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<journal-title>Open Library of Humanities</journal-title>
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<subject>Production archives 01: puppets for action</subject>
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<article-title>&#8218;Zugleich unter den Bezauberten und Zauberern&#8216;. Funktionen erz&#228;hlten Figurentheaters von Goethe bis Hettche</article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Institut f&#252;r Neuere Deutsche Literatur und Medien, Christian-Albrechts-Universit&#228;t zu Kiel</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2026-03-24">
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<abstract>
<p>Der Beitrag untersucht Figurentheater als Sujet deutschsprachiger erz&#228;hlender Literatur vom sp&#228;ten 18. bis zum 21. Jahrhundert. Dabei verfolgt er zwei Ziele. Erstens wird an einer Reihe von Beispielen gezeigt, wie literarische <italic>backstage</italic>-Narrationen des Figurentheaters Puppentheater und Puppenspiel als Kunstform thematisieren, dabei die Produktion, Rezeption und Wirkung von Figurentheater reflektieren und daraus poetologischen Mehrwert gewinnen. Innerhalb der referierten literarischen Texte kann das Strukturmerkmal &#8218;Figurentheater&#8216; eher fremdreferentielle (Figurentheater dient als allegorisches Vehikel f&#252;r theaterfremde Themen) oder eher selbstreferentielle Funktionen erf&#252;llen (Figurentheater wird als Figurentheater reflektiert). Insgesamt zeigt sich, dass das Puppenspiel dem Schreiben und der Literatur &#228;hnelt: Schreibende sind wie Puppenspieler, da sie beide durch ihre Handbewegungen Zeichen erzeugen und dies gleichzeitig beobachten k&#246;nnen; Selbstbeobachtung wird als Fremdbeobachtung vollziehbar. Zweitens verdichtet der dritte Teil den in diesem Beitrag erstmalig gebotenen &#220;berblick &#252;ber deutschsprachiges erz&#228;hltes Figurentheater anhand der Figur des Kasperle. An den Kasperle-Rezeptionen von Theodor Storm (<italic>Pole Poppensp&#228;ler</italic>) und Thomas Hettche (<italic>Herzfaden</italic>) kann gezeigt werden, wie die poetologischen Reflexionen im Falle des Kasperle zu einer Sch&#228;digung der Figur (Storm) bzw. ihrer Verbannung aus dem Figureninventar eines k&#252;nstlerisch ambitionierten Puppentheaters (Hettche) f&#252;hren. W&#228;hrend der Verlust des Kasperle bei Storm noch sentimental verkl&#228;rt wird, wird die Figur bei Hettche in einem zeitgeschichtlich motivierten und unvers&#246;hnlichen, selbsttherapeutischen Akt des erz&#228;hlerischen Exorzismus getilgt, den der Roman selbst zu wenig reflektiert.</p>
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<title>1. Goethes Marionetten und die Medien des Hanswurst</title>
<p>Das erste Wort hat Goethes Fragment <italic>Wilhelm Meisters theatralische Sendung</italic>, entstanden zwischen 1777 und 1785. Wilhelms theaterskeptischer Vater begutachtet die von seiner Mutter f&#252;r ihren Enkel als Weihnachtsgeschenk hergestellten, zun&#228;chst von ihm als &#8218;nutzlos&#8216; bezeichneten Puppen, &#8218;artig gekleidete Puppen [&#8230;], die in sch&#246;ner Ordnung, die beweglichen Dr&#228;hte an den K&#246;pfen befestigt neben einander lagen, und nur den Geist zu erwarten schienen, der sie aus ihrer Unt&#228;tigkeit regen sollte&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Goethe, 1992a: 12</xref>), und wird &#252;ber ihrer Betrachtung selbst wieder zum Kind. &#8218;Kinder m&#252;ssen Kom&#246;dien haben und Puppen&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Goethe, 1992a: 12</xref>), so Wilhelms Gro&#223;mutter zu ihrem Sohn.</p>
<p>Nach einiger Zeit des Bilder-Betrachtens und Lesens f&#252;hrt die Wiederholung des weihnachtlichen Puppenspiels bei Wilhelm zur &#8218;Wollust&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Goethe, 1992a: 17</xref>) einer vertiefenden Erforschung des Theaters&#8212;und zu einer voyeuristischen Verdoppelung des Beobachterstandpunktes:</p>
<disp-quote>
<p>Wie das zuginge war itzo sein Anliegen. Da&#223; die Puppen nicht selbst redeten, das hatte er sich das erstemal schon gesagt, da&#223; sie sich nicht von selbst bewegten, dar&#252;ber lie&#223; er sich nicht vexieren; aber warum das alles doch so h&#252;bsch war, und es doch so aussah als wenn sie selbst redeten und sich bewegten, warum man so gerne zusah, und wo die Lichter und die Leute sein m&#246;gten, das war ihm ein R&#228;tsel, das ihn um desto mehr beunruhigte, jemehr er w&#252;nschte <italic>zugleich unter den Bezauberten und Zauberern zu sein</italic>, zugleich seine H&#228;nde verdeckt im Spiel zu haben und als Zuschauer eben die Freude zu <italic>genie&#223;en</italic> die er und die &#252;brige [sic] Kinder empfingen (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Goethe, 1992a: 17</xref>; meine Hervorhebungen).</p>
</disp-quote>
<p>Zugleich Produzent und Rezipient, zaubernder Akteur und affektiv bezauberter Betrachter zu sein, sich also zugleich &#252;ber oder hinter der B&#252;hne&#8212;nicht auf der B&#252;hne!&#8212;und vor ihr zu positionieren, das Spiel als distanzierter Spieler au&#223;erhalb und zugleich als Zuschauer innerhalb der Illusion wahrzunehmen&#8212;Selbstbeobachtung als Fremdbeobachtung, gottgleiche Nullfokalisierung&#8212;das ist Wilhelms visuelles Begehren.</p>
<p>Und zugleich wird die ersehnte, aber tabuisierte zweite Beobachterposition, der Blick hinter die Kulissen zum &#196;quivalent verbotener sexueller Exploration, zum unvermeidlichen S&#252;ndenfall des Erkennens:</p>
<disp-quote>
<p>Das St&#252;ck war bald zu Ende und wieder am Tanz, als er sich listig der <italic>H&#252;lle</italic> zu n&#228;hern suchte. Kaum war der Vorhang gefallen man war unaufmerksam, und er h&#246;rte inwendig am Klappern, da&#223; man mit Aufr&#228;umen besch&#228;ftigt seie, so hub er den untern Teppich auf und <italic>guckte zwischen den Tischbeinen</italic> weg. Eine Magd bemerkte es hau&#223;en und zog ihn zur&#252;ck, allein er hatte doch so viel gesehen, da&#223; man Freunde und Feinde, Saul und Goliath, [&#8230;] in Einen Schiebkasten packte, und das war seiner halb befriedigten Neugierde frische Nahrung. So wie in gewissen Zeiten die Kinder <italic>auf den Unterschied der Geschlechter</italic> aufmerksam werden, und ihnen Blicke durch die H&#252;llen, die diese Geheimnisse verbergen, gar wunderbare <italic>Bewegungen in ihrer Natur hervor bringen</italic>, so war&#8216;s Wilhelmen mit dieser Entdeckung, er war ruhiger und unruhiger als vorher, dauchte sich, da&#223; er was erfahren h&#228;tte, und sp&#252;rte eben daran, da&#223; er gar nichts w&#252;sse (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Goethe, 1992a: 17; meine Hervorhebungen</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Solch explizite Sexualisierung des ins Jenseits der B&#252;hne eindringenden Blickes wird allerdings in den ansonsten wortgleichen Passagen von Wilhelms r&#252;ckblickender Ich-Erz&#228;hlung f&#252;r Mariane in <italic>Wilhelm Meisters Lehrjahre</italic> (1795/96) nicht wiederholt; stattdessen wird der zweiten Auff&#252;hrung ein &#8218;frisch fertig gewordene[r] Hanswurst&#8216; hinzugef&#252;gt (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Goethe, 1992b: 368</xref>). Nach seinem ersten Blick ins verbotene Jenseits, den nun auch keine &#8218;Magd&#8216;, sondern die Mutter selbst beendet (&#8218;Meine Mutter [&#8230;] zog mich zur&#252;ck&#8216;) (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Goethe, 1992b: 369</xref>), kann der Hanswurst Wilhelm allerdings &#8218;nicht unterhalten&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Goethe, 1992b: 370</xref>), seine Funktion des L&#252;ckenf&#252;llers, die Wilhelm der Hanswurst-Figur auch auf der Schauspielerb&#252;hne zuschreibt, hat sich angesichts dieser Wissensl&#252;cke schnell ersch&#246;pft.</p>
<p>Der n&#228;chste, nun oral motivierte S&#252;ndenfall f&#252;hrt durch &#8218;Ritzen und L&#246;cher&#8216; zu &#8218;verbotene[m] Naschwerk&#8216;, das mit &#8218;woll&#252;stige[r] Furcht&#8216; genossen wird&#8212;also in das &#8218;Heiligtum&#8216; der meist verschlossenen Speisekammer, in die ihn jedoch die &#8218;Mutter manchmal hineinrief&#8216; (anstatt ihn zur&#252;ckzuziehen) und in der die Kiste mit den Marionetten aufbewahrt wird (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Goethe, 1992b: 370</xref>). Der erregte Wilhelm &#8218;f&#228;llt&#8216; &#252;ber die Marionetten mit &#8218;&#252;berirdische[r] Empfindung&#8216; &#8218;her&#8216;, &#8218;verwirrt&#8216; die Dr&#228;hte mit &#8218;Bangigkeit&#8216; und kann bei seiner Flucht aus dieser Heterotopie allein das Kom&#246;dienb&#252;chlein an sich nehmen (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Goethe, 1992b: 371</xref>). Wiederholtes Lesen statt Puppenspiel generiert nun die imaginierte gott&#228;hnliche Selbsterm&#228;chtigung, &#8218;in Gedanken&#8216; die &#8218;Gestalten [&#8230;] mit meinen Fingern beleben&#8216; zu k&#246;nnen (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Goethe, 1992b: 371</xref>), was wiederum&#8212;Wilhelm auf dem Weg zum Schauspieler&#8212;dazu f&#252;hrt, dass er sich mit seinen Rollenfiguren identifiziert.</p>
<p>Die weitere Karriere Wilhelms in den <italic>Lehrjahren</italic> vom Puppenspieler und Schauspieler zum Regisseur, der sp&#228;ter im Kontext der Turmgesellschaft noch manch gespenstische Metalepse und so manche &#220;berschreitung der Grenze zwischen B&#252;hne und Wirklichkeit, zwischen Rolle und Person (etwa anl&#228;sslich seiner <italic>Hamlet</italic>-Auff&#252;hrung) zu verarbeiten haben wird und in den <italic>Wanderjahren</italic> weniger theatral als literal sozialisiert wird&#8212;Lesen und Schreiben statt Spielen&#8212;all dies ist hier nicht nachzuzeichnen.</p>
<p>Die heterotope Raumsemantik eines innerhalb der Fiktion realen oder imaginierten verbotenen Blicks in die Rahmen-Welt, auf die jenseitige und jedenfalls gef&#228;hrliche Meta-Ebene werden sowohl von Theodor Storm in <italic>Pole Poppensp&#228;ler</italic> als auch von Thomas Hettche in <italic>Herzfaden</italic> inszeniert und f&#252;r unterschiedliche Sujets genutzt.</p>
<p>Aus Wilhelms Figurentheatererz&#228;hlung l&#228;sst sich bereits ein Minimalkriterium f&#252;r die folgende exemplarische Textauswahl ableiten, n&#228;mlich das Kriterium kunstreflexiver Potenzierung durch eine ausdr&#252;cklich thematisierte Referenz auf Figurentheater als Binnensph&#228;re der Diegese. Wenn Figurentheater seit dem sp&#228;ten 18. Jahrhundert als narratives Sujet fungiert, dann sind also <italic>nicht</italic> Erz&#228;hlungen oder Romane gemeint, in denen die von popul&#228;ren Formaten des Theaters (<italic>Commedia dell&#8217;arte</italic>), von Wanderb&#252;hnen und von volkst&#252;mlicher Theaterliteratur (Joseph Anton Stranitzky: Wiener Volkstheater) bereitgestellten n&#228;rrischen Rollenfiguren ohne innerdiegetische Puppentheaterthematik agieren, auch wenn diese sp&#228;testens seit Ende des 18. Jahrhunderts verst&#228;rkt in das Marionetten- und Handpuppentheater einwandern&#8212;die &#8218;komische Person&#8216;, die &#8218;lustige Figur&#8216; als Handpuppe oder Marionette: also Harlekin, Pultschinell, P[&#246;]ickelhering und Jean Potage, Stranitzkys Hanswurst und die seit den 1760er Jahren in Wien erstmals unter dem Namen &#8218;Kasperl&#8216; auftretende Figur, die sich dem Komiker Johann LaRoche verdankt, sp&#228;ter kommen noch Thadd&#228;dl und Ignaz Schusters Staberl hinzu (nach einer Posse von Adolf B&#228;uerle, 1813)&#8212;und genuine Puppentheaterfiguren wie Punch und Judy und der Guignol aus Lyon.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref></p>
<p>Das Puppenspiel wird seit dem 18. und 19. Jahrhundert auf Kosten des Kunstanspruchs mit diesen volkst&#252;mlich karnevalistischen, oft auch f&#252;r ein jugendliches Publikum moraldidaktisch domestizierten Figuren identifiziert und von ihnen dominiert (Stichwort: Franz von Pocci; Till, 1989: 83&#8211;92). Figurentheater v.a. als Kasperletheater und Kasperlefiguren v.a. als Puppentheaterakteure bieten sich als wiedererkennbare Konstanten f&#252;r unterschiedliche Plots in Film, Roman und H&#246;rspiel geradezu an&#8212;anders als vorgegebene M&#228;rchen-, Opern- oder Romanstoffe, die auch, aber nicht prim&#228;r im Figurentheater verhandelt werden&#8212;wobei sich der umgekehrte Medienwechsel vom Roman zum verfilmten Marionettentheater in einzelnen F&#228;llen als &#228;u&#223;erst nachhaltig erweist, so im Falle der Kinderb&#252;cher von Tilde Michels (<italic>Kleiner K&#246;nig Kalle Wirsch</italic>, 1969), Max Kruse (<italic>Urmel aus dem Eis</italic>, 1969) und von Michael Endes Roman <italic>Jim Knopf und Lukas der Lokomotivf&#252;hrer</italic> (1960)&#8212;auch er ist umgehend von der <italic>Augsburger Puppenkiste</italic> verfilmt worden, die seit 1953 f&#252;r das fr&#252;he Fernsehen produziert.</p>
<p>Narrationen, welche die Stoffe und Rolleninventare bestimmter Genres des Figurentheaters in eine dargestellte Welt transponieren, die selbst <italic>ohne</italic> erz&#228;hltes Figurentheater auskommt und deren Abenteurer- oder Schelmenfiguren in einer m&#228;rchenhaften Diegese ansiedelt, sind Grenzf&#228;lle des Themas, die in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur allerdings zahlreich vertreten sind&#8212;als Kasperle-Sujets mit oder ohne Puppentheatervorlauf, als begleitende Bild-Text-B&#252;cher zum Theatertext&#8212;sei es, dass solche Erz&#228;hlungen dann ihrerseits ins Puppentheater, in Animations-, Trick- und Spielfilme Eingang finden, wie Otfried Preu&#223;lers (1923&#8211;2013) <italic>R&#228;uber Hotzenplotz</italic> (1962) mit Kasperl und Seppel, sei es dass Kasperlegeschichten des Animationsfilms in Bildergeschichten auf dem Buchmarkt erscheinen&#8212;als Buch zum Puppen-Animationsfilm, das die doppelte Herkunft des Kasper-Protagonisten sowohl aus dem Puppentheater als auch aus dem Film innerdiegetisch ausblendet, der kein Figurentheater, wohl aber Puppen verfilmt.</p>
<p>So verlegt der aus der 1937 enteigneten F&#252;rther Bilderb&#252;cherfabrik Gerson L&#246;wensohn hervorgegangene Pestalozzi-Verlag Bilder-Geschichten zu den Animationsfilmen der Gebr&#252;der Diehl, die zwischen 1929 und 1970 mehr als drei&#223;ig Puppenfilme produziert und u.a. die Figur des Igel Mecki f&#252;r ihren Hase-und-Igel-M&#228;rchenfilm (1938/39) kreiert haben (<xref ref-type="bibr" rid="B45">See&#223;len, 1994: 78&#8211;91</xref>). So wird etwa die Episode <italic>Kasperl Larifari auf der Zauberinsel</italic> aus dem Schwarz-wei&#223;-Animationsfilm <italic>Immer wieder Gl&#252;ck</italic> (1948/50) von Ferdinand Diehl und Rainer Maria Geis um 1955 als B&#252;chlein mit Farbabbildungen ver&#246;ffentlicht (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Anon. o.J.</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref></p>
<p>Die erz&#228;hlenden Texte, die im Folgenden den deutschsprachigen literarischen Diskurs &#252;ber Figurentheater von der Romantik bis zur Gegenwart exemplarisch beleuchten, erf&#252;llen jedoch die notwendige Voraussetzung, um die oben genannten Beispiele auszuschlie&#223;en: Als <italic>backstage</italic>-Narrationen thematisieren sie stoff- und figurenunabh&#228;ngig Puppentheater und Puppenspiel als Kunstform, verhandeln also die Produktion, Rezeption und Wirkung von Figurentheater und gewinnen daraus als <italic>mise en abyme</italic> poetologischen Mehrwert. Und auch wenn es sich dabei um figurengebunden komisierende Genres, wie das sogenannten &#8218;Kasperletheater&#8216; handelt, sollten die Protagonisten als Figuren des Puppentheaters gerahmt, also explizit als Kunstfiguren referentialisiert werden&#8212;soll hei&#223;en: Ihre tempor&#228;re oder dauerhafte Belebung gilt auch <italic>innerhalb</italic> der dargestellten Welt als ereignishafte &#220;berschreitung der Grenzen von Theater und Welt, von Kunst und Leben, auch wenn sie als &#252;bernat&#252;rlich und gespenstisch markiert wird. Und wenn belebte menschliche Kunstprodukte zeitweise ihre B&#252;hnenheimat verlassen, aus ihrem B&#252;hnenrahmen fallen und sich von ihren Spielern emanzipieren (wie im Bilderbuch von Nils Werner und Heinz Behling <italic>Alarm im Kasperletheater</italic> 1958; 1960 als DEFA-Trickfilm), kann ihre magische Vitalisierung wiederum als Erschaffung durch einen g&#246;ttlich oder diabolisch inspirierten, pygmalionischen Sch&#246;pfungsakt erz&#228;hlt werden, ohne dass ihre Herkunft aus dem Puppentheater verleugnet werden m&#252;sste.</p>
</sec>
<sec>
<title>2. Romantik und die Folgen: Fremdreferenz, Selbstreferenz und die Differenz von Kunst und Leben</title>
<p>Dieses Strukturmerkmal kann nun eher fremdreferentielle (Figurentheater dient als allegorisches Vehikel f&#252;r theaterfremde Themen) oder eher selbstreferentielle Funktionen erf&#252;llen (Figurentheater wird als Figurentheater reflektiert). Wie zu zeigen sein wird, realisieren sich beide Varianten literaturgeschichtlich in variablen Skalierungen. Und in beiden F&#228;llen erweist sich die ereignishafte Grenze von Tod und Leben oder pr&#228;ziser: von unbelebt/k&#252;nstlich versus belebt als sujet-konstitutiv, operiert das Figurentheater doch selbst schon mit dieser Differenz, indem es unbelebte Artefakte&#8212;Handpuppen, Marionetten&#8212;an Lebende, unsichtbar Spielende koppelt, anders als das ebenfalls mehr oder weniger an einen &#8218;toten&#8216; Text gebundene Theater mit lebenden Schauspielern.</p>
<p>So dient in Achim von Arnims digressionsreichem Roman <italic>Armut, Reichtum, Schuld und Bu&#223;e der Gr&#228;fin Dolores</italic> (1810) ein Binnen-Puppenspiel, dessen Prolog zitiert und dessen Inhalt referiert wird&#8212;&#8218;&#220;bersicht der Tragikom&#246;die von dem F&#252;rstenhause und der Judenfamilie&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Arnim, 1989a: 312</xref>)&#8212;als unterhaltsames Medium (<italic>delectare</italic>) einer antisemitisch pointierten Kapitalismuskritik, die sich kommentierend erkenntnis- bzw. vorurteilsverst&#228;rkend (<italic>prodesse</italic>) auf die dargestellte Rahmenwelt&#8212;reiche Juden und verarmte F&#252;rstenh&#228;user&#8212;bezieht. Dass das Binnenspiel dem abwesenden befreundeten Puppenspieler Rubald zugeschrieben wird, dem der nun spielende Dichter Waller einen &#8218;t&#246;rigten Ha&#223; gegen die Juden&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Arnim, 1989a: 311</xref>) attestiert, &#228;ndert an der inhaltlichen Funktion des Binnenpuppenspiels nichts, dessen manipulative Effizienz der &#8218;Dichterkopf&#8216;-Prolog ausdr&#252;cklich betont: &#8218;Und weil mein Casperl trefflich Tritte gibt / So schweigt Kritik und ich bin stets beliebt / Ein jeder lacht, ein jeder gibt sein Geld&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Arnim, 1989a: 313f</xref>.). &#8218;Casperl&#8216; traktiert und beleidigt die Judenfamilie&#8212;und die &#8218;Zuschauer hatten alle des St&#252;cks herzlich gelacht, besonders die Kinder&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Arnim, 1989a: 319</xref>).</p>
<p>Als harmloses satirisches Privatdivertissement fungiert dagegen im Rahmen der reichhaltigen kunstreflexiven Bedeutungsebene von Theodor Fontanes <italic>Stine</italic> (1890) eine parabolisch verk&#252;rzte &#8218;Kartoffelkom&#246;die&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Fontane, 2000: 31</xref>): Als Handpuppentheater im T&#252;rrahmen gelangt zur Auff&#252;hrung <italic>Judit und Holfernes</italic> frei nach Johann Nestroys Parodie (1849) von Friedrich Hebbels <italic>Judith</italic> (1841) samt &#8218;Dekapitation&#8216;: &#8218;[,,]Wahrhaftig, blo&#223; eine Kartoffel. Kein Holofernes. Und doch war es mir, als ob er lebe. [&#8230;] Denn, fr&#252;her oder sp&#228;ter, ist eine derartige Dekapitation unser aller Los.[&#8220;]&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Fontane, 2000: 34</xref>)</p>
<p>Und mit Blick auf die rekurrente Theater- und Schauspieler-Semantik in Thomas Manns <italic>Buddenbrooks. Verfall einer Familie</italic> (1901) erweisen sich die Weihnachtsgeschenke Puppentheater und Harmonium f&#252;r den lebensreduzierten Hanno unabh&#228;ngig von den je nachzuahmenden Opernstoffen als Katalysatoren des Realit&#228;tsverlustes und der Flucht in k&#252;nstliche Fiktion und T&#228;uschung&#8212;trotz der eindringlichen Warnungen von Onkel Christian (<xref ref-type="bibr" rid="B36">Mann, 2002: 592f</xref>.).</p>
<p>Dass sich in Paul W&#252;hrs metafiktional und selbstreflexiv potenziertem Roman <italic>Das falsche Buch</italic> (1983) unter der Vielzahl von erz&#228;hlten Spiel-im-Spiel- bzw. Spiel-im-Buch-Performanzen auch eine Kasperltheaterauff&#252;hrung von <italic>H&#228;nsel und Gretel</italic> unter freiem Himmel finden l&#228;sst, verwundert nicht (<xref ref-type="bibr" rid="B59">W&#252;hr, 1983: 431&#8211;437</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref>. Aber auch hier geht es nicht eigentlich um Figurentheater, sondern um metaleptisch kurzgeschlossenes todes&#228;quivalentes Lesen: &#8218;Lesen ist wie den Tod ganz erweitern bis in das Leben&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B59">W&#252;hr, 1983: 432</xref>) und: &#8218;Erfinder zu sein, ist besonders schlecht, wenn der Erfinder in seiner Erfindung vorkommt&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B59">W&#252;hr, 1983: 441</xref>). Und in Micheal Lentz&#8217; Roman <italic>Heimw&#228;rts</italic> (2024) dient die besuchte Marionettentheaterauff&#252;hrung und ihr behaupteter &#8218;Zauber&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Lentz, 2024: 203&#8211;210</xref>) der zeitweisen Realit&#228;tsflucht des Ich-Erz&#228;hlers und bereichert sein ertr&#228;umtes &#8218;seelisches Puppeninventar&#8216; (&#8218;Seelenp&#252;ppchen&#8216;) (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Lentz, 2024: 209</xref>).</p>
<p>Unn&#246;tig zu erw&#228;hnen, dass sich auch popul&#228;re Medien des sp&#228;ten 20. Jahrhunderts gerne des Puppentheaters als verfremdende, dann aber meist reflexionsf&#246;rdernde, manchmal auch kathartische Handlungsunterbrechung bedienen&#8212;erinnert sei an die ZDF-Familienserie <italic>Diese Drombuschs</italic> von Robert Stromberger (1983&#8211;1994), in deren 39. und letzter Folge <italic>Der Aufbruch</italic> (1994) Vera Drombusch nach dem Besuch einer Jahrmarktsvorstellung ihres Vetters und Puppenspielers Ludwig Burlitz (&#8218;Onkel Ludwig&#8216;) entscheidende Selbsterkenntnisse zuteilwerden&#8212;die Erinnerung an das Kasperleland der Kindertage als Vorschein des Utopischen bewahrt nun gerade umgekehrt vor Eskapismus.</p>
<p>In &#228;hnlicher Funktion, aber unter wunderbar-magischer Missachtung der Grenze von Binnen- und Rahmenebene, von dargestelltem Puppentheater und innerdiegetischer Au&#223;enwelt, agieren die verlebendigten Puppentheater-Figuren Kasperle, Gretel, Tod und Teufel, Sternengucker, Prinz, Prinzessin, Zauberer, Schutzmann und Quak-Anton in <italic>Die h&#246;lzernen M&#228;nner. Ein Roman f&#252;r fr&#246;hliche Leute von neun bis neunzig Jahren</italic> (1933, mit Bildern von Berti Weber) des Kinderbuchautors und Puppenspielers Heinrich Maria Denneborg (1909&#8211;1987).</p>
<p>In einer an Kinder adressierten, binnen-fiktionalen m&#252;ndlichen Erz&#228;hlung verlassen die ihren Verkauf f&#252;rchtenden, hungernden Figuren das vom Bankrott bedrohte Wanderpuppentheater von &#8218;Theaterdirektor Peter Penk&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Denneborg, 1933: 4</xref>) f&#252;r ein Jahr, um dessen verschwundene Enkelin Gretel zu suchen; dar&#252;ber hinaus ziehen sie in die weite Welt hinaus, um ihre erzieherische und weltverbessernde Wirkung auch au&#223;erhalb des Theaters zu entfalten und zugleich den eigenen und den Charakter der Menschen zu bilden. Die zu Beginn drohende &#8218;Revolution&#8216; der Figuren (&#8218;Nieder mit der Sklaverei! Nieder! Nieder! Nieder!&#8216;) (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Denneborg, 1933: 39</xref>) wird vom eher revisionistisch gestimmten Kasperle allerdings abgewendet. Kasperle und Gretel reformieren auf sanfte Art und Weise, n&#228;mlich selbst wieder mittels Kasperletheaterspiel, das Armenhaus, in dem sie Unterschlupf finden, Prinz und Prinzessin verwandeln den Monarchen zu einem guten K&#246;nig, der seine Augen vor sozialem Elend nicht mehr verschlie&#223;t und in Indien sollen mit einem vergessenen Zauberspruch &#8218;&#252;ber dreihundert Millionen Knechte&#8216; von &#8218;hunderttausend fremden Herren&#8216; befreit werden (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Denneborg, 1933: 117</xref>). Das Happy End nach R&#252;ckkehr der Figuren ins Penksche Theater und nach einem &#8218;traurige[n] Jahr in der Welt, ein[em] Jahr der Armut und ein[em] Jahr ohne Liebe&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Denneborg, 1933: 142</xref>) wird zu einer Welterl&#246;sungshoffnung &#252;berh&#246;ht, die der vom Theater-Sternengucker besuchte reale Sterndeuter formuliert:</p>
<disp-quote>
<p>Ein neuer Stern ist erschienen, golden und rot. [&#8230;]. Das zeugt f&#252;r den Anfang einer neuen Zeit. [&#8230;]. &#8218;Das Rot ist das Blut, und das Gold ist das Geld. Das w&#228;re ein Fluch. Nein, der neue Stern bedeutet: das Rot ist die Liebe, und das Gold ist die Freude. Liebe und Freude in der Welt!&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Denneborg, 1933: 133</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Ex post mag die Interpretation mit Blick auf das Publikationsjahr 1933 zwischen vergeblicher naiver Hoffnung, unklarer politischer Kodierung und impliziter Botschaft schwanken&#8212;Rot/Gold ist allerdings weder Schwarz/Rot/Gold noch Schwarz/Wei&#223;/Rot. Der abschlie&#223;end erw&#228;hnte Stern von Bethlehem wird zwar nur erinnert und eine aktuelle &#8218;Frohbotschaft des Herrn&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Denneborg, 1933: 143</xref>) als &#8218;neue Frohbotschaft&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Denneborg, 1933: 143</xref>) einer &#8218;neue[n] Zeit&#8216; der &#8218;Liebe und der Freude&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Denneborg, 1933: 143</xref>) verk&#252;ndet, die dann aber&#8212;so der letzte Satz von Binnenerz&#228;hlung und Roman&#8212;doch wieder an &#8218;Gott [den] Herr[n]&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Denneborg, 1933: 143</xref>) r&#252;ckverwiesen wird. Ob diese finale Leerstelle also als Sakralisierung verkappter politischer Erl&#246;sungshoffnungen zu interpretieren ist, bleibe dahingestellt.</p>
<p>Aufgrund ihrer metaphorisch generalisierbaren Semantik als Drahtpuppen werden innerdiegetische Marionetten gerne auch deshalb instrumentalisiert, weil sie von oben bespielt werden und ihr mechanisch vermittelter Kontakt zum quasi-g&#246;ttlichen Drahtzieher r&#228;umlich distanzierter ist als im Falle der von unten und k&#246;rpern&#228;her bespielten Handpuppen. Dass und wie seit dem sp&#228;ten 18. Jahrhundert die Marionette als Sinnbild der <italic>conditio humana</italic> und das Marionettentheater als <italic>theatrum-mundi</italic>-Allegorie der Romantik genutzt wird, hat bereits Eleonore <xref ref-type="bibr" rid="B42">Rapp 1924</xref> als &#8218;Bewu&#223;tsein&#8216; von der &#8218;tieferen symbolischen Bedeutung der Marionette&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B42">Rapp, 1924: 6</xref>) beschrieben:</p>
<disp-quote>
<p>In dem symbolischen Sinn der ohne Willen und Bewegungsfreiheit am Draht gezogenen, jeder Laune und Willk&#252;r einer fremden Leitung, jeder Zuf&#228;lligkeit des Materials preisgegebenen Puppe scheint uns ein wesenhafter Zug des Puppenspiels, vielleicht die Voraussetzung und Bedingtheit seiner Existenzm&#246;glichkeit &#252;berhaupt zu liegen. Wo bewu&#223;t oder unbewu&#223;t ein Gef&#252;hl des Menschen f&#252;r die Zuf&#228;lligkeit, die Relativit&#228;t der ihn umgebenden Erscheinungswelt vorhanden ist, wo er sich aus dumpfer Furcht oder aus bewu&#223;ter religi&#246;ser Erkenntnis einem irrationalen, ihm unbegreiflichen, aber in Ehrfurcht erkannten transzendenten Willen unterwirft, da kann auch das Symbol der Marionette instinktiv gef&#252;hlt oder bewu&#223;t erkannt werden und das Puppenspiel zu einer gewissen Bedeutung gelangen (<xref ref-type="bibr" rid="B42">Rapp, 1924: 7</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Als Zeichen rationalistischer Desillusionierung (&#8218;Drahtpuppe&#8216;, &#8218;Marionettendasein&#8216;) wird diese Bedeutung allerdings, so Rapps Spekulation, im Bereich der deutschen Literatur eher ins Satirische und Popul&#228;re verdr&#228;ngt, was f&#252;r den anhaltenden Niveauverlust des deutschen Puppenspiels als Hanswursttheater verantwortlich sei, obwohl doch gerade dem unzivilisierten Hanswursttypus wiederum ein nat&#252;rlich genialisches Potential an Auflehnung und Unangepasstheit innewohne: &#8218;Resignierende Anerkennung oder leidenschaftliche Auflehnung gegen die unabwendbare Abh&#228;ngigkeit des Menschen vom Weltgeschehen&#8216;&#8212;beides lasse sich, so Rapp, am literarischen Puppenspiel-Diskurs ablesen, (<xref ref-type="bibr" rid="B42">Rapp, 1924: 9&#8211;10</xref>) der, so Gerd Taube, das Marionettentheater zum metaphorischen &#8218;Weltmodell&#8216; erhebe, (<xref ref-type="bibr" rid="B51">Taube, 1995: 105, 115f</xref>.) also zu einer fr&#252;hromantisch gebrochenen und selbstreflexiv potenzierten Sonderform der <italic>theatrum-mundi</italic>-Semantik (vgl. Ludwig Tiecks <italic>Der gestiefelte Kater</italic>, 1797).</p>
<p>So wird in der vierten Nachtwache von August Klingemanns <italic>Nachtwachen. Von Bonaventura</italic> (1805) das &#8218;Leben eines Wahnsinnigen&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Klingemann, 1991: 28</xref>) von ihm selbst in Form eines f&#252;nfaktigen &#8218;Marionettenspiel[s] mit dem Hanswurst&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Klingemann, 1991: 36</xref>) &#8218;in Holz [&#8230;] [geschnitzt] und [abgespielt]&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Klingemann, 1991: 40</xref>), also zur erz&#228;hlten Figurentheaterhandlung verk&#252;rzt und verfremdet. In der Marionetten-Narration der Binnen-Erz&#228;hlinstanz verschwimmen &#252;berdies die Grenzen zwischen unbelebter Puppe und Mensch, so dass der &#8218;vern&#252;nftige&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Klingemann, 1991: 39</xref>) Hanswurst &#252;ber Marionetten-Gef&#252;hle und dar&#252;ber reflektiert, &#8218;wie albern es sei, wenn es einer Marionette einfiele &#252;ber sich selbst zu reflektieren, da sie doch blo&#223; der Laune des Direktors gem&#228;&#223;, sich betragen m&#252;sse [&#8230;]&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Klingemann, 1991: 39</xref>). Die achte Nachtwache extrapoliert diese Reflexionen anthropologisch weiter zu einem &#8218;Prolog des Hanswurstes zu der Trag&#246;die: der Mensch&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Klingemann, 1991: 66</xref>), und in der neunten wird der &#8218;Direktor&#8216; im &#8218;Monolog des wahnsinnigen Weltsch&#246;pfers&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Klingemann, 1991: 76</xref>) gar zum selbstkritischen Gott: &#8218;Ich h&#228;tte die Puppe ungeschnitzt lassen sollen!&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Klingemann, 1991: 80</xref>). In der f&#252;nfzehnten Nachtwache springt der Erz&#228;hler selbst als Marionetten-Spieler-Gott ein und &#8218;f&#252;hlte [sich] zu ihm, dem &#8218;h&#246;lzerne[n] Spa&#223;macher [&#8230;] hingezogen, wie zu einem Freunde&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Klingemann, 1991: 125</xref>).</p>
<p>Die &#8218;Marionette als ein idealer Schauspieler&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B51">Taube, 1995: 122</xref>) erweist sich geradezu als Topos des romantischen Theater-Diskurses um und nach 1810&#8212;von Justinus Kerner, Ludwig Uhland und Julius von Vo&#223; bis zu E.T.A. Hoffmanns fiktivem Gespr&#228;ch <italic>Seltsame Leiden eines Theater-Direktors</italic> (1818). Mit Vorliebe h&#228;lt dieser Topos dem gek&#252;nstelten, pseudo-nat&#252;rlichen Agieren der Schauspieler von Ifflands Berliner Nationaltheater das schwerelos leichte Spiel der toten Marionetten entgegen. Kerner an Uhland 1809:</p>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] mir wenigstens, kommen die Marionetten viel ungezwungener, viel nat&#252;rlicher vor als lebende Schauspieler. Sie verm&#246;gen mich viel mehr zu t&#228;uschen. Beim Schauspieler wei&#223; man, er m&#246;ge unter einer Rolle auftreten, unter welcher er wolle, eben immer, wer er ist, [&#8230;]. Die Marionetten aber haben <italic>kein au&#223;ertheatralisches Leben</italic>, man kann sie nicht sprechen h&#246;ren und sie nicht kennen lernen als in ihren Rollen (<xref ref-type="bibr" rid="B51">Taube, 1995: 122f., meine Hervorhebung</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>In Thomas Hettches Roman <italic>Herzfaden</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B27">2020</xref>) wird diese Poetik &#252;brigens dem Gr&#252;nder der <italic>Augsburger Puppenkiste</italic>, Walter Oehmichen, in den Mund gelegt:</p>
<disp-quote>
<p>Wir wackeln mit einem St&#252;ck Holz. [&#8230;]. Ein Schauspieler spielt das Sterben, eine Marionette aber stirbt tats&#228;chlich. Denn wenn wir aufh&#246;ren, sie zu bewegen, ist sie f&#252;r den Zuschauer wieder nichts als totes Holz (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 167</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Neben der ontologischen und semiotischen Abgrenzung von Kunst und Natur, von Tod und Leben verhandelt dieser romantische Theater-Diskurs implizit auch noch eine gattungspoetische Differenz, n&#228;mlich diejenige zwischen toter Schrift und Literatur einerseits und Theaterperformanz, lebendem Spiel andererseits, die wiederum im Figurentheater minimiert scheint.<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref></p>
<p>Das Puppenspiel &#228;hnelt dem Schreiben, das Figurentheater der Literatur in seinem Zugriff auf unbelebte Signifikanten: Der Schreibende produziert einen Text aus toten Buchstaben, die ausschlie&#223;lich auf ihrer Textb&#252;hne als Bedeutungen existieren&#8212;wie Puppen des Figurentheaters. Die schreibende Hand und die arbitr&#228;r bedeutenden Schriftzeichen als Ergebnisse der Handbewegung sind simultan vom Akteur beobachtbar, Selbstbeobachtung wird als Fremdbeobachtung vollziehbar. Insbesondere das Marionettentheater erm&#246;glicht &#196;hnliches. Die Ursache der Repr&#228;sentation und die Repr&#228;sentation selbst fallen nicht, wie beim lebenden Schauspieler, zusammen, und das k&#246;rperliche Agieren des Puppenspielers bildet sich nicht mimetisch in den von ihm verursachten Bewegungen ab, die die tote Gliederpuppe zwangsweise ausf&#252;hrt. Eine weitergehende Engf&#252;hrung von Fremd- und Selbstbeobachtung ist au&#223;erhalb der Literatur kaum realisierbar&#8212;und in ihr nicht ohne logische Br&#252;che, metaleptische Paradoxien und Ebenenverschmelzungen. Zugleich Spieler und Adressat des eigenen Spiels zu sein, verschafft dem Figurentheater jedenfalls einen spezifischen Zuwachs an Optionen der Selbstbeobachtung&#8212;der Selbstbeobachtung von Theater und von Selbstbeobachtung als Fremdbeobachtung (und vice versa; vgl. <xref ref-type="fig" rid="F1">Abbildungen 1</xref> und <xref ref-type="fig" rid="F2">2</xref>).</p>
<fig id="F1">
<caption>
<p><bold>Abbildung 1:</bold> M&#252;nchner Marionettentheater, Adalbert Werner, Foto &#8222;J. L. Schmid und sein Casperl&#8220;, 1898; Fotografie auf Papier auf Karton, 16,5 cm x 10,7 cm, M&#252;nchner Stadtmuseum, Sammlung Puppentheater / Schaustellerei; <uri>https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/liste/contrib-detail/foto-j-l-schmid-und-sein-casperl-10206142</uri>; Lizenz CC BY SA 4.0</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-1-23765-g1.jpg"/>
</fig>
<fig id="F2">
<caption>
<p><bold>Abbildung 2:</bold> <xref ref-type="bibr" rid="B32">Jacob, 1964: 80</xref>. &#8222;Max Jacob mit seinem Kasper 1930&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B32">Jacob, 1964: 343</xref>). Fotograf unbekannt. Die Bildvorlagen stammen laut Abbildungsverzeinis aus dem Archiv des Autors.</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-1-23765-g2.jpg"/>
</fig>
<p>Die pygmalionisch grundierte Ikonographie der fotografischen Selbstinszenierung von Puppenspielern mit ihrer selbst geschaffenen Kasperle-Puppe als Alter-Ego bedient sich dieser Engf&#252;hrung.</p>
<p>Die komplexen begriffs-, diskurs-, literatur-, kunst- und theatergeschichtlichen Konfigurationen, in die das erz&#228;hlte Figurentheater und sein Hanswurst ab 1800 offenkundig verflochten sind, k&#246;nnen hier nicht weiter entwickelt werden. Auch die Funktion von Figurentheater als Spiel im Spiel, also als Binnenspiel im Dramentext und auf der Theaterb&#252;hne, m&#252;sste vergleichend einbezogen werden&#8212;man denke etwa an August Wilhelm Ifflands Ehestandssatire in einem Aufzug <italic>Die Marionetten</italic> (1807, nach Louis Picard) (<xref ref-type="bibr" rid="B30">Iffland, 2009</xref>). Darin konkurriert die Alkoven-Marionettenb&#252;hne des Geheimrates Ward, der nur seine Marionetten, aber nicht sein Hauswesen regiert, mit dem Schauspielertheater der resoluten Ehefrau, als deren Marionette Ward erscheint (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Berg, 2009: 178&#8211;182</xref>). Beide Partner und Theaterformate werden am Ende vers&#246;hnt, aber erst nachdem sich die Geheimr&#228;tin wider Willen auf der Marionettenb&#252;hne unter die Puppen ihres Mannes mischt und als metaphorische Marionette zum Leben erwacht. Auch Dramen ohne Puppentheater als Spiel im Spiel, z.B. Friedrich Wilhelm Hackl&#228;nders Lustspiel <italic>Marionetten</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B25">H&#228;cklander, 1868</xref>), sch&#246;pfen wie die Literatur &#252;berhaupt&#8212;allen voran Georg B&#252;chner&#8212;den gesellschaftskritischen Mehrwert der Marionetten-Metapher ab (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Drux, 1986</xref>).</p>
<p>Dass und inwiefern sich der vielzitierte und von Paul de Man tropentheoretisch dekonstruierte Entwurf <italic>Ueber das Marionettentheater</italic> (1810) von Heinrich von Kleist, der sich als Opfer von Ifflands Gegnerschaft empfinden musste, indirekt auch auf Ifflands <italic>Die Marionetten</italic> bezieht, kann hier nicht vertieft werden (<xref ref-type="bibr" rid="B12">de Man, 1978: 205&#8211;233</xref>; zu Kleist im Kontext des Berliner (Marionetten-)Theaterbetriebs vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B55">Weigel, 1989: 25&#8211;27</xref>).</p>
<p>Narrationen von der wundersamen Erschaffung belebter Marionetten rufen potentiell auch mythologische (pygmalionische, prometheische) Subtexte auf, die das Verh&#228;ltnis von Detail Bildkunst und Natur, von Mimesis und g&#246;ttlicher Poiesis betreffen.</p>
<p>Wie <xref ref-type="bibr" rid="B26">Britta Herrmann 2018</xref> konstatiert, ist jedenfalls</p>
<disp-quote>
<p>die Differenz zwischen Natur und Kunst im 18. Jahrhundert [&#8230;] in Frage gestellt oder zumindest von der pygmalionischen Sehnsucht nach Transmutation&#8212;der Verwandlung von Stein in Fleisch, von Anorganischem ins Organische, von Tod in Leben &#8211; &#252;berlagert (<xref ref-type="bibr" rid="B26">Herrmann, 2018: 317</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Die erz&#228;hlte Marionette befindet sich im 19. Jahrhundert also in der Gesellschaft der &#8218;sch&#246;ne[n] Kunstfigur&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Brentano, 2014: 73</xref>), um Clemens Brentanos M&#228;rchen <italic>Gockel und Hinkel</italic> (Erstfassung 1811; 1837 <italic>Gockel Hinkel Gackeleia</italic>) zu zitieren. Diese &#8218;Kunstfigur&#8216; manifestiert sich literarisch in imaginierten oder innerdiegetisch realen, &#252;bernat&#252;rlich oder k&#252;nstlich belebten Homunculi, Androiden (<xref ref-type="bibr" rid="B29">E.T.A. Hoffmann</xref>), Nu&#223;knackern (Hoffmann: <italic>Nu&#223;knacker und Mausek&#246;nig</italic> 1816; Karl Immermann: <italic>M&#252;nchhausen. Eine Geschichte in Arabesken</italic> 1838), Hampelm&#228;nnern, Vogelscheuchen (Ludwig Tieck: <italic>Die Vogelscheuche. Eine M&#228;hrchen-Novelle</italic> 1835), Alraunen und Golems (Achim von Arnim: <italic>Isabella von &#196;gypten. Kaiser Karl des F&#252;nften erste Jugendliebe</italic> 1812). Das Spektrum reicht von E.T.A. Hoffmanns Olimpia in <italic>Der Sandmann</italic> (1816) und ihrer &#220;berblendung mit Clara als &#8218;Holzp&#252;ppchen&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B29">Hoffmann, 1985: 48</xref>) samt ihrer Entlarvung und Zerst&#246;rung bis zu Mary Shelleys <italic>Frankenstein or The Modern Prometheus</italic> (1818) und Carlo Collodis <italic>L&#8217;Avventure di Pinocchio. Storia di un Burattino</italic> (1881/1883), dem der Seinsstufenwechsel vom animierten Holzst&#252;ck &#252;ber den belebten Hampelmann (das deutsche h&#246;lzerne Bengele) bis zum moralisch gel&#228;uterten Menschen aus Fleisch und Blut gelingt (siehe Otto Julius Bierbaums Version <italic>Z&#228;pfel Kerns Abenteuer</italic>, <xref ref-type="bibr" rid="B7">1905</xref>, in der Z&#228;pfel aber ein Kasperle bleiben will; Bierbaum, o.J.). Exemplarische Hinweise auf Forschungen von Heide Eilert, Rudolf Drux u.a. m&#252;ssen gen&#252;gen (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Eilert, 1977</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B22">Gendolla, 1980</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B14">Drux, 1986</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B15">Drux, 1999</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B58">Wittig, 1997</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B31">Irsigler, Orth, 2021</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>3. Das prek&#228;re Leben des Kasperl bei Siebe und seine Austreibung bei Storm und Hettche</title>
<p>Der folgende dritte Teil des Beitrags wird nun den bisher gebotenen &#220;berblick &#252;ber deutschsprachiges erz&#228;hltes Figurentheater anhand der Figur des Kasperle exemplarisch verdichten. Dabei wird er insbesondere die jeweils thematisierten Probleme im Umgang mit dieser Figur nachzeichnen und literatur- und genregeschichtlich einordnen.</p>
<p>Eine der auflagenst&#228;rksten Kinder- und Jugendbuch-Reihen von Kasperlegeschichten erweist sich als hochgradig selbstreflexiv und verhandelt das intrikate Verh&#228;ltnis von lebendem Vorbild, unbelebter Kunstfigur und Puppentheater in semiotischer Potenzierung&#8212;allerdings ohne pygmalionische Ereignisqualit&#228;t. Gemeint ist Josephine Siebes <italic>Kasperle auf Reisen</italic> (1921) und seine sechs Fortsetzungen bis 1930. Ich zitiere <italic>Kasperle auf Reisen</italic> in der sechsten Auflage ohne Jahr &#8218;mit vier farbigen Vollbildern von Karl Purrmann&#8216; (Verlag Levy &amp; M&#252;ller) und in der unver&#228;nderten 34. Auflage 1940 (Herold-Verlag) mit Illustrationen von Ernst Kutzer. Neuausgaben weisen in den 1950er Jahren modernisierte Buchdeckelabbildungen und Illustrationen auf (Herold-Verlag 1956: Illustrationen von Hermine Sch&#228;fer), die Ausgabe des Anaconda-Verlages 2014 kehrt jedoch zu den Illustrationen von Kutzer und zu der Buchdeckelillustration von Purrmann von 1921 zur&#252;ck.</p>
<p>Die Erz&#228;hlinstanz berichtet von einer vor hundert Jahren im Wald angesiedelten Holzschnitzerwerkstatt eines Meister Friedolin, der als &#8218;Kasperleschnitzer&#8216; beliebt war und nun seinerseits davon erz&#228;hlt, dass sein &#8218;Ur-Ur-Urgro&#223;vater [&#8230;] einen lebendigen Kasper [besessen]&#8216; habe, der ihm im Wald zugelaufen sei (<xref ref-type="bibr" rid="B46">Siebe, o.J.a: 2, 4</xref>). Laut eigener Aussage sei er einem Magier im Norden entlaufen und als Hofnarr und auf Jahrm&#228;rkten t&#228;tig gewesen. Der Ahne des Binnenerz&#228;hlers, ein Schnitzer von &#8218;Heiligenbildern&#8216;, habe begonnen, nach dem Vorbild des lebendigen Kasperle Puppentheaterfiguren zu schnitzen, deren &#252;berregionale Beliebtheit sich &#252;ber Generationen bis zu Meister Friedolin vererbt habe (<xref ref-type="bibr" rid="B46">Siebe, o.J.a: 4&#8211;7</xref>). Das seither verschollene Kasperle findet Friedolin sodann im unentdeckten Fach eines alten Schrankes&#8212;die vermeintliche Puppe hat neunzig Jahre geschlafen, erwacht nun zum Leben und wird als neuer anstrengender Hausgenosse (&#8218;Popanz&#8216;) akzeptiert (<xref ref-type="bibr" rid="B46">Siebe, o.J.a: 12&#8211;13</xref>).</p>
<p>Kasperle nimmt jedoch erneut Rei&#223;aus&#8212;der Kursus seiner Abenteuer l&#228;sst ihn schlie&#223;lich vor einem reisenden Puppenspieler (&#8218;Kasperlemann&#8216;) (<xref ref-type="bibr" rid="B46">Siebe, o.J.a: 49</xref>) fliehen, dessen Kasperlepuppen nach seinem Ebenbild geschnitzt worden sind&#8212;Urbild flieht vor k&#252;nstlichem Duplikat und wird als L&#252;gner verfolgt&#8212;und der Meister Friedolin versprochen hat, den Ausrei&#223;er zur&#252;ckzubringen, ihn nun aber gegen Belohnung als Spa&#223;macher an den Herzog ausliefern will. Nur Severin, der Geiger, der die &#252;bernat&#252;rliche Existenz des lebendigen Kasperle anerkennt und Kenntnis von dessen vergessenem Herkunftsraum hat, f&#252;hrt den doppelt heimatlosen zu Meister Friedolin und in seine zweite Heimat zur&#252;ck&#8212;und heiratet sp&#228;ter dessen Tochter.</p>
<disp-quote>
<p>Er hat nicht gelogen [&#8230;]. Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der Welt, und mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir einmal erz&#228;hlt, irgendwo im Atlantischen Ozean liege eine winzige Insel, auf der die wundersch&#246;nsten Blumen bl&#252;hen; die sei die Heimat der Kasperles. Blieben sie dort, dann w&#252;rden sie freilich sehr alt, aber sonst w&#252;rden sie leben und sterben wie wir Menschen. Verlie&#223; aber ein Kasperle die Insel, dann k&#246;nne er wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er m&#252;sse immer ein kleines t&#246;richtes Kasperle bleiben und jedes Kind m&#252;sse &#252;ber ihn lachen (<xref ref-type="bibr" rid="B46">Siebe, o.J.a: 162&#8211;183</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Der exotische, auch k&#246;rperlich stigmatisierte Migrant bleibt als entwurzelter in der Fremde also ein ewiges Kind, ein desintegrierter Nomade und Normabweichler, ein Picaro aus Not, der bei Siebe entweder als Gefangener sein Dasein fristet oder sich in einer feindlichen sozialen Umgebung auf Wanderschaft, auf der Flucht befindet und nur schwer in einer b&#252;rgerlichen Familie sesshaft zu werden vermag.</p>
<p>Besonders negativ gezeichnet wird dar&#252;ber hinaus das fahrende Volk in Gestalt des Schaustellers, der das Kasperletheater betreibt und versucht, aus der Verdoppelung von unbelebter Puppe und lebendem Original Gewinn zu schlagen&#8212;entweder das Original spielt mit, was das Ende des Puppentheaters bedeutet oder die semiotische und ontologische Grenze zwischen Zeichen (Puppe) und Original bleibt bestehen, so dass das lebende Konkurrenz-Kasperle aus dem Verkehr gezogen werden muss. Als positive Kontrastfigur zum reisenden Puppenspieler fungiert der sesshafte Holzschnitzer Meister Friedolin, der Ersatzvater des lebenden Vorbildes seiner kommerziell erfolgreichen Puppen. Die &#252;bernat&#252;rliche Komponente wird dabei auf die m&#228;rchenhafte Pr&#228;existenz der utopischen Kasperleinsel ausgelagert, so dass die Grenze zwischen Kunst und Natur intakt bleibt und Friedolin ohne pygmalionische Belebungsereignisse seiner Artefakte auskommt.</p>
<p>Die Fortsetzung dieser Geschichte in <italic>Kasperle auf Burg Himmelhoch</italic> (1922) (<xref ref-type="bibr" rid="B47">Siebe, o.J.b</xref>), die noch immer von den Versuchen verfeindeter F&#252;rstent&#252;mer handelt, sich des Kasperles zu bem&#228;chtigen und es in Dienst zu nehmen, steuert einige weitere Medienpotenzierungen bei, die Metalepsen bedenklich nahekommen: So erz&#228;hlt das erste Kapitel davon, wie der Puppenspieler im Medium der Kasperlefigur seinem ungl&#228;ubigem Theaterpublikum die Vorgeschichte des ersten Buches, also auch die Existenz eines lebendigen Kasperles erz&#228;hlt, das bei Meister Friedolin Unterschlupf gefunden habe, dem &#8218;Kasperleschnitzer, der auch mich geschnitzt hat, und darum sehe ich so aus wie das putzlebendige Kasperle&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B47">Siebe, o.J.b: 9</xref>). Um den Guten beizustehen, verl&#228;sst Kasperle jedoch erneut seine sichere zweite Heimat und wird auf der Flucht vor den Landj&#228;gern mit seiner lebensgro&#223;en k&#252;nstlichen Ebenbild-Figur konfrontiert, die als plastischer Steckbrief am Stra&#223;enrand aufgestellt worden ist (<xref ref-type="fig" rid="F3">Abbildung 3</xref>).</p>
<fig id="F3">
<caption>
<p><bold>Abbildung 3:</bold> <xref ref-type="bibr" rid="B46">Siebe, o.J.a: 198</xref> (Illustration von Ernst Kutzer).</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-1-23765-g3.jpg"/>
</fig>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] es wollte gerade wieder seinen flinken Lauf beginnen, als es pl&#246;tzlich neben sich etwas sehr Merkw&#252;rdige erblickte: ein Kasperle, das genauso aussah wie es. Aber es war aus Holz, und Kasperle erkannte gleich, das hatte der gute Meister Friedolin geschnitzt. Unter der Kasperlefigur war eine Bekanntmachung zu lesen, [&#8230;]. Da stand [&#8230;]: &#8218;Wer einen kleinen Buben sieht, der so aussieht wie diese Figur, der soll ihn eiligst fangen und dem Herzog August Erasmus abliefern.&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B47">Siebe, o.J.b: 197&#8211;198</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Rettung bietet der inzwischen zum Guten gel&#228;uterte Puppenspieler, in dessen Theaterkarren Kasperle sich versteckt. Die Anrede an den lebenden Kasper kann der Puppenspieler gegen&#252;ber den Landj&#228;gern, die nach dem entlaufenen &#8218;Schelm&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B47">Siebe, o.J.b: 200</xref>) fahnden, als Gespr&#228;ch mit seinen Puppen ausgeben: &#8218;&#8222;[&#8230;] mit wem redest du denn da?&#8220; &#8222;Na, mit meinem Kasper, wie&#8217;s halt ein Kasperlemann tut, [&#8230;].&#8220; &#8222;[&#8230;] wir suchen auch ein Kasperle! [&#8230;]&#8220;. &#8222;Aber kein so h&#246;lzernes Ding wie deine Kasperles, ein richtiges lebendiges Kasperle [&#8230;].&#8220;&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B47">Siebe, o.J.b: 199&#8211;200</xref>).</p>
<p>Feudalherren versuchen nomadisierende, prek&#228;re Grenzg&#228;nger-Randgruppen: Bettler, Vaganten, fahrendes Volk, Gaukler, Schelme&#8212;und auch den wundersam infantilisierten Exoten von der Atlantikinsel&#8212;als Spa&#223;macher (Narren, Gaukler) zu domestizieren, an den Hof zu binden und ihr Vagabundieren zu unterbinden, so sie nicht von Familien adoptiert werden. Auch diesen Subtext&#8212;und das Misslingen der feudalen Disziplinierung zugunsten b&#252;rgerlicher Anpassung&#8212;erz&#228;hlen Siebes Romane.</p>
<p>Auch die sogenannte Hochliteratur problematisiert das sozial prek&#228;re Puppenspielermilieu der skandal&#246;sen Hanswurst- oder Kasperl-Figur und ihre oft auch ontologisch zweifelhafte&#8212;irreal wunderbare oder imagin&#228;r fantastische&#8212;Existenz als nicht mehr zeitgem&#228;&#223;, in Theodor Storms <italic>Pole Poppensp&#228;ler</italic> (1874) ebenso wie in zeitgeschichtlicher Zuspitzung in Thomas Hettches &#8218;Roman der Augsburger Puppenkiste&#8216; <italic>Herzfaden</italic> (2020). Erz&#228;hlende Hochliteratur dient also der Austreibung des deutschen Hanswursts als Modernisierungsopfer (Storm) oder als S&#252;ndenbock (Hettche). Was im 18. Jahrhundert Johann Christoph Gottsched und sp&#228;ter der Zensurpolitik von Maria Theresia und Joseph II. von &#214;sterreich (vgl. Joseph von Sonnenfels&#8217; &#8218;Theatralcensur&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B48">Sonnenfels, 1777: 141, &#167;110</xref>; dazu <xref ref-type="bibr" rid="B11">Brosche, 1962</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref> nicht gelungen ist, wird also nachtr&#228;glich f&#252;r das Figurentheater literarisch in Szene gesetzt&#8212;erz&#228;hlende Literatur als Reflexionsmedium der Moderne und Medium einer selbst schon historisch gewordenen Aufkl&#228;rung und eines Exorzismus der Bachtinschen Karnevalisierung (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Bachtin, 1987</xref>), die sich nach 1900 und erst recht nach 1933 in einer Paradoxie des, so Gerd Taube, Handpuppentheaters &#8218;als moralisierende Anstalt&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B50">Taube, 1994: 52</xref>) verf&#228;ngt?</p>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] so ergibt sich das Paradox, da&#223; die Lustige Figur Kasper mit aufkl&#228;rerischen Mitteln gereinigt wurde, um sie gegen den auf die Aufkl&#228;rung zur&#252;ckgef&#252;hrten Rationalismus und die damit verbundene Zivilisation zu stellen. Die Reinigung Kaspers [&#8230;] lie&#223; nur eine komische Figur &#252;brig&#8212;den Kasper als guten Kameraden, liebenswerten Mitmenschen, Freund der Kinder (<xref ref-type="bibr" rid="B50">Taube, 1994: 52f</xref>.).</p>
</disp-quote>
<p>Dass Theodor Storms Erz&#228;hlung <italic>Pole Poppensp&#228;ler</italic> (1874) (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 164&#8211;220</xref>) bis heute v.a. als Jugendliteratur eingestuft wird, ist dem Ort ihrer Erstpublikation geschuldet (<italic>Deutsche Jugend</italic>, hrsg. von Julius Lohmeyer, Bd. 4, Leipzig 1874, 129&#8211;143 und 161&#8211;171; dazu <xref ref-type="bibr" rid="B54">Vin&#231;on, 1988</xref>). Daraus resultieren ihr anhaltender Erfolg und ihre vorwiegend schul- und mediendidaktische Rezeption.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref></p>
<p>Der R&#252;ckblicks-Binnenerz&#228;hler, der Kunstdrechsler Paul Paulsen, verteidigt seinen sp&#228;teren Schwiegervater, den wandernden M&#252;nchner Puppenspieler Joseph Tendler, gegen diskriminierende Anschuldigungen und integriert ihn in seine neu gegr&#252;ndete sesshafte Familie durch Heirat der Puppenspielertochter Lisei; auch er verleugnet zuerst gegen&#252;ber dem jugendlichen Zuh&#246;rer und Rahmenerz&#228;hler das &#8218;Schimpfwort&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 216</xref>) Pole Poppensp&#228;ler, und sein &#8218;gute[r] kindliche[r]&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 217</xref>) Schwiegervater wird nach einem sp&#228;ten R&#252;ckfall in die Theaterleidenschaft, soll hei&#223;en: nach einer von z&#252;gellosen &#8218;Handwerkslehrlingen&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 213</xref>) gest&#246;rten Auff&#252;hrung, bei der die &#8218;kunstreiche&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 217</xref>) Kasperl-Figur, die &#8218;wertvollste [&#8230;] von allen&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 217</xref>), auf offener B&#252;hne besch&#228;digt wird&#8212;,&#8222;Hurra! Kasper is dod!&#8220;&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 215</xref>)&#8212;mit dieser Figur zusammen beerdigt: &#8218;[W]as war ohne ihn [ohne den Kasper] die ganze Puppenwelt!&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 217</xref>).</p>
<p>Die wichtigste Funktion der &#8218;kleine[n] Kunstfigur&#8216;, n&#228;mlich das &#8218;Ehegl&#252;ck&#8216; des Schwiegervaters des Binnenerz&#228;hlers&#8212;aber auch des Binnenerz&#228;hlers selbst&#8212;zu begr&#252;nden (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 219</xref>), hat sie erf&#252;llt. Und unterhaltende (<italic>delectare</italic>) und p&#228;dagogische Wirkungen (<italic>prodesse</italic>) gehen vom Kasperl und seiner Puppenwelt l&#228;ngst nicht mehr aus; die &#8218;harmlose schaulustige Jugend&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 213</xref>), der sich der Binnenerz&#228;hler nachtr&#228;glich selbst zurechnet und die so gesittet war wie der gereinigte, moralisch gute und gewaltfreie Kasper selbst, existiert nicht mehr: &#8218;oben auf dem Sarge, [&#8230;], da hatte er sich hingesetzt, der alte Freund aus meiner Kinderzeit, Kasperl, der kleine lustige Allerweltskerl&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 218</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref></p>
<p>Das junge Publikum selbst ist inzwischen so r&#252;pelhaft, schadenfroh und unangepasst, wie es die obsz&#246;n provokante Hanswurst-Rolle im 18. Jahrhundert einmal war; Stranitzkys Hanswurst h&#228;tte nicht so geendet wie sein domestizierter Puppen-Kasperle-Nachfolger, dessen moraldidaktischer Effekt sich zumindest in der Vergangenheit der m&#252;ndlichen Binnenerz&#228;hlung ersch&#246;pft hat. Tendlers inzwischen verkaufter Kasper wird noch nach seinem Ende als Theaterfigur zum Opfer eines piet&#228;tlosen Scherzes und von seinem neuen Eigent&#252;mer &#252;ber die Friedhofsmauer ins offen Grab auf den Sarg des Puppenspielers geworfen.</p>
<p>Die &#246;dipal anmutenden Zeiten, als Paul den Kasper in der (wie bei Goethe) tabuisierten Zone hinter der B&#252;hne besch&#228;digt und damit den fetisch-gleich verehrten Repr&#228;sentanten des Vaters seiner sp&#228;teren Schwiegermutter ohne b&#246;se Absicht auf der B&#252;hne versagen l&#228;sst&#8212;die Mutter Liseis ist die Tochter des Sch&#246;pfers dieser Kasper-Puppe, des &#8218;ber&#252;hmten Puppenspieler[s] Geiselbrecht&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 191</xref>), dessen historisches Vorbild Georg Geisselbrecht (1762&#8211;1826) international gastiert und das Faust-Puppenspiel wiederbelebt hat (<xref ref-type="bibr" rid="B17">Eversberg, 2012</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B43">Rebehn, 2016</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B21">Gei&#223;elbrecht, 2018</xref>)&#8212;auch diese Zeiten sind also nun begraben.</p>
<disp-quote>
<p>ich [&#8230;] betrachtete meinen lieben lustigen Allerweltskerl. Da baumelte er, an sieben Schn&#252;ren aufgeh&#228;ngt; [&#8230;]. &#8218;Kasperle, Kasperle&#8216;, sagte ich bei mir selber, &#8218;<italic>wie h&#228;ngst du da elendiglich</italic>.&#8216; Da antwortete <italic>es</italic> ebenso: &#8218;Wart nur, lieb&#8217;s <italic>Br&#252;derl</italic>, wart&#8217; nur bis heut Abend!&#8216;&#8212;War das auch nur so in meinen Gedanken, oder hatte Kasperl selbst zu mir gesprochen?&#8212; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 179</xref>, meine Hervorhebungen).</p>
</disp-quote>
<p>Pauls latent autoerotischer Versuch, die (phallisch) erschlaffte, br&#252;derliche Puppe vorzeitig und eigenm&#228;chtig in Bewegung zu setzen und zu beleben, scheitert jedoch und der Mechanismus der Marionette nimmt h&#246;rbar Schaden:</p>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] h&#246;rte ich [&#8230;] vor meinem inneren Ohre immer jenen leisen Krach im K&#246;rper der Puppe; was ich auch vornahm, den ganzen Tag &#252;ber konnte ich diesen, jetzt aus meiner eigenen Seele herauft&#246;nenden unbequemen Laut nicht zum Schweigen bringen (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 180</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Nach der von der Geiselbrecht-Tochter mit Verweis auf ihren seligen Vater als &#8218;gottesl&#228;sterlich&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Storm, 1987: 186</xref>) bezeichneten abendlichen Faust-Auff&#252;hrung werden die Schuldigen, Paul und Lisei, versehentlich f&#252;r eine Nacht im Theater eingeschlossen&#8212;sp&#228;tere Heirat vorbehalten.</p>
<p>Eine ganz anders motivierte und sehr viel radikalere Austreibung des Kasperls inszeniert Thomas Hettches <italic>Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B27">2020</xref>), in der Hannelore Marschall, genannt Hat&#252; (1931&#8211;2003), die verstorbene Leiterin (1985&#8211;1992) und Tochter des Schauspielers und Theatergr&#252;nders Walter Oehmichen (1901&#8211;1977; Puppenspieler seit 1940, 1948 Gr&#252;ndung der <italic>Puppenkiste</italic>) ihre Lebensgeschichte erz&#228;hlt, allerdings post mortem als Wiederg&#228;ngerin, in der dritten Person und mit einem Kasperle-Trauma belastet. Sie interpretiert die typisierte Physiognomie der Figur, die sie ihrem ersten, w&#228;hrend des zweiten Weltkrieges selbst geschnitzten Kasperl verleiht, als antisemitisches Zerrbild, so dass dieser als Repr&#228;sentant rassistischer Diskriminierung fungiert, zugleich aber auch die Opfer solch diskriminierender Stigmatisierung bezeichnet. F&#252;r die kindliche Angst vor ersterem, also vor dem eigenen Artefakt als Ausdruck des vermeintlich (und kollektiv semitisch definierten) B&#246;sen, sch&#228;mt sich die tote Hat&#252;, ohne dass es ihr (und dem Roman) jedoch gelingt, diese schuldhafte unmoralische Angst bruchlos in eine moralisch gute Angst, also in Abscheu vor der diskriminierenden Zuschreibung selbst zu sublimieren.</p>
<p>Die Binnennarration&#8212;in schwarzen Buchstaben gesetzt&#8212;richtet sich an ein kleines M&#228;dchen, das nach der Theaterauff&#252;hrung in der Menschenmenge seinen alleinerziehenden Vater verloren hat und nun in der fantastischen Rahmensituation&#8212;&#8218;b&#246;ser Traum&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 119</xref>) oder &#8218;reales&#8216; Erleben&#8212;(typografisch rot) den bekannten, gespenstisch belebten Puppenkisten-Figuren, Jim Knopf, Prinzessin Li Si, Urmel, K&#246;nig Kalle Wirsch und dem kleinen Prinzen begegnet&#8212;sowie der nicht mehr auftretenden, aber noch immer bedrohlichen Figur des Kasperl und der toten Hat&#252;. Diese erl&#246;st sich und den am Ende verschwundenen Kasperl durch einen ebenso selbsttherapeutischen wie Kasperl-exorzistischen Erz&#228;hlakt, der die in die NS-Zeit zur&#252;ckreichende Vorgeschichte ihres Vaters, eine Augsburger j&#252;dische Familie und den w&#228;hrend einer bombenkriegsbedingten Kinderlandverschickung von Hat&#252; selbst geschnitzten &#8218;Kasperl&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 97</xref>) betrifft. Ergebnis dieser Familiengeheimnisse aufkl&#228;renden Binnenerz&#228;hlung, dieses schonungslosen Zu-Ende-Erz&#228;hlens (&#8218;Die Geschichte des Kasperls war erz&#228;hlt&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 268</xref>)) ist jedoch nicht eine Rehabilitierung oder zumindest die L&#228;uterung des an seinem Aussehen und an der Zuschreibung &#8218;b&#246;ser&#8216; Eigenschaften schuldlosen Kaspers: das M&#228;dchen wirft immerhin ein: &#8218;Er kann nichts daf&#252;r, wie er ist.&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 107</xref>).</p>
<p>All dies k&#246;nnte von Hat&#252; reflektiert werden, dennoch besteht sie auf seiner Eliminierung, auf finaler Teufelsaustreibung&#8212;und zwar durchaus zur Erleichterung der verbleibenden, literarisch pr&#228;figurierten Puppen aus den erz&#228;hlten Fiktionen von Antoine de Saint-Exup&#233;ry, Michael Ende (der von Hat&#252; besucht wird) und anderen. Sie bedanken sich zu Recht bei der Besucherin f&#252;r die Vertreibung des konkurrierenden Kasperls (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 278</xref>), werden doch literarische Figuren mit Kunstanspruch vom peinlichen Sonderfall Kasperl befreit, der als Meta-Figur &#252;berall und jederzeit die B&#252;hnen-Binnenfiktion unterbrechen und kommentieren konnte.</p>
<p>Die unerbittliche Verurteilung Kasperls wiegt umso schwerer, als sich die Erinnerungsdiegese der Romanfigur Hat&#252; ansonsten als zeitgeschichtlich sensibel f&#252;r individuelle und kollektive Schuld und die Probleme einer Entnazifizierung erweist. Bei einem Empfang in M&#252;nchen werden die Anwesenden z.B. nach den Ausma&#223;en ihrer Schuld beurteilt&#8212;u.a. Ina Seidel und &#8218;Holthusen&#8216;, &#8218;SS-Mann der ersten Stunde&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 233</xref>); zitiert wird aber auch Ernst Wiecherts Nachkriegs-Appell an die Schuldigen und sein Vorschlag f&#252;r den Umgang mit dieser Schuld: &#8218;&#8222;Lasst uns erkennen, dass wir schuldig sind [&#8230;]. Lasst uns aus der Schuld erkennen, dass wir zu b&#252;&#223;en haben, hart und lange&#8220; und er erg&#228;nzt: &#8218;&#8222;Ihr&#8220;, sagte er leise, &#8222;sollt die Liebe ausgraben unter den Tr&#252;mmern des Hasses.&#8220;&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 127</xref>)</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus strotzt Hat&#252;s Lebensgeschichte von hochkulturellen Bildungsreferenzen&#8212;Film: Fritz Lang; Musik: Richard Strauss; Malerei: Pollock und Wols, aber auch die Holzschnitzkunst usw.; Literatur: die Br&#252;der Grimm, Sartre, Rilke, B&#252;chners <italic>Leonce und Lena</italic>, Kleists <italic>Marionetten</italic>-Aufsatz (Grazie, antigrave Wesen (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 222 u. 66&#8211;68</xref>)). Und Hat&#252; kennt auch die literarische Vorgeschichte der Kasperl-Figur und l&#228;sst keinen Zweifel daran, dass sie neben Kleist auch <italic>Pole Poppensp&#228;ler</italic> gelesen hat&#8212;das &#8218;sch&#246;nste Buch &#252;ber Marionetten, das es gebe, hat der Vater gesagt&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 61</xref>)&#8212;und (ohne die Autorin zu nennen) Siebes &#8218;<italic>Kasperle auf Reisen</italic>&#8216;&#8212;ein &#8218;Kasperl, der keine Puppe, sondern wirklich lebendig ist&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 82</xref>).</p>
<p>An ihrem Hass auf den b&#246;sen Kasperl als Verk&#246;rperung des Nachkriegsschuldgef&#252;hls &#228;ndert solche Lekt&#252;re jedoch nichts. &#8218;&#8222;Der ist total b&#246;se!&#8220; &#8222;Er hat den Krieg in sich, wie wir alle&#8220;&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 107</xref>) und singt noch immer das nach Kriegsende diskreditierte Studentenlied zum Jahrestag der V&#246;lkerschlacht bei Leipzig (1813) &#8218;Flamme empor&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 107 u. 101</xref>)&#8212;aber eben nicht das Horst-Wessel-Lied (&#8218;Die Fahne hoch!&#8216;). Die Nachricht vom Verschwinden des Kasperls (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 192</xref>) und die Bitte des M&#228;dchens im Auftrag des Kaspers, die Geschichte nun zu Ende zu erz&#228;hlen, l&#246;sen bei Hat&#252; erneut Schuldgef&#252;hle und (kathartische?) Geister-Tr&#228;nen aus (&#8218;Es ist alles meine Schuld&#8216;, <xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 192</xref>), was Zweifel am Erfolg dieser Art von Tilgungs- und Abspaltungstherapie aufkommen l&#228;sst.</p>
<p>Die mit der eigenen Biographie verwobene Genre- und Figurentheatergeschichte kann jedenfalls von Hat&#252; keine Gnade erwarten. So sch&#228;mt sie sich auch schon, wenn im eigenen Theater die Kasperle-Figur entsprechend ihren Rollenkonventionen publikumsadressiert die vierte Wand durchbricht und die &#8218;Zuschauer [&#8230;] vor Begeisterung [johlen]&#8216;: &#8218;Hat&#252; ist es widerlich, wie der Kasperl sich mit dem Publikum gemein macht und wie alle &#252;ber ihn lachen.&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 177 u. 174&#8211;179</xref>) Und dass es explizit auch um die Steigerung des Kunstwertes des eigenen Spiels ohne Kasper geht, wird in einem selbstreflexiven B&#252;hnensprechakt des Kasperle und der Direktorfigur deutlich:</p>
<disp-quote>
<p>Ein k&#252;nstlerisches Puppenspiel, / das ist f&#252;r wahr ein sch&#246;nes Ziel. / Doch gibst du nichts zu spielen mir, / Dann l&#246;s ich den Vertrag mit dir. / Ich brauch dich nicht, ich spiel allein.&#8216; / &#8218;Du kleiner Wicht, sei nicht so stolz! / Du bist doch nur aus Lindenholz, / Ich f&#252;hr dich an F&#228;den durch das Spiel, / Du tust da unten nur das, was ich will / [&#8230;] (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 179</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Dass der Kasperl auf der gespenstischen Rahmenebene am Ende seine eigene Erl&#246;sung mit Hilfe des fotografierenden und spiegelnden Mediums der Selbstreflexion und Selbstbeobachtung&#8212;das leuchtende iPhone des mitleidsvollen M&#228;dchens&#8212;akzeptiert und vers&#246;hnlich l&#228;chelnd stirbt, &#228;ndert an dieser selbsttherapeutisch radikalen Konsequenz nichts (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 185&#8211;186</xref>).</p>
<p>Mag der von Hat&#252; geschaffene, h&#228;sslich geratene Kasperl auch als Allegorie des schlechten Gewissens der kindlichen Schnitzerin fungieren, die ihr B&#246;ses in die Figur introjiziert&#8212;die Figur hat nun auch im Marionettentheater Auftrittsverbot, darf nicht mehr mitspielen, ist endg&#252;ltig &#8218;verschwunden&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 186, 192</xref>). Die &#8218;Angst vor ihrer eigenen Marionette&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 108</xref>) als Angst vor sich selber scheint keine andere Art der Erl&#246;sung des Kaspers und seiner unerl&#246;st spukenden Sch&#246;pferin zuzulassen. Signifikant ist dabei, dass erst die Selbsterkenntnis im Erz&#228;hlen (Hat&#252;) und die erste und letzte Selbstwahrnehmung der gespenstischen Kasperl-Figur im iPhone beide&#8212;die Schnitzerin und ihre Projektionskunstfigur&#8212;von ihrer spukhaften Existenz erl&#246;sen. Selbstreflexion erscheint als Vorstufe und Voraussetzung der Selbstausl&#246;schung:</p>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] und der Kasperl sah auf. Lange betrachtete er stumm sein Bild&#8230; Betrachtete seine gro&#223;e Nase, seine aufgerissenen Augen und das Lachen, das ihm Hat&#252; damals [&#8230;] w&#228;hrend des Krieges von einem Ohr zum anderen ins Gesicht geschnitten hatte (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 186</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Wie anders bei Josephine Siebe, wo der verfolgte Kasperl erschrocken sein eigenes lebensgro&#223;es Doppelg&#228;nger-Konterfei erblickt, was in diesem Fall jedoch zu einer lebensrettenden Wendung und nicht zur Eliminierung des Kasperls f&#252;hrt.</p>
<p>Mit dieser Physiognomik und ihrer Deutung als Dokument antisemitischer Stigmatisierung kommt am Ende des Romans also ein problematischer Diskurs ins Spiel, der sowohl die eliminatorische Rassentheorie des NS-Staates als auch dessen Auswirkungen auf die Gestaltung und ambige Dekodierung der Puppenk&#246;pfe betrifft. Wie Hat&#252; dem M&#228;dchen in der Rahmenfiktion erz&#228;hlt, war es ihr n&#228;mlich</p>
<disp-quote>
<p>peinlich, dass ich als Kind einen Kopf geschnitzt hatte, der genauso aussah wie die furchtbaren Bilder der Juden, die die Nazis &#252;berall zeigten. Und dass ich vor einem solchen Zerrbild Angst hatte. Denn das bedeutet, ich bin &#252;berhaupt nicht besser gewesen als sie (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 268</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Damit wird die Verbannung des b&#246;sen und grotesk verzeichneten Kasperlkopfes, der sie &#8218;so lange verfolgt hat&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 276</xref>), nicht nur zur Austreibung der vom NS-Regime gesch&#252;rten Angst vor diesem Zerrbild, sondern unvermeidlich auch zur erneuten Vertreibung der so Bezeichneten, der denunziatorisch Stigmatisierten selbst.</p>
<p>Dass Hat&#252;s Vater versucht, den zur Fratze missratenen Kasperl (&#8218;er guckt wirklich ein bisschen finster&#8216;; <xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 124</xref>) zum &#8218;bayerischen Kasperl&#8216; und &#8218;liebenswerte[n] Bursche[n]l&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 124</xref>) umzu&#228;ndern, mindert Hat&#252;s Angst nicht&#8212;nur &#8218;wei&#223; sie jetzt nicht mehr weshalb&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 124</xref>), da die freundliche Maske das latente B&#246;se verdeckt. Und wie der Vater sp&#228;ter gesteht, erweist sich die freundlich-harmlose Maske sogar als das eigentliche Antlitz des B&#246;sen, n&#228;mlich als dasjenige der T&#228;ter. Er habe Hat&#252;s Kasperl n&#228;mlich nach dem Vorbild des &#8218;Standard-Puppensatz[es]&#8216; des &#8218;Reichsinstituts f&#252;r Puppenspiel&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 266</xref>) ver&#228;ndert und &#8218;nachgebessert&#8216;, den ihm ein &#8218;Frontpuppenspieler&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 265</xref>) zur Verf&#252;gung gestellt hat: &#8218;ein blondes Kerlchen mit breitem Lachen und blauen Perlenaugen unter der Soldatenm&#252;tze, sozusagen der Wehrmachtskasperl&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 266</xref>). Hat&#252;s urspr&#252;ngliche Version sei aber, so der Vater, gar &#8218;nicht b&#246;se&#8216; gewesen. &#8218;Er hatte einfach nur eine Hakennase und einen wulstigen, grinsenden Mund.&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 266</xref> und entsprach damit zwar nicht dem physiognomischen Ideal nationalsozialistischer Rassenideologie, wohl aber durchaus dem Hohnsteiner Figurentypus als Inbegriff des tradierten &#8218;deutschen&#8216; Kaspers (<xref ref-type="fig" rid="F4">Abbildung 4</xref>).</p>
<fig id="F4">
<caption>
<p><bold>Abbildung 4:</bold> <xref ref-type="bibr" rid="B32">Jacob, 1964: 160</xref>. &#8222;Kasper plant eine Weltreise&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B32">Jacob, 1964: 343</xref>). Fotograf unbekannt Die Bildvorlage stammt laut Abbildungsverzeichnis aus dem Archiv des Autors.</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-1-23765-g4.jpg"/>
</fig>
<p>Das Bem&#252;hen des Vaters, eine von den Sch&#246;nheitsnormen abweichend Physiognomik von der Diskreditierung als Ausdruck eines b&#246;sen Charakters der Person oder von pejorativ konstruierten Rassestereotypen zu entkoppeln, mutet vern&#252;nftig an, wird jedoch sofort von ihm selbst als Schutzbehauptung relativiert&#8212;im Kontext des Reichsinstitutes ist sie in der Tat keine unschuldige Aussage mehr (&#8218;einfach nur eine Hakennase&#8216;), sondern wird durch eine ex post selbst, n&#228;mlich als &#8218;arisch&#8216; v&#246;lkisch diskreditierte Kontrastphysiognomik des deutschen &#8218;Normalen&#8216; ersetzt&#8212;die &#252;brigens der nun perhorreszierte Kasperl inzwischen auf wunderbare Weise wieder verloren hat. Gleichwohl: Weder sein Charakter noch sein Gesicht als vermeintlicher Ausdruck des B&#246;sen erweisen sich als historische Schuld, wohl aber die vom NS-Regime beabsichtigte Stigmatisierung als b&#246;se, auf die die schnitzende Hat&#252; hereingefallen ist:</p>
<disp-quote>
<p>[&#8218;][ich] habe deinen Kasperl damals so korrigiert, wie ich es an dem Kerlchen aus dem Puppensatz f&#252;r die Wehrmacht ge&#252;bt hatte. Und es hat funktioniert. Du hattest keine Angst mehr&#8216;.</p>
<p>&#8218;Das stimmt nicht!&#8216;</p>
<p>[&#8230;]</p>
<p>[&#8230;][&#8218;]obwohl mein Vater sein Gesicht dann ver&#228;nderte, verschwand diese Angst seltsamerweise nicht. Erst, als mein Vater endlich mit mir dar&#252;ber sprach, begriff ich, was ich damals getan hatte. Und als der Kasperl dann hier auf dem Dachboden erschien, und zwar genau so, wie ich ihn als Kind geschnitzt hatte, war er mir so peinlich, dass ich ihn ins Dunkel vertrieb. Niemand sollte ihn sehen!&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 267</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Die Ursache der Peinlichkeit, also Hat&#252;s fremdbestimmte Gestaltung des semitisch B&#246;sen und die Angst vor ihm, manifestieren sich in einem Kasperl, dessen Hanswurst-Tradition zweifellos monstr&#246;se und groteske &#220;berzeichnungen mit Diskriminierungspotential bereith&#228;lt, und zwar sowohl was die Schauspielerfigurinen als auch die Puppen-Stereotypen m&#228;nnlicher erwachsener oder infantilisierter Kaspervarianten angeht. Nachvollziehbare Peinlichkeits- und Schuldgef&#252;hle f&#252;hren in Hettches Diegese jedoch dazu, dass nicht nur die rassistischen Kodierungen des NS-Regimes und ihre biographischen Folgen, sondern auch deren a priori unbelasteten physischen (oder bildlichen) Substrate selbst als deren vermeintliche Ursachen&#8212;als Trigger: Nasen, Lippen, Gesichter&#8212;zum Verschwinden gebracht werden und mit ihnen auch ein in der NS-Zeit alles andere als eindeutig semantisierter Kasperle-Typus. Max Jacob weist in seinen Lebenserinnerungen mit Blick auf seinen Hohnsteiner Kasperl-Typus darauf hin:</p>
<disp-quote>
<p>Einige Zeitgenossen, darunter auch sehr offizielle, nahmen Ansto&#223; an Kaspers Nase. In Zeitschriften wurde ganz offen gefordert, da&#223; der Kasper aus &#8218;rassischen Gr&#252;nden&#8216; eine andere Nase bekommen m&#252;sste. Manche Spieler hatten da nichts Eiligeres zu tun, als sich einen neuen Kaspertyp zu schaffen, der allen offen und versteckt ge&#228;u&#223;erten W&#252;nschen entgegenkam. Sehr oft war es die Hohnsteiner Kaspernase, die Ziel der Angriffe war. Wir aber lie&#223;en unseren Kasper so wie er war. Wurde ich offiziell oder inoffiziell einmal daraufhin angesprochen, dann blieb ich sehr ruhig und erkl&#228;rte, niemals einen anderen Kasper spielen zu k&#246;nnen. (<xref ref-type="bibr" rid="B32">Jacob, 1964: 257</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref></p>
</disp-quote>
<p>Sich von Schuldgef&#252;hlen und von ihrem biographisch unliebsamen Dokument dadurch zu erl&#246;sen, dass zugleich auch die unschuldigen physiognomischen Ausl&#246;ser brutaler Diskriminierung stellvertretend in Gestalt des zum Artefakt objektivierten Repr&#228;sentanten dieser Anl&#228;sse getilgt werden, erweist sich jedoch nicht nur als ein innerdiegetisches, semiotisches (konvex gekr&#252;mmte lange Nasen) oder figurenpsychologisches Problem. Dokumentiert wird vielmehr auch ein erinnerungspolitisch problematischer Umgang mit der NS-Vergangenheit, der durch Verdr&#228;ngung und nicht durch dauerhaftes Erinnern Vergangenheit zu verarbeiten versucht. Sich von den eigenen Schuldgef&#252;hlen zu befreien, bedeutete hier, die Anl&#228;sse des Erinnerns zu vermeintlichen Ursachen der Schuld umzudeuten und damit die Opfer ungewollt erneut zu stigmatisieren und zu eliminieren.</p>
<p>W&#228;hrend der kindlich neugierige Blick hinter die Kulissen des Puppentheaters bei Goethe noch den Beginn einer langwierigen Initiation in die Sph&#228;re des Theaters markiert, f&#252;hren &#228;hnliche Grenz&#252;berschreitungen juveniler Akteure und Akteurinnen in das verbotene Jenseits der Puppenb&#252;hne bei Storm und Hettche also zur Sch&#228;digung der Kasperle-Figur (Storm) oder zu ihrem g&#228;nzlichen Verschwinden, ihrer Verbannung aus dem Figureninventar eines k&#252;nstlerisch ambitionierten Puppentheaters (Hettche). Die Exkursionen in gef&#228;hrliche <italic>backstage</italic>-Zonen durch Akteure, die ihre Rolle als passive Zuschauer und Zuschauerinnen lust- oder angstvoll &#252;bertreten, erweisen sich dabei als Gegenst&#252;ck zu den Animations-Metalepsen von k&#252;nstlichen Puppen, die sich als belebte vor&#252;bergehend von ihren &#8218;Rollen&#8216; im Figurentheater emanzipieren.</p>
<p>Ob dar&#252;ber hinaus von einem Roman &#252;ber die Geschichte eines prominenten deutschen Puppentheaters erwartet werden sollte, die problematischen und jedenfalls intrikaten erinnerungspolitischen Implikationen der Tilgung des traumatisierenden Kasperle-S&#252;ndenbocks zu reflektieren, bleibe dahingestellt. Der komischen Person mit ihrer ambivalenten Ph&#228;nomenologie als moralische Kippfigur, die schon einmal erfolglos von der B&#252;hne verbannt werden sollte und im Figurentheater vom subversiven Hanswurst zum p&#228;dagogischen Kasperle domestiziert worden ist, w&#228;re jedenfalls ein anderes Romanende zu w&#252;nschen als ihre bereitwillige Selbsttilgung, die als Folge von erl&#246;sender Selbsterkenntnis ausgegeben wird. Der Schluss von <italic>Herzfaden</italic> erscheint vor diesem Hintergrund gar nicht mehr so tr&#246;stlich. Die Adressatin der Lebensbeichte der gespenstisch wiederbelebten Hat&#252;, die sich durch Erz&#228;hlen von ihrem Trauma und vom verteufelten Kasperl befreit hat, verl&#228;sst den dunklen Raum der belebten Puppen-Artefakte&#8212;eine todesnahe Anderswelt aus belebten Kunstfiguren&#8212;kathartisch angstfrei, hat sie doch das F&#252;rchten gelernt, die Probe bestanden und das Ungeheuer mitleidsvoll erl&#246;st. Sie kehrt gel&#228;utert und zur Erwachsenen gereift ins wirkliche Leben zur&#252;ck: Li Si aus <italic>Jim Knopf und Lukas der Lokomotivf&#252;hrer</italic> hat das letzte Puppen-Wort: &#8218;Hab keine Angst, M&#228;dchen. Wenn du unten bist, wirst du wieder gro&#223; sein&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 280</xref>). Der Preis, der f&#252;r diese dreifache Katharsis und f&#252;r den Sieg des Erz&#228;hlens &#252;ber das (Figuren-)Theater zu zahlen ist, n&#228;mlich die Tabuisierung des popul&#228;ren und kindlich-karnevalistischen Kasperletheaters als vermeintliche Bedrohung ernsthafter, kathartischer Kunst, erweist sich jedoch als hoch. Vor diesem Hintergrund erinnert Hettches Roman durchaus an Storms poetischen Realismus und dessen Umgang mit einer &#8218;Romantik&#8216; (im Sinne von <xref ref-type="bibr" rid="B44">Scherer, 2008: 63&#8211;66</xref>), die aus &#8218;erwachsener&#8216;, also b&#252;rgerlich prosaischer Perspektive obsolet geworden ist. Die sentimentalische Verkl&#228;rung des Verlustes des Kasperl bei Storm ist nun allerdings einem zeitgeschichtlich motivierten und unvers&#246;hnlichen, selbsttherapeutischen Akt des erz&#228;hlerischen Exorzismus gewichen.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>vgl. den &#220;berblick in <xref ref-type="bibr" rid="B52">Till, 1986: 13&#8211;68</xref>. Zur Ankunft der Figur des &#8218;Lustigmachers&#8216; der Wanderkom&#246;dianten im deutschsprachigen Schauspielertheater siehe umfassend <xref ref-type="bibr" rid="B3">Asper 1980</xref>.</p></fn>
<fn id="n2"><p><xref ref-type="bibr" rid="B5">siehe dazu Basgier, o.J.: 16&#8211;69 u. 55&#8211;57</xref>.</p></fn>
<fn id="n3"><p>siehe auch <xref ref-type="bibr" rid="B38">Meissner, 2020</xref> zur Funktion der Puppen im Falschen Buch.</p></fn>
<fn id="n4"><p>vgl. auch das Nachwort in Hettches Herzfaden: &#8218;Dieser Roman erz&#228;hlt die Geschichte der Augsburger Puppenkiste, und wie jeder Roman ist er selbst ein Marionettenspiel.&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Hettche, 2020: 283</xref>)</p></fn>
<fn id="n5"><p>zum Wiener &#8218;Hanswurststreit&#8216; siehe <xref ref-type="bibr" rid="B39">M&#252;ller-Klampel, 2003: 152&#8211;165</xref>; insbesondere zur Verfemung des zum Kasperl domestizierten Hanswurst im Josephinismus der 1780er Jahre <xref ref-type="bibr" rid="B39">M&#252;ller-Klampel, 2003: 160&#8211;163</xref>. Siehe auch <xref ref-type="bibr" rid="B39">M&#252;ller-Klampel, 2003: 187&#8211;193</xref> zu seiner Verhaltensrationalisierung und Infantilisierung als Marionette (Franz Poccis Larifari, siehe <xref ref-type="bibr" rid="B57">Weyr, 1961</xref> und <xref ref-type="bibr" rid="B41">N&#246;bel, 1989</xref>) und Handpuppe (paradigmatisch Max Jacobs Hohnsteiner Kasper): &#8218;Der Mann von fabelhafter Virilit&#228;t ist zum geschlechtslosen Kind geworden&#8216; (190).</p></fn>
<fn id="n6"><p>zu ihren zahlreichen Verfilmungen siehe <xref ref-type="bibr" rid="B28">Hiebel, 1999</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B34">Krah, 2017</xref> und <xref ref-type="bibr" rid="B53">Viehoff-Kamper/Viehoff</xref>, 2017; zur Novelle selbst vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Freund, 1987</xref> und <xref ref-type="bibr" rid="B20">Frommholz, 1987</xref>; zur Einordnung ihrer Erz&#228;hlstrategien in die Poetologie des Realismus siehe <xref ref-type="bibr" rid="B44">Scherer, 2008</xref>; zur Selbstreflexivit&#228;t des Textes siehe <xref ref-type="bibr" rid="B44">Scherer, 2008: 60&#8211;62</xref>; zum &#8218;Kasperl&#8216; als &#8218;poetologische Reflexionsfigur&#8216; siehe <xref ref-type="bibr" rid="B44">Scherer, 2008: 60</xref>; vgl. auch res&#252;mierend <xref ref-type="bibr" rid="B40">Nitschke, 2017</xref>.</p></fn>
<fn id="n7"><p>zum &#8218;Tod&#8216; des zugleich kunstvollen und n&#228;rrischen Kasperl siehe Scherer, 1988: 619.</p></fn>
<fn id="n8"><p>siehe dazu bereits <xref ref-type="bibr" rid="B37">May, 1931: 118&#8211;119</xref> und <xref ref-type="bibr" rid="B56">Wessely, 2009</xref>, zur ambivalenten physiognomischen Kodierung der &#8218;arischen&#8216; Kasper-Figuren des Reichsinstitutes f&#252;r Puppenspiel und des Hohnsteiner. idealtypisch &#8218;deutschen&#8216; Kaspers und ihrer konkav oder konvex gekr&#252;mmten Nasen siehe ebd., S. 381&#8211;394; vgl. dar&#252;ber hinaus <xref ref-type="bibr" rid="B8">Bohlmeier, 1985</xref> und <xref ref-type="bibr" rid="B9">Bohlmeier, 1989</xref>.</p></fn>
</fn-group>
<sec>
<title>Competing Interests</title>
<p>Der Autor erkl&#228;rt, dass keine Interessenkonflikte bestehen.</p>
</sec>
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<ref id="B1"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Anon</surname>, <given-names>o.J.</given-names></string-name> <source>Kasperl Larifari auf der Zauberinsel</source>. <publisher-loc>F&#252;rth</publisher-loc>: <publisher-name>Pestalozzi-Verlag</publisher-name>.</mixed-citation></ref>
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