilloso</italic> immunisierten Realit&#228;tsbegriff offenbar nicht sein kann, was nicht sein darf. Als Kommentar zur Datierung wie f&#252;r die gesamte Kurzerz&#228;hlung l&#228;sst sich folgender Satz von Guillermo del Torre aus der Zeitschrift <italic>Sur</italic> heranziehen: &#8218;todo el peronismo era una colosal impostura. Todo era ap&#243;crifo, anacr&#243;nico&#8216; &#8211; &#8218;Der gesamte Peronismus war eine kolossale <italic>Hochstapelei</italic>. Alles war apokryph, alles war <italic>anachronistisch</italic>&#8216; (zit. n. <xref ref-type="bibr" rid="B38">Paniagua, 2025: 52</xref>).</p></fn>
<fn id="n45"><p>Dabei muss allerdings pr&#228;zisiert werden, dass der Distanzverlust bei Asturias und Borges nur auf der Geschichtsebene stattfindet &#8211; bei Asturias zun&#228;chst als gescheiterter Versuch des Puppenspielers, der das Publikum nicht ansteckt, bei Borges hingegen als kollektives Geschehen. Erst bei Eloy Mart&#237;nz ist es die Vermittlungsinstanz, die selbst Sympathien f&#252;r Evita und ihren untoten K&#246;rper aufbringt.</p></fn>
<fn id="n46"><p>Der nationalistisch-rechtsperonistische Historiker Norberto Galasso hat Eloy Mart&#237;nez mehr oder weniger Verrat an der peronistischen Sache vorgeworfen. Als ehemaliger gl&#252;hender Peronist habe er mit <italic>La novela de Per&#243;n</italic> eine Hundertachtzigradwende vollzogen, um nun Angriffe gegen den General zu reiten. Mit <italic>Santa Evita</italic> glorifiziere er Eva Duarte (und damit letztlich die linke Auslegung des Peronismus), um alles &#220;bel auf Juan Per&#243;n abw&#228;lzen zu k&#246;nnen (Galasso, zit. n. <xref ref-type="bibr" rid="B38">Paniagua, 2025: 154&#8211;155</xref>). In jedem Fall l&#228;sst sich eine ambivalente Haltung gegen&#252;ber dem Peronismus konstatieren, die in der tats&#228;chlich sehr unterschiedlichen Perspektive auf die beiden Protagonisten der Bewegung zum Ausdruck kommt.</p></fn>
<fn id="n47"><p>DIe deutsche &#220;bersetzung ist hier unzutreffend: Die <italic>c&#225;mara ardiente</italic> (vgl. frz. u. engl. <italic>chapelle ardente</italic>) ist der Raum, in dem in r&#246;misch-katholischer Tradition ein Staatsmann oder eine andere prominente Pers&#246;nlichkeit vor ihrem Begr&#228;bnis feierlich aufgebahrt wird und wo der Leichnam folglich einer mehr oder weniger &#246;ffentlichen Trauergemeinde zug&#228;nglich ist. Was in diesem Raum brennt, sind unz&#228;hlige Kerzen.</p></fn>
<fn id="n48"><p>&#8218;Der Oberst erstarrte: &#8222;Sie ist es!&#8220; [es ist SIE, mit <italic>Ella</italic> mit Majuskel ist f&#252;r alle Argentinier erkennbar Evita gemeint, vgl. den Titel von Onettis Erz&#228;hlung, aber auch die entsprechende Verwendung in <italic>Santa Evita</italic>], sagte er mit erstickter Stimme.</p>
<p><styled-content style="display: block">In diesem verkommenen, unwirklichen Aquarium war sie nicht leicht zu erkennen. Man hatte sie auf einem Diwan, der die Form einer &#228;gyptischen Barke mit Krokodilf&#252;&#223;en hatte, hochkant befestigt, in einer f&#252;r Tote unpassenden Stellung, das Gesicht dem Gesp&#246;tt der Stra&#223;e zugewandt, die Finger &#252;ber der Taille verschr&#228;nkt. Der Oberste h&#228;mmerte ans Fenster. Im Innern bewegte sich die Walk&#252;re &#252;bertrieben langsam&#8230; &#8222;Wo sin [sic] die Kerle, die diese Frau gebracht haben?&#8220;, fragte der Oberst auf deutsch &#8230; &#8222;Es ist eine Puppe&#8220;, antwortete die Walk&#252;re. &#8222;Ich wei&#223; von nichts. Die, die die Puppen verkaufen, sind noch nicht da.&#8220; &#8222;Ich will diese dort&#8220;, sagte der Oberst. &#8222;Die ist unverk&#228;uflich. Sie ist ein Muster. Hinten gibt&#8217;s noch viele in der Art,&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">Eloy Mart&#237;nez, 1998: 385&#8211;</xref> 386).</styled-content></p></fn>
<fn id="n49"><p>Analog gebildet zu Barthes&#8216; Analyse einer Panzani-Werbung und ihrer Konnotation der Italianit&#228;t, vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Barthes, 1982</xref>.</p></fn>
<fn id="n50"><p>Zur Reflexion &#252;ber diese Identifikation passt auch, dass Garc&#237;a M&#225;rquez urspr&#252;nglich vorhatte, einen Roman zu schreiben, der autodiegetisch aus der Perspektive des Diktators erz&#228;hlt wird, vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B24">Armillas-Tiseyra, 2019: 87</xref>.</p></fn>
<fn id="n51"><p>Dies ist nicht als denunziatorische Bemerkung gegen das Figurentheater gemeint. Es verh&#228;lt sich wie mit der Mensch-Tier-Grenze: Gerade die Behauptung eines ontologischen Abgrunds zwischen Mensch und Tier wie zwischen Mensch und Puppe hat die unerbittliche Konsequenz, dass diejenigen, die sich f&#252;r &#8218;echte&#8216; Menschen (oder Herrenmenschen, welcher Unterschied?) halten, darin gefallen, mehr und mehr ihrer Nicht-Mehr-Mitmenschen in diesen Abgrund zu st&#252;rzen.</p></fn>
</fn-group>
<sec>
<title>Competing Interests</title>
<p>Der Autor erkl&#228;rt, dass keine Interessenkonflikte bestehen.</p>
</sec>
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<title>Primary Sources</title>
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