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<subject>Production archives 01: puppets for action</subject>
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<article-title>&#8220;B&#252;hnen exzessiven Denkens&#8221;. Die Produktivit&#228;t figurentheatraler Spielweisen am Beispiel der Inszenierungsarbeiten von Katharina Kummer</article-title>
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<email>jessica.hoelzl@uni-leipzig.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Universit&#228;t Leipzig</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2026-09-30">
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>. Articles published by the Open Library of Humanities may also contain other CC-licensed material, or material used or reproduced under an exception or limitation to copyright. Such material is not subject to the article&#8217;s license. It is either marked with its own license, or marked that it has been reproduced with permission or under fair-use.</license-p>
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<p>Unter dem Titel <italic>B&#252;hnen exzessiven Denkens</italic><xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> begibt sich der Artikel auf die Suche nach Verbindungslinien zwischen Figurentheater und Roman. Im Fokus steht dabei die Analyse spezifischer Potenziale materialtheatraler Praktiken in der zeitgen&#246;ssischen Romaninszenierung aus (figuren-)theaterwissenschaftlicher Perspektive unter Einbezug literaturwissenschaftlicher Ans&#228;tze. Entlang zweier Inszenierungsarbeiten von Katharina Kummer untersucht der Artikel materialtheatrale Spielweisen von der Textbearbeitung bis zur B&#252;hnenauff&#252;hrung. Zentrale Elemente der Analyse sind Umgangsweisen mit Text und Zeichen, narrative Perspektivierungen und Figurationen sowie die Umsetzung der Romanvorlage mit materialtheatralen Mitteln. Ausgehend von einer Skizze der Bedeutung von Text im Puppenspiel und Marionettentheater werden eingangs insbesondere die &#228;sthetischen und spielpraktischen Entwicklungen hin zum Figurenspiel ab Mitte des 20. Jahrhunderts vorgestellt. Unter Einbezug gattungsspezifischer Besonderheiten des modernen Romans werden die Spezifika materialtheatraler Spielpraktiken im Umgang mit Text vorgestellt. Anhand Kummers Inszenierungen von Tschingis Aitmatows <italic>Djamila</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B2">1958</xref>) und Boris Vians <italic>L&#8217;&#201;cume des Jours</italic> (1946) werden diese im Folgenden analysiert. Nach einer Kontextualisierung der Romanvorlagen werden Kummers Methoden im Umgang mit den Texten als Ausgangspunkt der B&#252;hneninszenierungen exemplarisch analysiert. Ausgehend von der textuellen Pluralisierung der Romane werden die formale und inhaltliche Multiperspektivierung in beiden Inszenierungsarbeiten herausgearbeitet und davon ausgehend konkrete materialtheatrale Umgangsweisen untersucht. Basierend auf dem Spiel mit Dingen, Figuren, Objekten und Raumelementen verfolgen beide Inszenierungen eine spezifische Ausdeutung der Romanvorlagen, die entlang grenz&#252;berschreitender Praktiken auf die Befragung von Handlungsf&#228;higkeit, Logozentrismus, Kausalit&#228;t und normativer Sinnkonstruktion zielt. Entlang der Begriffe Referenzialit&#228;t und Materialit&#228;t, Performativit&#228;t und Fiktionalit&#228;t werden schlie&#223;lich Bewegungen der &#214;ffnung, Entgrenzung und Befragung in den Romanvorlagen mit Potenzialen zeitgen&#246;ssischer materialtheatraler Praxis enggef&#252;hrt.</p>
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<title>1 Einleitung: Figurentheater und Text</title>
<p>Das Verh&#228;ltnis des Figurentheaters zum Text ist eine so grundlegende wie vielschichtige Thematik, die das Feld des Puppenspiels, des Figurentheaters und das Spiel mit Objekten, Gegenst&#228;nden und Materialien einerseits kontinuierlich durchzieht. Andererseits erscheint das Feld als L&#252;cke. Keine Puppendramatik, keine expliziten Texte f&#252;r Figuren, keine fig&#252;rlichen Schriften, die mit materialtheatralen Mitteln umzusetzen sind, wurden je entwickelt. Annika Gloystein und Moritz Sch&#246;nbrodt konstatieren in ihrem Editorial des double-Magazins, Ausgabe 51: &#8220;Das Theater der Dinge hat keine ihm eigene Literatur. Kaum eine zumindest. Jedenfalls nicht im deutschsprachigen Raum.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Gloystein/Sch&#246;nbrodt, 2025</xref>). Und dennoch lassen sich in den heterogenen und komplexen Genreentwicklungen und Historien des Puppenspiels, des Puppentheaters, Figurenspiels, des Objekt- und Materialtheaters immer wieder Verbindungen mit spezifischen Textformen beobachten. W&#228;hrend das Handpuppenspiel ab dem 13. Jahrhundert sein ganz eigenes Repertoire entwickelte, das sich durch einen gro&#223;en Spielanteil sowie Stegreif und Improvisation auszeichnete, verschrieb sich das Marionettentheater durch seine Orientierung am Schauspiel ab dem 17. Jahrhundert insbesondere Dramentexten, die f&#252;r die Marionettenb&#252;hne adaptiert wurden. Wie Lars Rebehn anhand der zunehmenden Verschriftlichung von Theatertexten ab dem 18. Jahrhundert untersucht, weisen die Marionettentheatertexte im Unterschied zum Schauspiel im 19. Jahrhundert ein deutlich zusammengek&#252;rztes Texvolumen auf, was Rebehn lakonisch kommentiert: &#8220;Die Marionette scheint also nicht viel Text vertragen zu haben.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B28">Rebehn, 2025: 7</xref>) Mit der Entwicklung des k&#252;nstlerischen Puppenspiels mit Handpuppen und Marionetten sowie einer F&#252;lle formaler Experimente im 20. Jahrhundert wandten sich die Spieler:innen vom bis dato etablierten Puppenrepertoire ab:</p>
<disp-quote>
<p>Sie spielten klassische Dramatik wie Goethe, Singspiele und kleine Opern oder versuchten sich an den neuesten Autoren wie Arthur Schnitzler. Vereinzelt gab es auch eine Zusammenarbeit mit Dichtern. Die Anreize f&#252;r das Verfassen von Puppenspielen waren aber gering. Man erhielt daf&#252;r in Deutschland weder gesellschaftliches Ansehen noch Geld. So schrieben auch die neuen Marionettenspieler ihre Texte meist selbst (<xref ref-type="bibr" rid="B28">Rebehn 2025: 7</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten Puppenspieler:innen in West und Ost neben eigenen Texten sowohl Dramen- wie auch Romanvorlagen und adaptieren diese &#8211; in der DDR nicht zuletzt auch in Abh&#228;ngigkeit von Zensurma&#223;gaben &#8211; nach eigenem Gusto f&#252;r die Puppenb&#252;hne. Ab Mitte der 1960er Jahre entspann sich insbesondere in Westdeutschland eine allgemeine k&#252;nstlerische Aufbruchsstimmung im Genrefeld. Gespiegelt unter anderem in der Entwicklung des Begriffs &#8216;Figurentheater&#8217; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Wagner, 2023: 499</xref>) verdichtete sich die Abl&#246;sung vom Begriff der Puppe in der BRD nicht zuletzt unter dem Einfluss &#8220;von Performance und Performativit&#228;t im Zusammenspiel mit k&#252;nstlerischen Praxen der Body Art, der Objekt- und Materialperformance, der installativen Kunst&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B34">Wagner, 2023: 498</xref>) in den 1980er Jahren. W&#228;hrend in der DDR unter dem Begriff des Puppentheaters eine spezifisch sozialistische Kunstform nach sowjetischem Vorbild weiterentwickelt und gef&#246;rdert wurde, folgten auch hier experimentellere &#228;sthetische und diskursive Entwicklungen unter dem Begriff der Puppenspielkunst. &#8220;Performative Spielformen, postdramatische Textformen und ein k&#252;nstlerischer Fokus auf Materialit&#228;t von Objekten und K&#246;rpern&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B34">Wagner, 2023: 498</xref>) gaben einer Erweiterung von Spielformen, &#196;sthetiken und Materialien, aber auch theatralen Verst&#228;ndnissen, Inhalten und Diskursivierungen des Genres Vorschub. So konstatiert Silvia Brendenal im Jahr <xref ref-type="bibr" rid="B9">2016</xref>:</p>
<disp-quote>
<p>In kaum einer anderen Theaterkunst vollzog sich in den letzten drei Jahrzehnten eine so tiefgreifende, genre&#252;bergreifende Entwicklung wie im Puppen- und Figurentheater, kaum eine andere B&#252;hnenkunst bewegte sich so gelassen und selbstverst&#228;ndlich auf jenem vielbeschworenen und oft gef&#252;rchteten Pfad der Grenz&#252;berschreitung (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Brendenal, 2016: 13&#8211;14</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Ablesbar werden die heterogenen Entwicklungen in der F&#252;lle an Begrifflichkeiten, die auf vielf&#228;ltige Traditions- und Entwicklungslinien sowie &#228;sthetische Mittel Bezug nehmen: Figurentheater, Theater der Dinge und Gegenst&#228;nde (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Hoppe, 1971: 19</xref>), Materialtheater oder Theater animierter Formen, Objekttheater (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Carrignon, 2000</xref>), biografisches Dingtheater und dingliches Erz&#228;hltheater, Materialrecherche oder Performance mit Dingen sowie interdisziplin&#228;r agierenden Formen, die produktive Verflechtungen mit Bildender Kunst und Musik, aber auch Physical Theatre, zeitgen&#246;ssischem Zirkus und Virtual Reality usf. eingehen. Die gro&#223;e Flexibilit&#228;t und Adaptionsf&#228;higkeit des Figurentheaters durch seine Fokussierung auf Materialit&#228;t als spielweisendes Movens spiegelt sich nicht zuletzt auch im Umgang mit dem Text, der &#8211; anders als im Schauspiel, das &#228;hnliche Bewegungen der Dehierarchisierung erst mit Einzug des Postdramatischen vollzog &#8211; als ein Spielelement und Material neben vielen anderen erscheint.</p>
<p>Zentral ist dabei der R&#252;ckbezug auf vorliterarische, nichtrepr&#228;sentationale Praktiken, die die Performativit&#228;t des Spiels selbst fokussieren. Damit einher gehen formale, &#228;sthetische und mediale Entwicklungen, die sich z.B. im &#220;bergang zu offenen Spielweisen, wie offene Manipulation sowie Formen sichtbarer (De-)Konstruktion (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B33">Wagner, 2003</xref>), und spielweisender wie diskursivierter Reflexion auf das Verh&#228;ltnis von Spieler:in und Figur niederschlagen. Diese Entwicklungen erfahren insbesondere seit der Jahrtausendwende ein theoretisch und praktisch intensiviertes Interesse, wobei beispielsweise die B&#228;nde von Brendenal (2000; <xref ref-type="bibr" rid="B9">2016</xref>) sowie Joss/Lehmann (<xref ref-type="bibr" rid="B25">2016</xref>) zeitgen&#246;ssische Tendenzen in Genres des Figuren-, Objekt- und Materialtheaters spiegeln. Zugleich l&#228;sst sich ein verst&#228;rktes Interesse auch im Feld der Praktiker:innen beobachten, die Theatralit&#228;t materialtheatraler Genres spielerisch zu befragen, auszuloten und zu diskursivieren. Der Suchbegriff des &#8220;Materialtheatralen&#8221;<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref>, den diese Untersuchung vorschl&#228;gt, subsumiert die Vielfalt dieser theatralen Formen mit Verweis auf die verbindenden Spielpraktiken, die in der Tradition von Puppen- und Figurentheater stehen und entlang zentraler Charakteristika der Narration, Animation und Figuration als Grundbewegungen des Spiels aus der prozessualen Wechselwirkung von Zeichenhaftigkeit und Referenzialit&#228;t, Materialit&#228;t und Performativit&#228;t seinen Ausdruck suchen.</p>
<p>Die spielweisende Oszillation zwischen Referenzialit&#228;t, Materialit&#228;t und Performativit&#228;t erfolgt nicht nur in Bezug auf materielle Akteur:innen, sondern pr&#228;gt auch das Verh&#228;ltnis zum Text in entscheidender Weise. Bis heute werden Dramentexte und besonders auch bekannte, erfolgreiche oder geeignet erscheinende Romanvorlagen mit Mitteln des Figurentheaters inszeniert und fungieren oft als unabdinglicher Bestandteil der Spielplangestaltung fester H&#228;user, aber auch freier Gruppen. Zugleich erfolgt doch h&#228;ufig ein etwas anderer Umgang mit dem Text &#8211; n&#228;mlich als polyperspektivisch und vielseitig bespielbares Material.</p>
<p>Moderne Romantheorien definieren den Roman als &#8220;Erscheinung, die viele Stile, verschiedener Redeweisen und Stimmen umfa&#223;t.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Bachtin, 1986: 80&#8211;81</xref>) Formal kaum beschr&#228;nkt zeichnet sich der Roman grunds&#228;tzlich durch seine Verfasstheit in Prosa aus. Hinzu kommen &#8220;Komplexit&#228;t, Dynamik, Heterogenit&#228;t&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Bauer, 2005: 1</xref>) als zun&#228;chst nicht n&#228;her bestimmte Charakteristika, die aber auf die Funktionsweise des Romans als subjektive, pluralisierte Form verweisen und f&#252;r die die Auslotung dichotomer Setzungen wie Realit&#228;t und Fiktion, Wirklichkeit und Erfahrung, Innen- und Au&#223;enr&#228;ume wichtige Bezugspunkte darstellen. Dabei variieren die Bezugnahmen und Verortungen mit dem Wandel des Genres ma&#223;geblich. W&#228;hrend fr&#252;hneuzeitliche Autoren wie z.B. Laurence Sterne und Denis Diderot sowie deutsche Romantiker wie Jean Paul und Friedrich Schlegel immer wieder durch Formexperimente die Potenziale prosaischer Texte ausloteten, r&#252;ckt der Roman besonders im Laufe des 20. Jahrhunderts verst&#228;rkt von der Darstellung der Perspektive eines holistisch gedachten Subjekts ab. Inbesondere durch die Vervielf&#228;ltigung von Erz&#228;hlpositionen werden hier M&#246;glichkeiten fragmentierter und pluralisierender Perspektivierungen er&#246;ffnet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Bauer, 2005: 5&#8211;6</xref>). Speziell produktiv wird die Verbindung von Figurentheater und Text in zeitgen&#246;ssischen Romaninszenierungen, die ausgehend vom materialtheatralen Interesse an Materialit&#228;t und Performativit&#228;t dessen inszenatorisches Potenzial in der Umsetzung einer Romanvorlage produktiv machen.</p>
<p>Exemplarisch f&#252;r eine zeitgen&#246;ssische Praxis der Inszenierung von Romanvorlagen mit figurentheatralen Mitteln lassen sich die Arbeiten Katharina Kummers anf&#252;hren. Als Linguistin und an der Hochschule Ernst Busch als Puppenspielerin ausgebildet, erarbeitete sie bereits w&#228;hrend ihrer Festanstellung am Puppentheater Halle (2011&#8211;2017) erste wichtige Regiearbeiten und Urauff&#252;hrungen eigener B&#252;hnenessays, u.a. <italic>Ach und Weh &#8211; eine Liebesm&#252;llabfuhr unter Aufsicht von Elfriede Jelinek</italic> Soloperformance an der HfS Ernst-Busch Berlin 2009, <italic>wir werden alle unsre m&#252;tter</italic> (Puppentheater Halle, 2014), <italic>FUCK YOU, Eu.ro.Pa!</italic>, N. Esinencu, Maxim Gorki Theater Berlin 2015, <italic>so much pain! a bodypiece for LIZ</italic> am Theater o.N. Berlin 2021, <italic>WHAT DID YOU DO, WHEN LADY DI DIED?</italic> Am Werk X-Petersplatz, Wien 2023 sowie <italic>OPIUM</italic> am TDJW Leipzig 2024. In einer meist eng gef&#252;hrten Doppelfunktion als Autorin und Regisseurin erarbeitet sie seit 2017 freischaffend Inszenierungen, die in besonderer Weise literarische und materialtheatrale Komponenten wie Zeichen und Figur, Referenzialit&#228;t, Materialit&#228;t und Performativit&#228;t als zentrale Inszenierungsaspekte nutzen, diese &#252;bereinanderlegen, schichten, sich spiegeln lassen und entgrenzen. Ziel vorliegender Betrachtungen ist daher nicht die Analyse von Textadaptionen oder Untersuchung von Romaninszenierungen mit Puppen oder Figuren. Im Zentrum steht vielmehr die text- und inszenierungsanalytische Herausarbeitung der spezifischen Produktivit&#228;t einer Inszenierung der Romantexte mit materialtheatralen Mitteln, wie sie in der Regie Kummers stattfindet. Indem bei Kummer s&#228;mtliche Theatermittel zum einen als ebenb&#252;rtige Akteur:innen und zum anderen entlang ihrer vielf&#228;ltigen Ausdeutbarkeiten in ihrer materiellen Verfasstheit, ihrer referenziellen Funktion, in ihrer semiotischen Lesbarkeit sowie in ihrer performativen Dimension begriffen werden, entwickelt sich bereits in der Text- und &#8211; in gesteigerter Form &#8211; auch in der B&#252;hneninszenierung ein vielschichtiges Spiel der Zeichen, Materiali(t&#228;t)en, Figuren und Figurationen. Die wechselseitigen Verflechtungen werden bei Kummer nicht nur genutzt und bespielt, sondern zugleich gezeigt, medialisiert und diskursiviert und schlagen sich unter anderem in den erweiterten Konzeptionen von Figuration, Narration und Fiktionalit&#228;t nieder. Ausgehend von der Bearbeitung der literarischen Textvorlagen werden diese Aspekte im Folgenden mittels der Untersuchung konkreter Inszenierungspraktiken und Spielweisen genauer beleuchtet.</p>
<p>Daf&#252;r werden die Romanvorlagen zun&#228;chst historisch, inhaltlich und stilistisch eingeordnet. In einem zweiten Schritt folgt eine Analyse der Textarbeit Katharina Kummers entlang der der Autorin freundlicherweise von der Regisseurin bereitgestellten Textb&#252;cher. Ausgehend von Kummers spezifischem Umgang mit Semiotik und Performativit&#228;t werden anschlie&#223;end entlang dreier konkreter Aspekte materialtheatrale Strategien zur Pluralisierung narrativer Strukturen als Vervielf&#228;ltigung von Bedeutungsproduktion sowie oszillierende Figuration in Kummers B&#252;hneninszenierungen herausgearbeitet. Aspekte wie Materialit&#228;t und Fiktionalit&#228;t spielen f&#252;r die abschlie&#223;ende Skizze eines Theaters als Denkraum des (Un-)M&#246;glichen eine zentrale Rolle.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Pluralisierende Inszenierweisen bei Katharina Kummer</title>
<sec>
<title>2.1 Einordnung der Romanvorlagen und Inhaltsangabe</title>
<p>Kummers Inszenierungen von Boris Vians <italic>L&#8217;&#201;cume des Jours</italic> und Tschingis Aitmatows <italic>Djamila</italic> arbeiten mit zwei Textvorlagen, die auf sehr unterschiedliche Weise mit der Form des Romans spielen. So gilt der zu Lebzeiten wenig beachtete, aber posthum sehr popul&#228;re und vielfach &#252;bersetzte Text des Autors, Ingenieurs und Jazzmusikers Vian von 1946, ver&#246;ffentlicht 1947, als einer der wichtigsten surrealistischen Romane der Zeit. Inhaltlich lose basierend auf Erich Maria Remarques <italic>3 Kameraden</italic> (Roman, 1936) erz&#228;hlt der &#8216;<italic>Schaum</italic>&#8217; bzw. in Neu&#252;bersetzung von Frank Heibert <italic>&#8216;Gischt&#8217; der Tage</italic> die Geschichte vom wohlhabenden Dandy Colin, der mit seinem Koch Nicolas unbeschwert in einer wunderbar belebten surrealistischen Welt voller Resonanzen lebt. Mit dem Wunsch, sich zu verlieben, trifft er auf der Geburtstagsfeier eines Pudels die sch&#246;ne Chlo&#233;. Nach der schnellen und prunkvollen Hochzeit erkrankt diese noch auf der Hochzeitsreise an einem Lungenleiden, ein Lotus w&#228;chst in ihrer Brust. Die Stimmung kippt, die von Animismus gepr&#228;gte Gegenrealit&#228;t wendet sich zunehmend gegen die Protagonist:innen. Colin wendet f&#252;r den Kauf immer neuer frischer Blumen, dem einzig hoffnungsvollen Medikament, sein ganzes Verm&#246;gen auf. W&#228;hrenddessen verliert sein Freund Chick sich und all sein Geld in seiner fanatischen Bewunderung f&#252;r den mehr Nichts als Sein verhei&#223;enden Dichter Jean-Sol Partre. Chicks Verlobte Alissa versucht erfolglos, ihn und ihre Beziehung zu retten. Die zunehmende Befragung von Subjekthaftigkeit und Handlungsf&#228;higkeit der Figuren entfaltet sich durch die sprachlich sehr kunstvoll mit der normativ unbelebten Umwelt verflochtenen Dekonstruktion absichtsvollen Agierens. Am Ende steht ein Mord, die Welt schrumpft und Chlo&#233; erliegt ihrer Krankheit.</p>
<p>Die russischsprachige Novelle <italic>Dshamila</italic> des kirgisischen Autors Tschingis Torekulowitsch Aitmatow entstand als dessen Abschlusswerk <xref ref-type="bibr" rid="B2">1958</xref> am Maxim Gorki Literatur-Institut in Moskau. Vielfach &#252;bersetzt, Pflichtschullekt&#252;re in der DDR, erfolgreich verfilmt und mehrfach als H&#246;rbuch eingesprochen erfreut sich auch dieser Text gro&#223;er internationaler Beliebtheit. Erz&#228;hlt wird die Geschichte von Said, der aus der Perspektive seines 15-j&#228;hriges Selbst die Liebesgeschichte zwischen der verheirateten Djamila und dem Kriegsheimkehrer Danijar im Sommer 1943 beschreibt. W&#228;hrend ihr Ehemann Sadyk im Zweiten Weltkrieg k&#228;mpft, verliebt sich Djamila in Danijar &#8211; ein Dilemma, ein Bruch mit traditioneller Stammesordnung und sowjetischer Moral, das Said gebannt und emotional involviert verfolgt. Im Stil des sowjetischen Realismus treffen traditionelles kirgisisches Nomadentum und die Arbeit im sowjetischen Kolchos auf &#220;berlegungen zum revolution&#228;ren Potenzial der Kunst, Gesang, die Liebe zur Natur und den Sinn des Lebens.</p>
<p>Der nach dem Zweiten Weltkrieg intensiviert verhandelten Frage nach der Unm&#246;glichkeit von Realismus begegnen Vian und Aitmatow in je spezifischer Weise. Im literarischen Schreiben Vians spiegeln sich Reaktionen wie Skepsis, Ironie, Dekonstruktion, Nonsens und Selbstreferenzialit&#228;t, wohingegen Aitmatows Novelle in der Fokussierung auf Kultur, Musik und Kunst einerseits und die heimatliche Natur und Landschaft andererseits auf die Suche nach Konstanten und &#252;berdauernden Werten als Hoffnungstr&#228;ger einer Gesellschaft geht, die von Krieg und Sinnfragen gepr&#228;gt ist. Der knappen Handlung stehen in beiden Textvorlagen umso komplexere Erz&#228;hlstrukturen entgegen, die vielf&#228;ltige Themen einbinden. Vordergr&#252;ndig als Liebesgeschichte konzipiert, verhandelt <italic>Djamila</italic> die Frage nach dem Sinn des Lebens, Schicksal und Zufall vor dem Hintergrund der wirkm&#228;chtigen Natur. Sprachlich oszilliert Aitmatow zwischen Prosa und Lyrik, wobei dichte bis szenisch anmutende Passagen z.B. der Natur- oder Figurenbeschreibung die Umwelt einerseits im Sinne des Sozialistischen Realismus wirklichkeitsgetreu sprachlich abbilden und sie zugleich figurentheatral bzw. performativ gedacht in gewisser Weise lebendig werden lassen. Dagegen verlagert Vian die Erz&#228;hlung in eine surreale Welt, die von Anbeginn als belebte Umgebung und agierender Umraum vorgestellt wird, und implementiert zugleich eine metaphorische Sprache, die die Befragung von Souver&#228;nit&#228;t und Handlungsf&#228;higkeit der menschlichen Akteur:innen vorantreibt.</p>
<p>Katharina Kummers Inszenierungen <italic>Der Schaum der Tage &#8211; oder Die Lachsforelle</italic> am Puppentheater Koblenz, premiert im Herbst 2022, sowie <italic>Djamila</italic> am tjg Dresden im M&#228;rz <xref ref-type="bibr" rid="B31">2022</xref> nutzen die Textvorlagen jeweils als Grundlagen der B&#252;hnenfassungen. Umgesetzt als Theaterinszenierungen mit Mitteln des Figurentheaters unter der Regie von Katharina Kummer zeichnen sich beide Arbeiten durch ein besonderes Interesse am pluralisierenden Umgang mit Text, dem Spiel mit Zeichenhaftigkeit und der Erkundung von Subjektivit&#228;t durch vielfache Perspektivierung und Vielstimmigkeit aus. Dabei verbinden Kummers Arbeiten linguistische und materialtheatrale Mittel in Form einer grundlegenden Befragung von Bedeutungsproduktion, Handlungstr&#228;gerschaft und allgemeing&#252;ltiger Perspektivierung durch die Verlagerung der Aufmerksamkeit auf Praktiken der De/Konstruktion, Fragmentierung, Assoziation und Animation der belebten Um/Welt, der Figuration von Emotionen sowie Agency der Dinge, der Umwelt und des Materials, die sich bereits in der textuellen Bearbeitung der Romanvorlagen zur B&#252;hnentextfassung niederschl&#228;gt.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 Textarbeit / Vom Umgang mit Semiotik und Performativit&#228;t</title>
<p>&#8220;Die Welt ist nicht lesbar, aber wir m&#252;ssen gleichwohl versuchen, sie zu entziffern.&#8221; (Calvino, 1985: 11)</p>
<disp-quote>
<p>In ihren Texten und Inszenierungen entwickelt Katharina Kummer eine Theatersprache, die stark von einem <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://de.wikipedia.org/wiki/Animismus">animistischen</ext-link> Weltverst&#228;ndnis und einer eigenen Auslegung ihres Metiers, dem Puppen-, Figuren- und Objekttheater gepr&#228;gt ist. Als Linguistin spielt sie mit drastischen Verschiebungen vertrauter Ordnungsmuster und [erzeugt] Erfahrungen, die dessen Begriffswelt und Wahrnehmungsgewohnheiten herausfordern und transformieren. Die vielstimmigen, intertextuellen Collagen kennzeichnet eine Mischung aus sorgf&#228;ltig recherchierter essayistischer Reflexion und lebendigem Bezug auf Spektakel, Zirkus und Ritual (Website 1).</p>
</disp-quote>
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<caption>
<p><bold>Figure 1:</bold> Screenshot aus <italic>Djamila</italic>, Textfassung: Katharina Kummer 2021.</p>
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</fig>
<p>Die Textb&#252;cher Katharina Kummers zeigen bunte Seiten, unterschiedliche Schriftarten und -gr&#246;&#223;en, Emojis und Grafiken verdeutlichen Kummers Arbeitsweise. Im Collagenprinzip verschneidet sie Textvorlage mit eigenen Texten, bindet Fremdtexte sowie Interviews mit ein, &#252;berschreibt ganze Passagen und &#252;bertr&#228;gt Originaltexte in neue Formen, die an Elfriede Jelineks postdramatische Textfl&#228;chen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Jahnke, 2013</xref>) erinnern. Besonderes Gewicht f&#228;llt den in der Textfassung vielfach impliziten Spielanweisungen zu. Mal in Form ausformulierter Regieanweisungen, mal durch farbliche Markierung hervorgehoben, sortieren sie den Text bereits im Lesen um und verweisen mittels Praktiken der Zergliederung, Montage und Anordnung, Farbgebung, Vergr&#246;&#223;erung und Typisierung, aber auch Stimmzuweisung und Lesef&#252;hrung auf die Materialit&#228;t des Textes selbst. Zum anderen geben sie Hinweise auf die B&#252;hnenumsetzung, indem sie die den Text beispielsweise bestimmten Sprecher:innen zuordnen oder als Spielregeln fungieren, die f&#252;r das B&#252;hnengeschehen gelten.</p>
<fig id="F2">
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<p><bold>Figure 2:</bold> Screenshot aus <italic>Djamila</italic>, Textfassung: Katharina Kummer 2021.</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-2-20095-g2.png"/>
</fig>
<p>Aus diesen Verfahren entsteht eine &#8220;Partitur aus Texten und Zitaten&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Kummer, upcoming</xref>), die sich in ihrer bildlichen Funktionsweise als performatives Spiel mit logozentrischer Sinnproduktion und Referenzialit&#228;t sowie dekonstruktivem Verweis und materieller Situiertheit begreifen l&#228;sst. Mit Bormann nimmt Performativit&#228;t &#8220;[i]n Abgrenzung zur Orientierung am Modell des Texts (verstanden als stabiles, logozentrisch orientiertes und hermeneutisch erschlie&#223;bares System der Zeichen und Codes) Prozessualit&#228;t und Ereignishaftigkeit, Materialit&#228;t und die Intermedialit&#228;t von Kultur und Kommunikation in den Blick&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Bormann, 2023: 133</xref>). Mittels Praktiken der Wiederholung und Verschiebung, in Wortspielen, semantischen Feldern und durch die Verschneidung unterschiedlicher textueller Materialien macht der Text seine Konstruiertheit sichtbar und er&#246;ffnet M&#246;glichkeitsr&#228;ume der Be- und Ausdeutung der vorgestellten Zeichen. Im Spiel mit strukturalistischer und semiotischer Ausdeutbarkeit von Zeichen, die f&#252;r theaterwissenschaftliche Theoriebildung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B15">Fischer-Lichte, 1983</xref>) entsprechend produktiv gemacht wurden, verweist er auf die Funktionsweise sprachlicher Konvention als normierte und normierende Referenzialit&#228;t des Oder auch, Vielleicht und Noch nicht. Die Gleichzeitigkeit vielf&#228;ltiger, einander auch widersprechender Sprachverwendungen macht Kummers Interesse an Vorg&#228;ngen linguistischer Ausdeutbarkeit von Text und sprachlichem Zeichen als erste Ebene der Inszenierung deutlich sichtbar. Bestehend aus vielf&#228;ltig perspektivierbaren Zeichen wird der Text zugleich selbst als Zeichen begriffen und von seiner referenziellen Funktion gel&#246;st, indem die materielle Verfasstheit, Situiertheit und performative Dimension des Zeichens als einander bedingende fortlaufende Prozesse stets mitgedacht werden. In der gestalterischen Umsetzung und Inszenierung mit figurentheatralen Mitteln, beschrieben z.B. bei Larroche durch die Auffassung vom &#8220;Faden der Schrift [als] eine Linie&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Larroche, 2000: 88</xref>), werden Logiken des Semiotischen aufgegriffen und zugleich aufgesprengt. Dabei wird die Zeichenhaftigkeit in der Materialit&#228;t der Figur keineswegs auf- oder abgel&#246;st. Referenzialit&#228;t und Materialit&#228;t stehen vielmehr als performative Inszenierungspraktiken in einem oszillierenden Wechselverh&#228;ltnis und werden zur Grundlage performativer Spielvorg&#228;nge. So erscheint Text bei Kummer im haptischen Spiel mit Dekonstruktion, Fragmentierung und Sinnverschiebung als System von Differenzen, das im Sinne einer poststrukturalistischen Lesart die Wirklichkeit entwirft &#8211; und performativ inszenatorische Vorg&#228;nge vorschl&#228;gt &#8211;, ohne jemals in &#220;bereinstimmung mit ihr gelangen zu k&#246;nnen. Vielmehr nutzt Kummer die &#8220;Eigenart der Schrift, &#252;ber die lineare Sukzession der Geschichte hinaus in Gewebe von Querbez&#252;gen, R&#252;ckverweisen und Vorausdeutungen zu entfalten&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Bauer, 2005: 6</xref>) als Grundlage f&#252;r eine Praxis nicht nur der Textbearbeitung, sondern auch der Inszenierungsarbeit, die linguistische und materialtheatrale Praktiken zusammendenkt. Begreift Kummer &#8220;Puppentheater als Linguistik auf der B&#252;hne (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Achatz, 2019</xref>), verweist sie damit sehr treffend auf die performative Dimension des Textes als &#8220;ein tanzender K&#246;rper&#8221; (Kummer, 2025), der M&#246;glichkeiten zur B&#252;hneninszenierung des Textmaterials vorauswirft.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.3 Narration / Pluralisierung der Erz&#228;hlperspektive</title>
<p>Diente im 18. Jahrhundert &#8220;die prosaisch gewordene Welt [&#8230;] [als] Ausgangspunkt&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Bode, 2011: 61</xref>) des Romans, dessen Ziel die Fingierung von Totalit&#228;t durch die Darstellung einer von Kausalit&#228;t und Wahrscheinlichkeit logisch verkn&#252;pften Handlung war, spiegelt der Roman des 20. Jahrhunderts zunehmend eine von Krieg, Industrialisierung, Pluralisierung und Entfremdung gepr&#228;gte Gegenwart, in der das Individuum nicht l&#228;nger als geschlossenes, souver&#228;nes Selbst erscheint. Angesichts einer unm&#246;glich gewordenen holistischen Narration nach 1945 treten bei Vian Skepsis, Ironie und Nonsens ins Feld, w&#228;hrend Aitmatow sich an einer Art dekonstruktiven Hyperaffirmation der Wirklichkeit abarbeitet. Gemein ist den Romanen die Verlagerung der Aufmerksamkeit auf das Innenleben der Figuren, das sich in der Interaktion mit der Au&#223;enwelt spiegelt. Die Fokussierung auf innere Vorg&#228;nge und Auseinandersetzung mit der Subjektivit&#228;t des empfindenden Selbst findet in der materialtheatralen Inszenierung Kummers mehrere Entsprechungen.</p>
<fig id="F3">
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<p><bold>Figure 3:</bold> Screenshot aus <italic>Djamila</italic>, Textfassung: Katharina Kummer 2021.</p>
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<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-2-20095-g3.png"/>
</fig>
<p>Zun&#228;chst entfalten sich Kummers Romanumsetzungen in der theatralen Struktur als subjektiver Experimentierraum. In Form eines grundlegend dialogischen Settings kommen anstelle einer auktorialen Erz&#228;hlinstanz unterschiedliche und zum Teil subversive Perspektiven zur Sprache (Vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Bachtin, 1979</xref>). Ausgehend vom entgrenzten Figurenverzeichnis im Skript Kummers wird so der Sprechanteil der Hauptfigur Colin in der B&#252;hnenumsetzung auf die Stimmen dreier Performer:innen aufgeteilt. Die Rede von Chlo&#233; wird chorisch vorgetragen, wohingegen eine Performer:in, figuriert als &#8220;Seerose&#8221;, &#8220;schweigend und nur mit einem L&#228;cheln&#8221; sprachlos bleibt.</p>
<p>Durch die Er&#246;ffnung eines Nebenschauplatzes &#8211; dem Kampf um die Hauptrolle &#8211; wird zudem von Anbeginn die Struktur des Romans und seiner Handlung im B&#252;hnengeschehen befragt.</p>
<fig id="F4">
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<p><bold>Figure 4:</bold> Screenshot aus <italic>Djamila</italic>, Textfassung: Katharina Kummer 2021.</p>
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<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-2-20095-g4.png"/>
</fig>
<p>Deutlich st&#228;rker in den Originaltext eingreifend erscheint die Erz&#228;hlperspektive der Textfassung von <italic>Djamila</italic> in &#228;hnlicher Weise gezielt pluralisiert. Techniken wie Mehrstimmigkeit, Gesang, Chorisches Sprechen und Fetzenrede kommen zum Einsatz, aber auch aktives Aushandeln, Einmischen und Diskutieren der Perspektiven und Haltungen erz&#228;hlender Figuren die lineare Narration aufbrechen. Analog zu Aitmatows Vorlage erscheint in Kummers Textfassung zun&#228;chst Said als gealterter Mann als Haupterz&#228;hler, der das B&#252;hnengeschehen vor der vierten Wand als eine Art Off-Stimme im direkten Kontakt mit dem Publikum vorstellt. Zum Ende seiner Vorrede tritt er mit gro&#223;er Geste auf die B&#252;hne, nicht ohne dem Publikum verschw&#246;rerisch zuzuwispern: &#8220;Ich werde mich nun in das Geschehen mischen.&#8221; Anders als in Aitmatows zumindest formal ungebrochenen Erz&#228;hlperspektive involvieren sich bei Kummer im Laufe der Handlung zunehmend auch die anderen Akteur:innen. Sie bezweifeln die Darstellungsweise der Erz&#228;hlerfigur und selbst das j&#252;ngere Alter Ego ist mit der Perspektive des gealterten Said nicht immer einverstanden. Abwechselnd durchbrechen verschiedene Figuren die Struktur der als klassisches Drama aufgebauten Inszenierung, indem sie die Szene im &#8220;Freeze&#8221; versteinern lassen, den B&#252;hnenraum verlassen, in grellen Lichtwechseln Exkurse einbinden und als prosaische Erz&#228;hlinstanz oder rotzige Kommentarstimme das Geschehen erl&#228;utern. Besonders ausschlaggebend, bedenkt man die Sprachlosigkeit Djamilas in Aitmatows Romanvorlage, ist die Emanzipation der titelgebenden Hauptfigur selbst. Auf eine abf&#228;llige Bemerkung hin erhebt Djamila ihre Stimme und verk&#252;ndet: &#8220;Ich &#252;bernehme jetzt auch mit die Story.&#8221;</p>
<fig id="F5">
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<p><bold>Figure 5:</bold> Screenshot aus <italic>Djamila</italic>, Textfassung: Katharina Kummer 2021.</p>
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<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-2-20095-g5.png"/>
</fig>
<p>Beide Inszenierungen spielen in hohem Ma&#223;e mit Form und Autorit&#228;t der Erz&#228;hlinstanz, indem das theatrale Setting selbst zum Mittel der Befragung wird. So rei&#223;en die Figuren nicht nur die zu Beginn proklamierte vierte Wand ein, sondern erobern zunehmend auch B&#252;hnen- und Zuschauer:innenraum. Mittels Videoprojektionen werden von Anfang an vom Erz&#228;hler semantisierte R&#228;ume mit den Ausdeutungen anderer Figuren &#252;berschrieben, sodass sich unterschiedliche Wahrnehmungen der Erz&#228;hlung &#252;berlagern &#8211; und es dem Publikum selbst &#252;berlassen bleibt, welche Sicht es einnehmen m&#246;chte. In &#228;hnlicher Weise l&#228;sst sich Vians Erz&#228;hlinstanz zun&#228;chst als auktorialer, omnipr&#228;senter und allwissender Erz&#228;hler, zumindest im fiktionalen Rahmen der surrealistischen Welt, anf&#252;hren, dessen Glaubw&#252;rdigkeit im Verlauf der Handlung der Textvorlage jedoch br&#252;chig wird. Traditionelle narratologische Erz&#228;hltheorien (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Stanzel, 1982</xref>) unterlaufend spielen diese vielf&#228;ltigen Oszillationen von Rolle, Sprechposition und Fokalisierung mit den (Un-)M&#246;glichkeiten von Zuschreibbarkeit und Fixierbarkeit von Perspektivierung. Die in unterschiedlichen Romantheorien grundlegend beschriebene &#8220;Mittelbarkeit jeder narrativen Gestaltung&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Bauer, 2005: 86</xref>) wird bei Kummer zum inszenatorischen Prinzip, das sich in <italic>Der Schaum der Tage</italic> im B&#252;hnenbild als vielseitig aufbau- und einst&#252;rzbares Bausteinprinzip widerspiegelt und sich schlie&#223;lich in der Vorstellung der Maus als eigentlicher Erz&#228;hlfigur wieder mit Vians Textgrundlage trifft. Romantheoretische Instanzen des Zeigens und des Erz&#228;hlens werden probeweise voneinander abgegrenzt, um im n&#228;chsten Moment in eins zu fallen und schlie&#223;lich die Rollen zu tauschen, sodass die Inszenierungen Kummers sich zugleich auch als Aushandlung linguistischer und literaturwissenschaftlicher Methoden der Romananalyse, d.h. als Spiel mit Erz&#228;hlinstanzen, Perspektive, Fokalisierung und Narration begreifen lassen.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.4 Praktiken der In-Szenierung / Von der Materialit&#228;t des Romans zur Materialit&#228;t der B&#252;hne</title>
<p>&#8220;Das Theater ist der Ort, an dem der Zuschauer den Zeichen, die offen sind f&#252;r alle Deutungen, eine Gestalt gibt.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Eruli, 2000: 31</xref>) Als Ort der Gestaltnahme vielf&#228;ltig perspektivierbarer Zeichen entfaltet sich der theatrale Rahmen als Raum vielf&#228;ltiger Bedeutungsproduktion. &#196;hnlich wie Bode f&#252;r den neuzeitlichen Roman konstatiert, der &#8220;nicht darauf angelegt sei, Sinn zur Verf&#252;gung zu stellen, [&#8230;], sondern darauf, M&#246;glichkeiten der Sinn-Erzeugung zu thematisieren&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Bode, 2011: 68</xref>), kann hier allerdings keineswegs von monokausalen, linearen und eindeutigen Bedeutungszuweisungen gesprochen werden. Im Kontext materialtheatraler Praktiken kommen Ans&#228;tze semiotischen Ausdeutens, hermeneutischen Interpretierens und logischen Begreifens haptisch an ihre Grenzen, wie Markus Joss sehr anschaulich beschreibt:</p>
<disp-quote>
<p>Der_die Spieler_in organisiert sich und sein_ihr Material hinsichtlich einer gewissen Lesbarkeit. Was getan wird, hat Zweck und Ziel. Hier wird nahezu alles zum Zeichen. Und m&#252;hevoll genug, hier alles zum Zeichen werden zu lassen. Doch was die Grundbedingung des Lesbaren ist &#8211; das Zeichenhafte &#8211; wird zur Falle (Joss, 2020: 234).</p>
</disp-quote>
<p>Im Spiel mit Puppen, Figuren und anderen nicht-menschlichen Akteur:innen &#8220;setzt sich das Material performativ zur Wehr. So gro&#223; das Bem&#252;hen um Kontrolle ist, es gelingt nicht durchgehend.&#8221; (Joss, 2020: 235) Joss bezeichnet dies als &#8220;Bastardisierung. W&#228;hrend im Konzept der gr&#246;&#223;tm&#246;glichen Illusion das Nichtgelingen ebendieser Illusion der Makel ist, wird sie in Konzepten, wo dies absichtsvoll akzeptiert oder gar bef&#246;rdert wird, zum Interpretationsraum, der sich zu den Zuschauer_innen hin &#246;ffnet.&#8221; (Joss, 2020: 235) Der Illusionsbruch zieht sich als Praxis zur Er&#246;ffnung von M&#246;glichkeitsr&#228;umen genrespezifisch durch die Geschichte des Puppenspiels bis in die seine vielf&#228;ltigen Genreausdifferenzierungen der Gegenwart. Ob im verdeckten illusionistischen Spiel mit Puppe oder im Kontext gewollter K&#252;nstlichkeit, unter avantgardistischen Einfl&#252;ssen und der Neuentdeckung der Puppe in den Bildenden K&#252;nsten: die Frage nach Manipulation und Illusion(sbruch) war und ist als &#8220;Ziel und [&#8230;] Hingucker&#8221; (Joss, 2020: 235) von Bedeutung, denn &#8220;die K&#252;nstlichkeit des Materials, so beherrschbar es gehalten war, vermochte nie ganz das zu erreichen, auf das es verwies.&#8221; (Joss, 2020: 235) In der Entwicklung hin zum offenen Spiel erf&#228;hrt dieses Verh&#228;ltnis im Kontext materialtheatraler Formen seit Mitte der 1980er Jahre eine neue Produktivit&#228;t. In der Abkehr von verk&#246;rpernder Repr&#228;sentation treten performative Spielweisen in den Vordergrund, die vielmehr den Bruch des Referenziellen bespielen. Dabei kommt dem Aspekt der Materialit&#228;t eine besondere Funktion zu: &#8220;Der Begriff M[aterialit&#228;t] bezieht sich, im Unterschied zum Begriff des Materials, nicht auf die allg. Charakteristik der f&#252;r eine Inszenierung ausgew&#228;hlten Theatermittel, sondern auf ihre spezifische Verwendung und Wahrnehmung im Prozess der Auff&#252;hrung.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B29">Schouten, 2005: 194</xref>) Aus dieser Definition folgert Schouten:</p>
<disp-quote>
<p>Dabei steht die M. etwa eines wahrgenommenen Gegenstandes, K&#246;rpers oder Ger&#228;usches stets in einem Spannungsverh&#228;ltnis zu seiner Referentialit&#228;t. Im Unterschied zur Referentialit&#228;t eines als Zeichentr&#228;ger fungierenden Objektes beschreibt der Begriff der M. demnach die Erscheinung und Wirkung des Objekts im Moment seiner sinnlichen Perzeption (<xref ref-type="bibr" rid="B29">Schouten, 2005: 194</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>&#8220;Der Begriff der M. bezieht sich somit auf die performative Dimension (Performativit&#228;t) der Gegenstandswahrnehmung&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B29">Schouten, 2005: 194&#8211;195</xref>). Die im Konzept des Performativen wirksamen Wechselwirkungen zwischen Referenzialit&#228;t und Materialit&#228;t lassen sich in Kummers Inszenierungen als spielweisendes Prinzip entlang konkreter theatraler Elemente skizzieren.</p>
<sec>
<title>2.4.1 Sprache und Stimme</title>
<p>Ein erster Aspekt, der in beiden Inszenierungen die Oszillation zwischen Referenzialit&#228;t und Materialit&#228;t deutlich werden l&#228;sst, ist der Umgang mit Sprache und Stimme.</p>
<p>Die Multiperspektivit&#228;t der Erz&#228;hlperspektiven haptisch werden lassend &#252;bertr&#228;gt Kummers <italic>Djamila</italic> die im Original univok erz&#228;hlte polyphone Sprachverwendung durch zeitgen&#246;ssische Jugendkultur und -sprache und spielt in besonderer Weise mit den Registern von Slang, Chatsprech, lyrischem Vortrag und poetischer Sprachverwendung. Bachtin beschreibt die &#8220;k&#252;nstlerisch organisierte Vielfalt sozialer Redeweisen &#8211; bisweilen auch eine Vielfalt von Sprachen &#8211; und individuellen Stimmen&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Bachtin, 1986: 81</xref>) als romantypische Orchestrierung &#8220;alle[r] seine[r] Themen, [der] ganze[n] von ihm dargestellte[n] und ausgedr&#252;ckte[n] gegenst&#228;ndlich-sinnhaltige[n] Welt&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Bachtin, 1986: 81</xref>). In der Stimm- und Sprachvielfalt, die durch den russischsprachigen Chor noch eine zus&#228;tzliche Ebene erh&#228;lt, materialisieren sich unterschiedliche Milieus, Erfahrungen und Positionierungen und bewirken einen erz&#228;hlerischen Transfer des Stoffes in die Gegenwart. Zugleich werden Bedeutung und Referenzialit&#228;t von Fremdsprachlichkeit bereits in Kummers Auflistung der verwendeten, u.a. fiktionalen Sprachen entgrenzt.</p>
<fig id="F6">
<caption>
<p><bold>Figure 6:</bold> Screenshot aus <italic>Djamila</italic>, Textfassung: Katharina Kummer 2021.</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-2-20095-g6.png"/>
</fig>
<p>In der B&#252;hnenumsetzung <italic>Der Schaum der Tage</italic> werden die sprachlichen Zeichen auf der Ebene des Stimmlichen zudem radikal verschoben. In der theatralen Umsetzung des Textes durch k&#252;nstlerische Mittel &#8211; Nachsp&#252;ren der Worte, Dehnen der Silben bis ins Unverst&#228;ndliche, &#252;berdeutliches Aus-Sprechen, Nach-Sprechen, Betonen und sinnzersetzendes Ar-ti-ku-lieren und besonders im Einsatz einander &#252;berlagernder (Sprech-)ges&#228;nge &#8211; l&#246;st sich der Fokus der Wahrnehmung von der Referenzialit&#228;t der Sprache. Indem die Materialit&#228;t des Sprechens im Hervortreten der Stimme, gerade auch durch die Artifizialit&#228;t des artikulierenden Ausdrucks immer wieder zum Ausdruck kommt, l&#246;st sich das sprachliche Zeichen vom Bedeuteten, verweist auf Konvention und Arbitrarit&#228;t dieser Verkn&#252;pfung. Vor diesem Hintergrund l&#228;sst sich die Abkehr vom Primat der Sprache als zentrale materialtheatrale Praxis begreifen.</p>
<disp-quote>
<p>Nachdem man Jahrhunderte lang die Puppe mit Herablassung als einen unvollst&#228;ndigen Schauspieler betrachtet hat, der der Sprache nicht m&#228;chtig ist, hat der menschliche Schauspieler schlie&#223;lich die Wichtigkeit der stimmlichen Deformation erkannt. [&#8230;] Er hat gelernt, Schweigen auszudr&#252;cken, erfindet verzerrte Laute, spielt mit Aufzeichnungen seiner Stimme und n&#228;hert sich auf diese Weise mehr und mehr der Puppe an, dem stummen Schauspieler, dessen Stimme stets von einem anderen Teil der B&#252;hne kommt, dessen Lebensenergie stets einem anderen K&#246;rper, einer anderen Materie entstammt (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Eruli, 2000: 33</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Der Verweis auf die Stimmgabe, die Erz&#228;hlinstanz bzw. die Spieler:in als erm&#228;chtigende Position ist eine Parallele, die sich aus einer solchen Perspektivierung zwischen Roman und Figurentheater ziehen l&#228;sst und der wiederum eine Br&#252;cke zu unter 2 angestellten &#220;berlegungen zur Entgrenzung der Erz&#228;hlposition schl&#228;gt. Ein zweiter Effekt ist die Dehierarchisierung zwischen menschlichen und dinglichen Akteur:innen: &#8220;In eine Leinwand verwandelt, eine Fl&#228;che f&#252;r unterschiedliche Projektionen, die seine Oberfl&#228;che kreuzen, hat der Schauspieler den Rhythmus der theatralen Rede verlassen.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Eruli, 2000: 33</xref>) Selbst als Zeichen und Bezeichnetes beschreibbar, semiotisch ausdeutbar, materiell verfasst, situiert, kontextgebunden und leiblich verhaftet, l&#246;sen sich Spielerk&#246;rper und Stimme von ihrer konventionalisierten Erhabenheit und werden selbst zum theatralen Element und letztlich Spielmaterial unter anderen.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.4.2 Dinge Objekte K&#246;rper Figuren</title>
<p>Die Gleichwertigkeit der B&#252;hnenelemente ist in <italic>Der Schaum der Tage</italic> besonders augenf&#228;llig. Vians sprachliche Ausgestaltung des Romans bietet entlang bildhafter surrealistischer Schilderungen sowie Neologismen eine sehr reichhaltige Vorlage f&#252;r Kummers Inszenierungsarbeit mit figurentheatralen Mitteln. Im Umgang mit der Textvorlage nutzt Kummer diese f&#252;r vielf&#228;ltige Umsetzungen, die zum Teil illustrativ funktionieren, dann wieder gegenl&#228;ufig, widerspr&#252;chlich, bestimmte Aspekte hervorheben, Materialit&#228;ten und Zeichenhaftigkeiten betonen und wieder andere in den Hintergrund treten lassen. Einzelne Vorg&#228;nge erhalten anhand des parallel gesprochenen Textes ihre Konturierung, wenn z.B. die gekippte K&#246;rperhaltung einer Spielerin Colins &#8220;schr&#228;g geschnittenen Augenlider&#8221; visualisiert. Das Entweichen von Luft aus Ballons wird mit dem &#252;beraus intentional dargestellten Zur&#252;ckziehen der Pickel assoziiert und die syn&#228;sthetische Wahrnehmbarkeit des Klavierspiels erfolgt durch ein Tastenband, das bewegt wird. Das Zusammenspiel unterschiedlicher Vorg&#228;nge wie Animation, narrativer Bespielung und Verweis auf die Materialit&#228;t des Akteurs erzeugt vom ersten Moment der Inszenierung an den Eindruck einer belebten Umwelt, auf die das folgende Kapitel 3.3 genauer eingeht.</p>
<p>Die Vor-Stellung der Performativit&#228;t sprachlicher Zeichen durch materielle und gleichzeitig vorgebrachte funktionale Pr&#228;senz der Textebene findet im Konzept der Figur oder Figuration eine produktive Entsprechung. So unterscheidet Ernst f&#252;r die Theater- und Tanzforschung grunds&#228;tzlich zwei Grundprinzipien des Begriffs &#8216;Figur&#8217;:</p>
<disp-quote>
<p>Ein ausgreifender kunsttheoretischer Ansatz fasst Figur/Figuration als ein dynamisches aisthetisches Geschehen auf, wobei performancetheoretisch vorgeschlagen wurde, Figur als Szene zu definieren (Brandstetter/Peters. 2002). In diesem Sinne meint Figur immer sowohl einen offenen Vorgang als auch dessen theoretische Reflexion (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Ernst, 2023: 97</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Im Folgenden bezieht Ernst sich auf Pfisters narratologischen Ansatz, der die wechselseitige Hervorbringung von Handlung und Figur betont, und differenziert weiterf&#252;hrende Figur-Begriffe, die den Terminus gestalttheoretisch, auff&#252;hrungsanalytisch, rhetorisch und strukturalistisch fassen. Abschlie&#223;end erw&#228;hnt er in einem kurzen Nebensatz das h&#228;ufige Unber&#252;cksichtigtbleiben theatraler Formen, &#8220;in denen nicht-linguistische Zeichen dominieren, wie etwa das Schattentheater, das Materialtheater.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Ernst, 2023: 98</xref>) F&#252;r vorliegende Untersuchungen ergibt sich heraus eine besondere Spannung, da der vielfach ausdeutbare Begriff der Figur, den Ernst f&#252;r eine vorl&#228;ufige Arbeitshypothese in drei Kategorien untergliedert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Ernst, 2023: 100&#8211;101</xref>), in den linguistisch und materialtheatral agierenden Inszenierpraktiken Kummers tats&#228;chlich als performative Mehrdimensionierung von Zeichenhaftigkeit sowie Materialisierung von und Bedingung f&#252;r Wahrnehmung beschrieben werden kann:</p>
<disp-quote>
<p>Auf einer epistemischen Ebene angeordnet, erm&#246;glicht die Figur vielmehr die begriffliche Durchdringung, die Wahrnehmung und den Vollzug der Szene, da sie vorg&#228;ngig ist. Eine Kritik der Wahrnehmung szenischer Darstellungen muss nach dieser Auffassung gerade die Differenz von Begriff und Anschauung produktiv machen (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Ernst, 2023: 101</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Die im Konzept der Figur enthaltene Verweisstruktur entfaltet sich bei Kummer in ein Spiel mit Be-Deutungen, Rollenwechsel und Verschiebungskaskaden. Neben dem Einsatz unterschiedlicher Hand-, Faden und Gliederpuppen, die immer wieder mittels Techniken der Animation konkrete Rollen &#252;bernehmen und eine drittelgro&#223;e Stoffgliederpuppe als Chick auftritt, nutzt Kummer weitere Verk&#246;rperungen, die situative Illusion und Momente des Repr&#228;sentativen sofort wieder brechen. So erscheint Nicolas in Form einer gefr&#228;&#223;igen Raupe &#8211; oder tritt als Lebensmittel auf. Der Wechsel zwischen Figurationen wird besonders deutlich im Auftritt des Arztes in Art einer pars-pro-toto-Verk&#246;rperung, illustriert durch eine Spielerin auf einem H&#252;pfball. Im Anschluss wird die Rolle von einer Handpuppe &#252;bernommen, w&#228;hrend die Spielerin zum Objekt wird, das dann wiederum von der Pistole getroffen umf&#228;llt und den Effekt des Schie&#223;ens sichtbar werden l&#228;sst. Dabei entspricht die sichtbare Aufgliederung und Zusammensetzung in Bewegungsfigur, Rolle, Puppe, Spieler:in, usf. der sehr sprachlichen Herangehensweise der Inszenierungsarbeit, die das Spiel mit Referenzialit&#228;t bis zum &#196;u&#223;ersten treibt. Praktiken der &#220;ber-Setzung, des Be-Deutungstransfers, der Fragmentierung und Konfiguration, offenes Spiel sowie das Ausstellen der Funktionsweisen von Materialit&#228;t und das damit einhergehende Oszillieren zwischen Subjekt- und Objektstatus finden hier eine interessante Einsatzweise. Die Spieler:in kann &#8220;das Bild verlassen&#8221; (nur Manipulator) oder &#8220;beides geschickt vereinen, gleichsam wie ein Ding unter den anderen erscheinen, wie in der sogenannten offenen Spielweise des &#246;fteren zu sehen.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Kavrakova-Lorenz, 2000: 72</xref>) Sowohl in Kummers <italic>Schaum der Tage</italic> wie auch in <italic>Djamila</italic> ziehen sich figurentheatrale Formen der performativen Verdoppelung, Schichtung und &#220;berlagerung von Zeichen, Bedeutungstransfer und Zergliederung durch. So erm&#246;glichen riesige Papp-Memes der Gesichter der Spieler:innen die Mehrfachbespielung einzelner Figuren, Videoprojektionen lassen Orte &#252;bereinander gleiten und dazwischen taucht immer mal wieder ein Huhn in unterschiedlichen Stadien auf, mal als Ganzk&#246;rpermaske, dann als Ei, schlie&#223;lich als Pappfigur. Das f&#252;r die B&#252;hne hergestellte Material wird &#8211; durch &#8220;die surrealistische &#196;sthetik der Collage und der spielerischen oder unerwarteten Verfremdung des Objekts&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Eruli, 2000: 30</xref>), zum Beispiel durch Praktiken der Animation &#8211; (sichtbar) vom Objekt- in den Subjektstatus geleitet, es befragt die Position des (menschlichen) Gegen&#252;ber, vermag m&#246;glicherweise seine Belebung punktuell auszudehnen, indem es sich auf die Umwelt, andere Objekte, nicht-anthropomorphe Figuren auswirkt, seine Position zur Spieler:in befragt und im n&#228;chsten Moment wieder auf die eigene Materialit&#228;t und ontologische Zuschreibung zur&#252;ckgeworfen wird: &#8220;Die Dinge auf der B&#252;hne befreien sich von dem, worauf sie verweisen, sie werden br&#252;chig, legen ihre Konstruktion blo&#223; und betonen ihre materielle Bedingtheit.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Joss, 2016: 191</xref>)</p>
<p>Interessant ist au&#223;erdem der Einsatz von Dingsymbolen, der in der Textvorlage angelegt ist, in der Inszenierung aber vielfach noch ausgebaut wird, indem die spezifischen Funktionsweisen der eingesetzten Objekte und Materialien ebenfalls bespielt werden. So symbolisiert ein riesiger wei&#223;er Gummihandschuh den Schriftsteller Jean-Sol Partre. W&#228;hrend dessen Rede wird er mit Luft aufgepustet, viele kleine Handschuhe flankieren die Szene. Als die Luft entweicht, wird spielerisch sehr deutlich, dass dieser Auftritt im Folgenden &#252;bel enden wird. In &#228;hnlicher Weise taucht immer wieder Schnee und K&#228;lte in verschiedenen Aggregatszust&#228;nden sprachlich und/oder materialisiert auf und fungiert als Vorbote von Chlo&#233;s Krankheit. &#8220;Die Dinge haben einen Weg gefunden, der ihnen langweilig gewordenen Dialektik des Sinns und der Bedeutungen zu entfliehen: sie wuchern bis ins Unendliche, potenzieren sich und &#252;bersteigern ihr eigenes Wesen bis ins Extrem, bis hin zu einer Obsz&#246;nit&#228;t, die von nun an zu ihrer inneren Zweckbestimmung und unvern&#252;nftigen Vernunft wird.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Baudrillard, 1985: 7</xref>)</p>
</sec>
<sec>
<title>2.4.3 Umwelt</title>
<p>Ein dritter Aspekt, der das Spiel mit Referenzialit&#228;t und Materialit&#228;t performativ erlebbar werden l&#228;sst, ist der Umgang mit der Umwelt als das Geschehen umgebende Welt. In beiden Textvorlagen kommt der Umwelt eine besondere narrative Funktion zu, die Kummer mittels materialtheatraler Praktiken &#8220;als Welt des Puppentheaters&#8221; inszeniert, d.h. als &#8220;eine beseelte Welt, in der nicht nur Menschen leben, sondern every-body, jeder K&#246;rper, alles Seiende.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Kummer, Upcoming</xref>)</p>
<p>Eine hervorstechende Besonderheit von Vians <italic>Der Schaum der Tage</italic> ist die spezifische Ausgestaltung der Lebenswirklichkeit. Die Handlung spielt in einer surrealen r&#228;umlichen Welt, die vollends belebt ist. Gef&#252;hle spiegeln sich in der Umwelt, belebte und unbelebte Natur korrespondieren miteinander, alle Aspekte der Umgebung werden als mindestens resonierende, z.T. auch aktiv handelnde Akteur:innen pr&#228;sentiert: &#8220;Die K&#252;chenm&#228;use tanzten gern zum Klang der auf die Wasserh&#228;hne prallenden Sonnenstrahlen und rannten hinter den K&#252;gelchen her, zu denen die Sonnenstrahlen am Boden zerschellten, als w&#228;ren sie gelbe Quecksilberfont&#228;nen.&#8221; (Vian, 1957: 9) In Kummers Inszenierung spiegelt sich diese Struktur im B&#252;hnenbild aus quadratischen W&#252;rfelelementen, dessen Hintergrund ein Sch&#228;fchenwolkenhimmel bildet. Im Zentrum der Spielfl&#228;che steht ein Klavier. Inhaltlich Colins &#8216;Drinkklavier&#8217; vorstellend fungiert das Instrument vielseitig als Ausgangspunkt von T&#246;nen, Gesang, Klang und Klangfarbe, aber auch als aktiver Gegenstand, der inmitten einer potenziell unendlich belebten Umgebung steht. Im Verlauf der Handlung verflechten sich die unbelebten B&#252;hnenelemente zunehmend mit den menschlichen Akteur:innen, reagieren auf Emotionen, Geschehnisse oder Ansprache zum Beispiel mit Erzittern oder st&#252;rzen gar in sich zusammen.</p>
<p>Im Verlauf der absteigenden Handlung in <italic>Der Schaum der Tage</italic>, die in der Katastrophe m&#252;ndet, zunehmend die Handlungsf&#228;higkeit der Subjekte in Frage gestellt wird, erscheint die Umwelt als korrespondierende Verr&#228;umlichung des Schicksals, die W&#228;nde ziehen sich zusammen, die Farben verlieren ihre Leuchtkraft, wie Colin zu Ende des Romans feststellt. In <italic>Djamila</italic> hingegen erscheint die belebte Natur als eigentliche Akteur:in, die vor dem Hintergrund von Industrialisierungs- und Kapitalismuskritik als zentrales Ereignis die Geschicke lenkt. Als Referenz an den f&#252;r Aitmatows Schaffen bis in die 1970er Jahre kennzeichnenden sozialistischen Realismus l&#228;sst sich die naturalistisch gemalte B&#252;hnenr&#252;ckwand lesen, die Wald, Fl&#252;sschen und im Vordergrund einen Campingstuhl zeigt, verweist sie doch zugleich auf die Dimension des K&#252;nstlerischen, die in Aitmatows Novelle eine der zentralen Diskurslinien bildet. Exkurse zu Schicksal und Kunst liefern ideengeschichtliche Hintergrundinformationen und bilden einen weiteren Referenzpunkt, der in die eigene Lesart mit eingebunden werden kann. W&#228;hrend Kummer den Grundton der Novelle in ihrer Textfassung stark ver&#228;ndert, werden immer wieder kurze Passagen des Originaltextes eingebunden, die inszenatorisch z.B. durch Lichtspots besonders hervorgehoben zur Charakterisierung der Natur genutzt werden.</p>
<fig id="F7">
<caption>
<p><bold>Figure 7:</bold> Screenshot aus <italic>Djamila</italic>, Textfassung: Katharina Kummer 2021.</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-2-20095-g7.png"/>
</fig>
<p>Die Fokussierung auf die Natur, die bereits in Aitmatows Textfassung besonders auff&#228;llt, wird bei Kummer genutzt, um eine weitere narrative Ebene einzubinden vorzunehmen. Zur Stimmpluralisierung der Inszenierung, die insbesondere Djamila als sprechf&#228;hige, emanzipierte Hauptfigur auftreten l&#228;sst, aber auch die Perspektiven weiterer Figuren einbindet und erfahrbar werden l&#228;sst, tritt die Vorstellung der Umwelt, konkret der kirgisischen Naturlandschaft, als eigentliche Handlungstr&#228;gerin und Movens der Geschichte. Hier entfaltet die materialtheatrale Inszenierung der Aitmatowschen Textvorlage besonderes Potenzial, ist doch das Spiel mit Animation, Subjekt-Objekt-Verkehrung und dezentrierender Vernetzung ein grunds&#228;tzliches Kontinuum materialtheatraler Ann&#228;herung.</p>
<disp-quote>
<p>Auf die Frage, was mich besonders reizt, gibt es also drei Antworten: Was mich an Aitmatows Novelle reizt, ist, dass &#8211; auch wenn sie oft als Liebesgeschichte deklariert wird &#8211; aus meiner Sicht die Landschaft quasi die Hauptfigur des Textes ist. Sie ist eine magische Landschaft. Aitmatow transportiert diese Landschaft und ihren Zauber zu uns. Bei der Arbeit an meinem St&#252;ck reizte mich, dass ich viele Stimmen und Perspektiven in ihm verwebt habe. W&#228;hrend die Novelle in erster Linie aus der Sicht des Jungen erz&#228;hlt, guckt mein St&#252;ck aus vielen Augen. Aus den Augen der einzelnen gestalten des Buches aber auch aus den Augen der Steppe, der Tiere, der Augustnacht, aus der Vergangenheit und vielen mehr. Ich habe auch Gedanken von Interviewpartnerinnen in meinen Text verwoben, mit denen ich mich &#252;ber die Motive in Aitmatows Novelle ausgetauscht habe. Das St&#252;ck blickt also aus vielen Augen und spricht in vielen Stimmen. Aitmatow hat in seinem Text die Landschaft Kirgisiens gezeichnet und ich habe davon ausgehend eine Text-Landschaft gebaut, die ein wilder Spaziergang geworden ist. An der Inszenierung reizt mich, dass sie so viele Gegens&#228;tze zusammenbringt. Sie verbindet unterschiedlichste Welten, die sich, statt sich gegenseitig in die Quere zu kommen, den R&#252;cken st&#228;rken und einander halten durch ihre maximale Gegens&#228;tzlichkeit. Ein Beispiel ist Jan Leitners dystopische elektronische Musik in Kombination mit der Djamila-Story. Gehalten von der klugen abstrakten musikalischen Landschaft kann der Romantizismus des Aitmatowschen Erstlingswerks ungebremst ausgekostet werden. So k&#246;nnen wir uns sogar Kitsch leisten (<xref ref-type="bibr" rid="B20">J&#228;hring, 2022</xref>).</p>
</disp-quote>
</sec>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3 Theater als Denkraum des Un/M&#246;glichen</title>
<p>Wie aus den &#220;berlegungen ersichtlich wurde, arbeiten Kummers Inszenierungen ausgehend von einer sehr spezifischen Auffassung von Text, Zeichen und Figur in den Romanvorlagen angelegte Themen, Motive und Fragestellungen heraus und entwickeln diese weiter, indem sie konsequent mit und durch materialtheatrale Verfahren umgesetzt werden. Als Experimentierraum f&#252;r Subjektivit&#228;t, Polyphonie und Vielperspektivit&#228;t des Romans erm&#246;glicht die materialtheatrale Inszenierweise zum einen den enthierarchisierten und dezentrierenden Umgang mit den menschlichen Akteur:innen und den sie umgebenden Dingen und der Umwelt, erlaubt aber zugleich auch die prozessuale Figuration von Emotionen, die Verdopplung und Vervielf&#228;ltigung eines Subjekts zur Sichtbarmachung seiner inneren Ambivalenz sowie das Zeigen der Verflechtung zwischen Selbst und Umwelt, Selbst und Anderen, Ich und Emotionen, Kausalverkn&#252;pfungen usf. So verlagert sich in beiden St&#252;cken die Aufmerksamkeit von der empfindenden Hauptfigur, die bei Vian als Ich-Erz&#228;hler auftritt, bei Aitmatow durch die Augen eines Beobachters gelenkt wird, auf das gesamte Gef&#252;ge des Geschehens und skizziert die Wechselwirkungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen als miteinander verflochtenes Gewebe. Insgesamt entfalten Kummers Inszenierungen die Romanvorlagen als vielstimmige plurale Wirklichkeiten, wobei der Begriff der Animation in seiner &#220;bertragung auf s&#228;mtliche B&#252;hnenelemente maximal entgrenzt wird. Besonders tritt dabei die Funktion von Sprache in den Vordergrund, die in der oszillierenden Bespielung von Referenzialit&#228;t und Materialit&#228;t Formen der Bedeutungsproduktion, der Zeichenhaftigkeit und des Be-Deutens selbst performativ befragen.</p>
<disp-quote>
<p>Das Theater der Dinge thematisiert die Wandlung (Verwandlung und/oder Umwandlung) als Spiel, als kommunikative Interaktion, und formt sie zur Sendung, die einen Empfang hervorruft. Das bildhafte Herangehen wird als kreativer Prozess vorgef&#252;hrt, der Darsteller verfremdet sich, indem er sich aktiv verdinglicht und bewusst im Sinne der Sache &#8211; dem Spiel der Dinge &#8211; in den Hintergrund der B&#252;hnenereignisse tritt (auch wenn er sie steuert), um einem Ding die Subjektwerdung zu erm&#246;glichen (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Kavrakova-Lorenz, 2000: 72</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Die Verschiebung und Befragung bis hin zur Dekonstruktion von Referenzialit&#228;t, wie sie bei Vian und Aitmatow erprobt wird, finden in der materialtheatralen Herangehens- und Inszenierweise produktive Entsprechungen und erweitern andererseits die Romanvorlagen um bestimmte Perspektivierungen und Deutungsangebote.</p>
<disp-quote>
<p>Die Anwesenheit von Dingen auf der B&#252;hne und die von ihnen ausgehenden Zeichen ver&#228;ndern das Spiel, stellen den Menschen und seinen K&#246;rper in einen neu zu lesenden Zusammenhang darstellerischer Verfremdung. Theater gewinnt &#252;ber das Ding auf der B&#252;hne das Artifizielle zur&#252;ck, ger&#228;t wieder zu einer Schule des Sehens (<xref ref-type="bibr" rid="B25">Lehmann, 2016: 219</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Ein solches &#8220;Theater als Denkraum, der auch den Exzess, die Affekte, die K&#246;rper beherbergt und der erm&#246;glicht, &#252;ber die uns umgebende Wirklichkeit hinaus zu blicken&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Kummer, upcoming</xref>) &#8220;macht das Zuschauen selbst zu einem aktiven, kreativen, indem [es] Sinnesreize bietet, die erst zu einem &#228;sthetischen Erlebnis zusammengef&#252;gt werden m&#252;ssen&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Podehl, 2000: 86</xref>).</p>
<fig id="F8">
<caption>
<p><bold>Figure 8:</bold> Screenshot aus <italic>Djamila</italic>, Textfassung: Katharina Kummer 2021.</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="olh-12-2-20095-g8.png"/>
</fig>
<p>Mit dieser Perspektivierung l&#228;sst sich ein f&#252;r vorliegende Untersuchungen abschlie&#223;ender Aspekt anf&#252;hren, der in der Verbindung von Figurentheater und Roman von besonderem Interesse ist. Beschreibt Bauer das &#8220;Wechselspiel von Realit&#228;t, Fiktion und Imagination&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Bauer, 2005: 3</xref>) als zentrale Linie der Erz&#228;hlforschung des 20. Jahrhunderts, so erfahren diese in der Inszenierung entlang figurentheatraler Praktiken eine spannende Erweiterung. In einer analog zum Roman denkbaren grunds&#228;tzlich fiktionalen Rahmung arbeiten materialtheatrale Inszenierungen besonders seit dem Aufkommen offener Spieltechniken mit sichtbaren Vorg&#228;ngen von Zergliederung, Konstruktion, Figuration und Animation, die keinerlei Anspruch auf Realit&#228;t erheben, sondern vielmehr den Prozess der Wahrnehmung selbst fokussieren: &#8220;In jedem Augenblick sind wir gezwungen, eine Unterscheidung zwischen dem Realen und dem Imagin&#228;ren zu treffen, eine &#228;u&#223;erst durchl&#228;ssige, st&#228;ndig wechselnde Grenze, eine Grenze, die immer weiter hinausgeschoben wird, denn wir erkennen den imagin&#228;ren Charakter dessen, das wir gestern f&#252;r das Reale hielten&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B26">Migner, 1970: 63</xref>). Dieser Begriff von Wirklichkeit als wahrnehmungsbedingter Wirkzusammenhang ist materialtheatralen Spielweisen in ihrer Bezugnahme auf vorrepr&#228;sentative Praktiken genrespezifisch inh&#228;rent. So beschreibt Podehl Puppentheater &#8220;als grundst&#228;ndig epische Form, die mit dem Schein schon lange positiven Umgang pflegt&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Podehl, 2000: S. 86</xref>). Aus einer solchen Perspektivierung ergibt sich f&#252;r die Verbindung materialtheatrale Praktiken und Roman ein besonderes Potenzial im Umgang mit dem Begriff der Fiktionalit&#228;t, das sich in Kummers Inszenierungen entfaltet. Vians spezifische Auffassung von Fiktionalit&#228;t als literarisch eindeutig Imaginiertes, nicht unbedingt Wahrscheinliches, aber auch Aitmatows auf den ersten Blick realistisch erscheinende Novelle erfahren entlang materialtheatraler Praktiken eine Umsetzung, die den Abgleich zur Realit&#228;t nicht &#252;ber den narrativen, semantischen oder erz&#228;hllogischen Gehalt sucht, sondern vielmehr einen Raum der M&#246;glichkeiten er&#246;ffnet, indem sie zur Untersuchung des Erz&#228;hlgegenstandes &#8211; in Erz&#228;hltheorien beispielsweise als <italic>plot</italic> und <italic>story</italic>, Erz&#228;hlinhalt und Erz&#228;hlweise, <italic>histoire</italic> und <italic>discours</italic>, aber auch <italic>story</italic> und <italic>text, narrated</italic> und <italic>narrating</italic> unterteilt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Bode, 2011: 85</xref>) &#8211; die Frage nach dem Utopischen gesellt: &#8220;Wie (war&#8217;s/funktioniert es)? Wie k&#246;nnte es (auch) sein?&#8221; Mit dieser Rahmung lassen sich aus den B&#252;hneninszenierungen in Bezug auf das narratologische Verh&#228;ltnis von Erz&#228;hlkunst und Weltbild, das beispielsweise bei Hammer entlang der Begriffe Fiktion, Diskurs und Referenzialit&#228;t auch literaturtheoretisch als performative Struktur gefasst wird (<xref ref-type="bibr" rid="B17">Hammer, 2017: 14</xref>), eine zutiefst performative Dimension materialtheatraler Narration skizzieren, die diese als Vor- und Abbild von Wirklichkeit zugleich begreift, indem sie einerseits die reale Welt poetisiert und sich zum anderen der poetischen Welt des fiktionalen Geschehens deskriptiv &#8211; und im B&#252;hnengeschehen performativ &#8211; ann&#228;hert.</p>
<disp-quote>
<p>Entgegen dem Postulat von Realit&#228;t oder Identit&#228;t beschreibt Brunelli die K&#246;rper im Objekttheater als &#8220;unstete K&#246;rper, die sich in einem schwankenden Gleichgewicht befinden, wiederholte Gesten [&#8230;], fragmentarisierte K&#246;rper [&#8230;], die eine andere Realit&#228;t zeigen [&#8230;] &#8211; all das zeugt von einer partiellen Anwesenheit, zerlegt in Zeit und Raum.&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Eruli, 2000: 31</xref>)</p>
<p>Als Spiegel des Verh&#228;ltnisses von Erz&#228;hlkunst und Weltbild findet die Narratologie der Romanvorlagen ihre performative Dimension in den Inszenierungsarbeiten Katharina Kummers, die als &#8220;B&#252;hnenessays&#8221; in einer &#8220;Kombination aus performativem und konzeptuellem Arbeiten [&#8230;] die B&#252;hne als Szene exzessiven Denkens [&#8230;] nutzen.&#8221; (Website 3)</p>
</disp-quote></sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Der Titel bezieht sich auf die Beschreibung der Nutzung der &#8220;B&#252;hne als Szene exzessiven Denkens&#8221;, mit der Katharina Kummer ihre Arbeitsweise im Interview mit Romina Achatz (<xref ref-type="bibr" rid="B1">2019</xref>) f&#252;r FEM*POEM benennt.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Den Begriff des &#8220;Materialtheatralen&#8221; nutze ich f&#252;r meine theaterwissenschaftliche Untersuchung konkreter Spielpraktiken in den Feldern des Puppen-, Figuren-, Objekt- und Materialtheaters im Kontext meines Promotionsprojekts. Als Suchbegriff erm&#246;glicht er die Beschreibung und Analyse dieser Spielpraktiken, deren Spezifikum in der zentralen Fokussierung des Materials und seiner Materialit&#228;t als Ausgangspunkt theatraler Inszenierung liegt. So gehen materialtheatrale Praktiken genregeschichtlich spezifisch stets vom Material aus. Als konkrete Verfahrensweisen reflektieren sie im Bewusstsein der materiellen Situiertheit und Verfasstheit von Wissen die eigene Relationalit&#228;t und Kontextbedingtheit. Der f&#252;r vorliegendes Forschungsvorhaben entwickelte Begriff des Materialtheatralen versteht sich als terminologisch, methodisch und inhaltlich forschende Suchbewegung. Er verweist zum einen auf Material als Ausgangspunkt von Narrationen, Positionierungen der Akteur:innen und Bezugnahmen und verdeutlicht die Verflochtenheit von Wissen und Materialit&#228;t. Zum anderen betont der Begriff seine Ableitung aus theatralen Kontexten sowie die historische R&#252;ckbindbarkeit konkreter Spielpraktiken an figurentheatrale Genres. Er verdeutlicht zudem die interdisziplin&#228;re Relevanz und &#220;bertragbarkeit spezifischer Verfahrensweisen im Umgang mit Wissen und Materialit&#228;t.</p></fn>
</fn-group>
<sec>
<title>Competing Interests</title>
<p>The author has no competing interests to declare.</p>
</sec>
<ref-list>
<ref id="B1"><mixed-citation publication-type="webpage"><string-name><surname>Achatz</surname>, <given-names>R</given-names></string-name> <year>2019</year> <article-title>im Gespr&#228;ch mit Katharina Kummer <italic>B&#252;hne als Szene exzessiven Denkens</italic></article-title>. FEM*POEM. <uri>https://www.fro.at/buehne-als-szene-exzessiven-denkens/</uri></mixed-citation></ref>
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<ref id="B4"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Bachtin</surname>, <given-names>M</given-names></string-name> <year>1986</year> <source>Untersuchungen zur Poetik und Theorie des Romans</source>. <publisher-loc>Herausgegeben von Edward Kowalski und Michael Wegner. Berlin/Weimar</publisher-loc>: <publisher-name>Aufbau-Verlag</publisher-name>.</mixed-citation></ref>
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